Diese wirtschaftlichen Folgen von Corona betreffen mich

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Von Gastautor Michael Wolski

Als Folge der massiven Einschränkungen bei Bewegungsfreiheit und Gewerbeausübung aufgrund von COVID-19, die ab Mitte März bundesweit in Kraft traten, übertreffen sich jetzt die Medien mit Horrorszenarien zur aktuellen und zukünftigen Wirtschaftslage. Deutschland ist in der schwersten Rezession seit Gründung vor 70 Jahren, die Rezession von 2009 wird bei Weitem übertroffen.

Nun ist Wirtschaft ein sehr komplexes Thema zu dessen Verständnis man mehrere Jahre studieren kann. Ich möchte nur einige Aspekte herausgreifen, die Otto-Normalverbraucher unmittelbar betreffen und aufzeigen, was das für jeden Einzelnen von uns in absehbarer Zeit bedeutet und wie man sich darauf vorbereiten kann:

Angenommen, die Beschränkungen werden im Juni aufgehoben, weil das von der Technischen Universität Singapur beschriebene Szenario eintritt, dann haben Teile der deutschen Wirtschaft mehr als 10 Wochen durch amtlich verordnete Schließung schwer gelitten und einige Tausend Betriebe haben dann schon aufgegeben. Beim Gang durch die Einkaufsstraßen fallen schon jetzt die abgeklebten Schaufensterscheiben der Einzelhändler ins Auge. Bis zum Sommer kommen noch viele hinzu.

Andere Betriebe sind durch Schließung weniger betroffen und ein kleiner Teil der Unternehmen profitierte davon (bspw. Lieferdienste, Versandhandel, Medien, Apotheken und Lebensmittelhandel).

Die Medien meldeten nun die ersten Zahlen zu den Verwerfungen am Arbeitsmarkt im April:

10 Millionen Kurzarbeiter, über 360.000 neue Arbeitslosmeldungen. Hinzu kommen etwa 1 Million Soloselbstständige und Freiberufler, die einen finanziellen Zuschuss durch Investitionsbanken der Länder erhielten (das sie überwiegend nicht sozial-pflichtversichert sind). Etwa 1,6 Millionen Mieter haben bundesweit bereits im April von der jetzt gesetzlich erlaubten Stundung der Miete Gebrauch gemacht. Wie viele werden es im Juni sein?

Sollten Sie zu diesen Betroffenen gehören, dann sind Sie sicher schon beim Umschichten Ihres Budgets und auf der Suche nach neuen Einnahmequellen. Sie haben eine Streichliste für Ausgaben angefertigt, schnallen „den Gürtel enger“ und machen sich (widerwillig) mit den Regelungen zur Grundsicherung durch das Jobcenter vertraut.

Für alle, die noch ihren Arbeitsplatz haben, ist es wichtig, sich allmählich Gedanken zu den Auswirkungen zu machen und die individuelle Situation real und schonungslos einzuschätzen.

Betrachten wir zuerst die Anzahl der Arbeitsplätze in Deutschland:

Wir hatten in Deutschland Ende 2019 etwa:

  • 33,6 Millionen sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze
  • 7 Millionen geringfügig Beschäftigte, davon etwa 3 Mio. im Nebenjob
  • 2 Millionen Beamte, darunter etwa 0,5 Mio. beim Bund

Ohne Selbständige in Land-Forstwirtschaft und Fischerei gibt es laut IFM Bonn

  • etwa 1,5 Millionen Freiberufler, darunter etwa 1 Million Soloselbstständige
  • etwa 3,5 Million Selbstständige (Gewerbetreibende)
    darunter 2,1 Million Soloselbstständige

Fast 90% aller Unternehmen (von etwa 3,5 Millionen) in Deutschland haben als Kleinunternehmen weniger als 10 Mitarbeiter. Sie beschäftigen etwa 14% aller sv-pflichtigen Mitarbeiter.

Wir finden diese Unternehmen überwiegend im Handwerk – das sind etwa 1 Million Betriebe mit 5,5 Millionen Mitarbeitern.

Eine weitere große Gruppe sind die freien Berufe. Es gibt etwa 1 Million Solo-Freiberufler und etwa 0,5 Millionen mit mindestens einem Angestellten. Sie sind überwiegend in künstlerischen, beratenden, lehrenden und medizinischen Berufen tätig.

Das bedeutet, dass Angestellte in Kleinunternehmen (bis 10 Mitarbeiter) keinen Kündigungsschutz haben.

Auf der anderen Seite der Skala finden wir die Großbetriebe Deutsche Post, Deutsche Telekom, Deutsche Bahn, Volkswagen, Audi, die Sozialkonzerne Caritas, Diakonie sowie die Bundes – und Landesbehörden die etwa die Hälfte der sv-pflichtigen Arbeitnehmer beschäftigen.

Mit Ausnahme der Sozialkonzerne und der Behörden haben sie alle schon Probleme mit den wirtschaftlichen Auswirkungen von Corona und einige haben ihre Produktion teilweise eingestellt.

