Wie die Sowjetunion als Vielvölkerstaat scheiterte

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Das Ideal des Sowjetimperiums wurde in der Nationalhymne besungen: „Von Russland, dem großen, auf ewig verbündet, steht machtvoll der Volksrepubliken Union…“ In Wahrheit war diese Union ein Völkergefängnis, in dem sich die Gefangenen bis zur Auflösung der SU nicht zum Sowjetmenschen gewandelt haben, sondern Abchasen, Armenier, Esten, Litauer, Letten oder Georgier blieben. Bis heute ist der Mythos Sowjetunion stärker als die Realität. Wer wissen will, wie es unter der Zwangsjacke aussah, muss zur Literatur greifen. Die ist in einer schier unübersichtlichen Vielfalt entstanden, in jeder ehemaligen Sowjetrepublik eine andere.

Georgien war immer der Traum vom Sowjetparadies. die Kaukasusrepublik. Mit seinem subtropischen Klima am Schwarzen Meer und dem trockenen Kontinentalklima im Osten mit milden Wintern, war es das Land, in dem den Menschen die Früchte in den Mund wuchsen. Die Russen pflegten, anders als zum Beispiel für die baltischen Staaten, eine schwärmerische Liebe zu Georgien, was nicht immer auf Gegenseitigkeit beruhte.

Als Georgien Gastland auf der Frankfurter Buchmesse war, staunte die deutsche Literaturszene über die Vielzahl der populären Mythen und gestalten der Geschichte der uralten georgischen Kultur und was die Schriftsteller daraus machten.

Einer der bekanntesten und meist gelesenen Autoren Georgiens ist Aka Morchiladze, der anschauliche Bilder des Lebens und der Kultur der Georgier liefert. Er steht damit in der Tradition des russischen Schriftstellers Alexander Gribojedow, der Georgien so sehr liebte, dass er eine georgische Fürstin heiratete. In seinem Roman „Der Filmvorführer“ gibt er einen Einblick in die Geschichte der Sowjetunion und die Umbrüche nach ihrer Auflösung.

Es ist die Geschichte einer ganz ungewöhnlichen Freundschaft zwischen Beso, einem georgischen Jungen und einem vierzig Jahre älteren Mann, den es in die kleine Stadt verschlagen hat, als Beso geboren wurde. Der Fremde wurde der „Tatar“ genannt, obwohl er keiner war, sondern aus dem persischen Teil der Sowjetunion stammte, aus dem er nach seiner Vertreibung nach Georgien deportiert wurde. Später musste er auch Tiblissi, die georgische Hauptstadt, verlassen, weil er für zwanzig Jahre in den Gulag geschickt wurde. Nach Stalins Tod durfte Islam Sultanow, so hatten die sowjetischen Behörden ihn getauft, nicht nach Tiblissi zurückkehren, sondern musste sich in einer georgischen Kleinstadt niederlassen, wo er als Filmvorführer sein Leben fristete. Die einzige Person, zu der er Kontakt unterhielt, war Beso.

„Ich mochte meine Jungs zwar sehr, aber für Isalm Sultanow empfand ich etwas Besonderes…Wir freundeten uns an, als ich noch ein Kind war, aber diese Kindheitsgeschichten waren etwas anderes. die richtige Freundschaft begann nach meiner Rückkehr aus der Armee. Etwas, was man eine Freundschaft nennt, das tausend sichtbare und unsichtbare Dinge beinhaltet…“

Eines dieser unsichtbaren Dinge war die Rettung Besos im Afghanistan-Krieg. Als er zur Armee eingezogen wurde, wies Islam ihn an, ein paar Sätze auf Arabisch auswendig zu lernen. Falls er in Gefangenschaft geriete, sollte er diese Sätze sagen und ein Papier, das er immer bei sich tragen müsste, überreichen. Was Islam auf das Papier geschrieben hatte und was die Sätze bedeuteten, erfuhr Beso nicht. Es schien lange Zeit, als würde Beso dem Afghanistan-Krieg entgehen, bis er nachts mit seinen Kameraden aus dem Bett geholt und ohne jede Erklärung auf Transport geschickt wurde. In Afghanistan wurde er als LKW-Fahrer eingesetzt. Seine Kolonne wurde überfallen, der erste und der letzte Wagen außer Gefecht gesetzt, so dass Niemand mehr vor- und zurück konnte. Dann wurden alle Fahrer erschossen. Als die Reihe an ihm war, begann Beso die arabischen Sätze aufzusagen und der Gewehrlauf senkte sich. Er überreichte das Papier und blieb am Leben.

Auch auf andere Weise half Islam Sultanow seinem Schützling. Interessanterweise erfährt man aus Morchiladzes Roman, dass in den siebzig Jahren Sowjetherrschaft sich die althergebrachten Sitten der Georgier wenig verändert hatten. Heiraten wurden nach wie vor von den Eltern arrangiert, Mädchen mussten als Jungfrauen in die Ehe gehen. Wurde die Heirat von den Eltern nicht akzeptiert, obwohl die jungen Menschen sich liebten, kam nur ein Entführung in Frage.

So eine Entführung organisierte Islam Sultanow für Beso. Dem jungen Paar gewährte er Obdach, bis die Männer, die von der Familie des Mädchens geschickt worden waren, um die Entführte unbeschädigt heimzuholen, abgezogen waren. Zum schnellen Zurückweichen der Verfolger trug bei, dass Bezos bester Freund aus Kindertagen zu den „Dieben im Gesetz“ gehörte, die schon in Sowjetzeiten eine Rolle spielten, vor allem Im Gulag bei der Schickanierung von politischen Gefangenen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion beherrschten diese Banden zeitweise das öffentliche Leben. Beso hatte Glück, dass ihm sein Freund aus Kindertagen seinen Schutz angedeihen ließ. Das junge Paar muss dann jahrelang mit den nächtlichen Schießereien leben, die der Umbruch in Georgien (wie in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken auch) mit sich brachte.

Eines Tages bekommt Islam Sultanow ganz überraschend Besuch. Die Männer sprechen eine unbekannte Sprache und erweisen dem Filmvorführer eine Ehrerbietung, als wäre er ein König.

Kurz darauf reist Sultanow aus dem Städtchen, in dem er fast 40 Jahre gelebt hat, ab.

Als Beso wieder von ihm hört, ist er als Kriegsheld im Kampf um die Befreiung seiner Heimat ermordet worden. Sutanow war der Khan von Kirbal, wohlbekannt in der arabisch sprechenden Welt. Beso hatte Afghanistan überlebt, weil auf dem Papier, das er dem Rebellen, der ihn erschießen wollte, überreichte stand, dass der Kahn von Kirbal darum bat, sein Leben zu schonen.

Morchiladzes Roman ist viel mehr als Literatur. Es ist ein Lehrstück über die komplizierte Geschichte des Sowjetimperiums und seiner Folgen. Ihn zu lesen, bildet ungemein!

 Aka Morchiladze: Der Filmvorführer



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