Ein gewisser Brahms

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Das sagenhafte Vineta soll vor der Ostseeinsel Wollin untergegangen sein. Nach der Sage soll man, wen die See ganz still liegt, an sonnigen Tagen die Umrisse der Stadt am Meeresboden erkennen. Wenn man genau hinhört, seien auch die Kirchenglocken zu hören. Vineta wäre fast vergessen, wenn die legende nicht an sie erinnerte. So geht es mir mit der DDR, deren Umrisse ich nur noch mit Mühe erkenne, obwohl ich so lange in ihr gelebt habe. Die Gefühle von damals sind mir fremd geworden. Wenn ich Bilder des Verfalls sehe, den dieses Land in seinen letzten Jahren geboten hat, erschrecke ich, obwohl ich mich in dieser ruinierten Landschaft bewegt habe.

Der Schriftsteller A. Henry, ein Pseudonym, hat mit seinem jüngsten Roman die DDR zurückgeholt. Wie ich hat der Autor seine besten Jahre in der SED-Diktatur verbracht, aber sie nicht so abschütteln können, wie mir das gelang. Trotz seiner fast düsteren Grundstimmung ist der Roman eine kleines Meisterwerk. In mehrerer Hinsicht. Der Aufbau des Romas ist ebenso kompliziert, wie raffiniert. An einem verregneten Sommertag verschlägt es den Romanhelden Brahms in die Gegend, wo das Haus mit seiner ersten Wohnung stand. Es schüttet wie aus Gießkannen, deshalb folgt er, was er, als er hier wohnte, nie getan hat, der Einladung, sich beim örtlichen Frisör einen Haarschnitt verpassen zu lassen. Die Figur des Frisörs, in seinem früheren Leben Musiklehrer, dann Leichenwäscher, jetzt eben Figaro, verknüpft Henry die verschiedenen Zeitebenen miteinander. Der Salonbesuch findet im vereinten Deutschland statt.

Während sein Haupthaar bearbeitet wird, gibt sich Brahms seinen Erinnerungen hin. Seine erste Bude war ein Zimmer in einem Abrisshaus, wo er sich das Klo auf der Treppe mit anderen Mietern und deren Gästen teilen musste. Kein Wunder, dass man dort nicht heimisch wurde.

Heimatlosigkeit ist das Grundgefühl von Brahms, der sich dem Leben, wie es sich ihm bietet, nicht hingeben kann. Zwar ist er Buchhändler, aber irgendwie auf Abruf, weil er nicht weiß, was er sonst tun könnte. Ab und zu wird er von einer Frau erobert, aber nur kurz, denn außer bei Marion funkt es nicht. Und ausgerechnet Marion ist ein Fehlschlag. Begegnet war er ihr auf einer Paddeltour mit seinem Freund Raupe, der trotz seines eher abtörnenden Spitznamens anziehend auf Frauen wirkt. Raupe will unbedingt in den Westen und schafft es schließlich, wenn auch im Rollstuhl. Er hatte sich der Einberufung zur Armee entziehen wollen, indem er sich aus dem Fenster im dritten Stock stürzte. Brahms dagegen landet beim Militär und muss dort scheußliche Erfahrungen machen: erniedrigender Drill, sinnlose Schikanen, Ausgangssperren, wüste Saufereien, um den Alltag zu vergessen. Bei einer dieser Saufereien wird aus Versehen ein Familienvater erschossen, dessen Dienst in zehn Tagen zu Ende gegangen wäre.

Brahms besucht während seines ersten Ausgangs eine Kirche im nahegelegenen Städtchen. Er erfährt vom dortigen Pfarrer, dass sich dessen Amtsbruder Brüsewitz, dem das Buch gewidmet ist, öffentlich verbrannt hat, um gegen das SED-Regime zu protestieren. Er lehnt es ab, zu einer Gedenkveranstaltung im Nachbarort mitzukommen, weil der außerhalb des Gebietes befindet, in dem ihm der Ausgang erlaubt ist. Wahrscheinlich ist das sein Glück, denn kurz darauf wird er von der Staatsicherheit verhört. Einer seiner Stubenkameraden muss bemerkt haben, dass sich Brahms heimlich Notizen macht und das gemeldet haben. Zum Glück sind die Notizen nur Metaphern, Brahms kann sich rausreden.

Zwischen den Erinnerungsschüben taucht er immer wieder in der Wirklichkeit des Frisörsalons auf. Seine kurzen Wortwechsel mit dem Mann liefern die Stichworte für weitere Erinnerungen.

Brahms hängt an, dass er zu viel denkt. „Denken kann wie die Atombombe sein. einen zerstörerische Kettenreaktion“. Das missfällt nicht nur seinen militärischen Vorgesetzten, sondern auch seinen Chefs im neuen Deutschland, in dem Brahms bei einer Firma Verkäufer, erst für Hämotthoidensalbe, dann für Fäkalkollektoren, seinen Unterhalt verdiente. Als er in einer Schulung für Verkäufer saß, fielen ihm die Parallelen zu seinem Armeedrill auf. Als er, halb im Gedanken, die Losung seiner Kaserne „Wollen und Können“ vor sich hinmurmelte, fand sein Chef das einen coolen Slogan, den er sofort seiner Marketing-Abteilung nahelegen wollte. Der Geist in beiden Deutschlands ähnelt sich mehr, als uns lieb sein kann.

Auch bei dieser Firma landet Brahms mit einer Frau im Bett. Über diese Beziehung wird er mit einer Verlegerin bekannt gemacht, die sich für seinen Roman interessiert. Ob Brahms schließlich in einem Leben, das er seins nennen würde, ankommt, ist am Ende des Buches immer noch zweifelhaft. Aber eine Überraschung erwartet die Leser zum Schluss. Die Freundin seiner unerreichbaren Geliebten Marion, Phöbe, die im Ruf steht, ihre Kommilitoninnen an die Stasi zu verraten, taucht im neuen Deutschland im schwarzen Dienstwagen, umgeben von Bodyguards auf. Wer wissen will, wen diese Phöbe erinnert, muss das Buch lesen.

A, Henry : Ein gewisser Brahms



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