Corona in der Schule

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Von Gastautor Markus Kellner

Corona sei eine Epidemie, d. h. eine schwere Seuche, die sich rasch ausbreitet und das ganze Land befällt. In unserem Städtchen gibt es aber weniger als 1‰ Erkrankte (nachgewiesene Fälle). Das sind Einzelfälle, die noch nicht einmal statistisch nachweisbar sind.

Weder bei pflegerischem oder medizinischem Personal noch bei Lehrern oder Betreuern in der Schule sind irgendwelche Tests wegen einer Corona-Infektion vorgesehen. Auch hat das RKI keine Obduktionen angeordnet, um sich wenigstens nachträglich ein Bild von der Art der Erkrankung und Zahl der an Corona Verstorbenen zu machen. Die Ausbreitung des Virus soll nur durch nichtmedizinische Maßnahmen verhindert werden. Die Informationen über Corona sind höchst lückenhaft und die Maßnahmen der Politiker sind unzureichend begrün­det und rechtlich z. T. nicht haltbar. Ich hätte nie gedacht, dass so viel Dilettantismus in einem hochentwickelten Industrieland möglich ist.

Nun ist auch unsere Schule sachdienlich präpariert. Vor den Eingangstüren liegen schwere, schwarze Fußplatten, in denen ein Vierkantrohr mit einem mobilen Wandspender für Des­infektionsmittel steckt. Ein jeder, der eintreten möchte, ist angehalten, sich die Hände mit Sterillium einzureiben. Auf der ersten Treppenstufe klebt dann ein laminiertes Schild in feuerroter Signalfarbe: „Treppe für Schüler gesperrt!“. Alle Flure sind akkurat mit Signal­band abgeklebt in Bereiche, auf denen man gehen muss, oder Inseln, die man nicht betreten darf; selbst die Laufrichtung ist genau vorgegeben. Auch der gepflasterte Schulhof vor den Eingangstüren ist mit Klebeband in Quadrate abgeteilt.

Die Klassenräume wurden in einer konzertierten Aktion zur Hälfte ausgeräumt. Die über­zähligen Stühle und Tische sind aber nicht an den Rand gerückt, damit sie nicht doch ver­botenerweise benutzt werden. Sie durften aber auch nicht draußen im Treppenhaus ver­bleiben, weil sie ja eine Brandlast sind und nach dem Virus dann zusätzlich noch das Feuer droht. Mit gelb-schwarz gestreiftem Klebeband ist ein Strafraum vor der Wandtafel markiert, den der Lehrer auf keinen Fall verlassen darf, um seinen Schülern ja nicht zu nahe zu kom­men. Klebewinkel in Wespenzeichnung – vgl. dazu auch die Kennzeichnung der Häftlinge im KZ – auf dem Fußboden legen den Standort der Tische exakt fest und auf den Tischen ist mit Filz­stift zusätzlich noch die genaue Sitzposition der Schüler eingezeichnet.

Im Lehrerzimmer gibt es einen Kreisverkehr, dessen antimathematischer Sinn im höch­sten Maße politisch verdächtig ist, zumal die Richtungspfeile auch noch schwarz sind und vom Schwarzen Mann, dem Bürgermeister (CDU), geklebt wurden. Er hat seiner Frau, einer Personalrätin, bei der Bodenmarkierung geholfen. Auch die Kaffeeküche der Lehrer ist für ihre Benutzer gesperrt (wg. möglicher Schmierinfektion). Dieser Eifer, ja Übereifer, der be­dingungslose Glaube an die Mission gegen das unheilvolle Virus hat für mich paranoid-schi­zophrene Züge, denn landesweit wittern Verantwortliche wie auch einfache Bürger hinter jeder Hausecke und in fast jeder Pore ihrer Haut den Gevatter Tod. So in etwa ertönt auch der morbide Klagegesang unserer emanzipierten, hölzern-erotischen Kolleginnen.

Die Türen zu den Klassen- und Fachräumen stehen offen, so dass alles für alle einsehbar ist – für mich ist es ein Gefühl wie vor der Wahlkabine bei den Wahlen zur „DDR“-Volkskammer. Selbst die Türen zu den Toiletten stehen offen, die Durchgangstür zu den Kabinen ist aber zum Glück geschlossen. Auf der Herrentoilette haben unsere übereifrigen und emanzipierten Damen ein Schild in Feuerrot über das Pissoir geklebt: „Nur Kabinen benutzen“. Der Spen­der für die Desinfektion der Hände ist abmontiert, denn er wird anderswo gebraucht und man hatte wohl vergessen, rechtzeitig neue Geräte zu bestellen; die Damen haben ihren Spender jedoch behalten. Die Hyperdetermination der Anweisungen vor Ort und die Über­erfüllung der Planvorgaben zum Infektionsschutz sind entlarvend und ziemlich peinlich, doch unsere Akteure merken es noch nicht einmal.

Mit großer Hingabe hat sich die Schulleiterin werktags, feiertags und sogar sonntags (sic!) der praktischen Umsetzung der Hygienevorschriften gewidmet; das ist die Stunde der Prag­matiker des Lebens und der kleinen Leute, die nun den Alltag bestimmen. Aus eigener An­schauung habe ich jetzt erfahren, was eigentlich ein Blockwart („3. Reich“) oder Hausver­trauensmann („DDR“) ist, welche Mentalität sie haben: Kleingeister, die sich allmächtig füh­len, als Damen und Herren über Leben und Tod. Der Hausmeister, auch ein solcher Praktiker des Lebens, steigt zum starken Mann der Schule auf. Die blinde Gefolgschaft williger Helfer auf der einen Seite und der Kadavergehorsam unserer „kritischen“ Akademiker und Verant­wortlichen (auch der Naturwissenschaftler!) auf der anderen Seite hat mich zutiefst er­schrocken. Ich bin mir absolut sicher: Ein quartum oder auch quintum imperium ist in Deutschland jederzeit möglich.

Im Lehrerzimmer unterhalten sich die Kolleginnen nur noch mit gedämpfter Stimme, eine Atmosphäre fast wie auf einer Beerdigung. Nur über den Bildschirm der Ober­stufenleiterin läuft der Schriftzug „Alles wird gut“. Das ist dann wieder bester Krisenbewältigungs­kitsch.

Dank Corona sind wir vollends zur Dackelschule geworden, 2020 (Orig.: Hundeschule, 1933)



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