Bricht demnächst – wie zu erwarten – die Steuerzahlung zusammen, dann wird die Finanzierung der Behörden und Sozialkonzerne ebenfalls prekär.

Eine Lösung nach diesem historischen Vorbild?

Erinnern wir uns an die Reformen Reichskanzlers Brünings nach der Weltwirtschaftskrise 1929.

Mehr dazu hier: Die Sparpolitik von Brüning

Brüning reagierte auf die sinkenden Einnahmen, indem er durch Notverordnungen eine radikale Sparpolitik betrieb: Kürzung von Arbeitslosengeld, Kürzung der Renten, Kürzung der Beamtengehälter, Absenkung der Löhne um 45 %, Kürzung aller Wohlfahrtsausgaben

Auf der Einnahmenseite reagierte er flexibel: Er erhöhte die indirekten Steuern: Die Salzsteuer, die Tabak-und Biersteuer, er erhob eine allgemeine Kopfsteuer und eine Krisensteuer.

Parallel senkte er aber direkte Steuern: Senkung der Gewerbesteuer, Senkung der Einkommenssteuer, Abschaffung der Kapitalertragssteuer.

Die angeschlagenen Banken wurden 1931 verstaatlicht und mit Steuergeldern saniert.“

Kommt es zu einer ähnlichen Reaktion der Bundesregierung, wären dann mit Ausnahme von Landwirtschaft, Fischerei und Lebensmittelverarbeitung / Handel alle Bereiche der Volkswirtschaft schwer getroffen. Auch Rentner und Pensionäre werden dann zur Kasse gebeten. Sei es durch Rentenkürzungen oder durch die zu erwartende Inflation bei eingefrorenen Renten/Pensionen.

Gegenwärtig werden Euro ohne Ende gedruckt und in die Wirtschaft gepumpt. Das erhöht die Gefahr der Inflation. Wir sind also ausnahmslos alle von dieser Entwicklung betroffen.

Was lehrt uns in dieser Situation Maslows Bedürfnishierarchie?

Der amerikanische Psychologe Maslow hatte in den 40iger Jahren in vereinfachter Weise menschliche Bedürfnisse und Motivation in einer Pyramide dargestellt.

Diese Bedürfnishierarchie kann wie folgt unterteilt werden (von unten nach oben):

  1. Grundbedürfnisse, wie Nahrungsaufnahme, Fortpflanzung
  2. Sicherheitsbedürfnisse wie materielle Grundsicherung, Arbeit, Wohnung, Familie, Gesundheit
  3. Soziale Bedürfnisse wie Familie, Freundschaft, Zugehörigkeit zu Gruppen,     Kommunikation
  4. Individualbedürfnisse wie Vertrauen, Wertschätzung, Selbstbetätigung
  5. Selbstverwirklichung wie Kreativität, Potenziale und Talente entfalten

Jetzt können Sie prüfen, welche Ausgaben Sie sich in den einzelnen Stufen noch leisten können.

Dabei sollten Sie auch schmerzhafte Fragen beantworten, wie:

  • Wohnen ist als Sicherheitsbedürfnis aufgeführt. Aber ist für mich meine 80 qm Wohnung als Alleinstehende/r nicht auch ein Individualbedürfnis? Spätestens bei der Vorstellung im Jobcenter wird darauf eine Antwort gegeben – man wird die Miete nicht übernehmen.
  • Arbeit fällt auch in die Gruppe 5 – Selbstverwirklichung: Aber wenn es keinen Job mit Selbstverwirklichung gibt, muss ich froh sein, irgendeinen Job angeboten zu bekommen.

Wir erkennen bei Durchleuchtung unseres Haushaltsbudgets und der bisherigen Ansprüche, dass auf absehbare Zeit andere Standards unser Leben bestimmen werden. Back to the roots. Das bedeutet dann aber auch für viele Anbieter von Produkten und Leistungen im oberen Segment (Gruppe 3-6) dass Produkte und Leistungen aus dem Luxussegment weniger nachgefragt werden.

Für Sie macht es bspw. Sinn, bevor der Run einsetzt, sich schon jetzt eine kleinere Wohnung zu suchen und auf den Luxus von vielen Quadratmetern zu verzichten. Urlaub dann in Balkonien, verbunden mit dem Verzicht auf das neue Smartphone oder den TV, Reparatur statt Neukauf!

Nutzen Sie die Zeit bis zum Sommer, und machen Sie sich mit Maslow vertraut. Noch haben Sie Zeit, selbst einige Weichen zu stellen, bevor andere Ihnen die Richtung vorgeben.

Auswirkungen von Außen:

Betrachten wir die Weltwirtschaft, fällt auf, dass der Ölpreis seit etwa 3 Wochen als Ergebnis des drastisch verminderten Verbrauchs dank Corona im Keller ist. Das ist zwar schön für den Autofahrer und Betreiber einer Ölheizung. Aber es beschert den Exporteuren in Deutschland Kopfschmerzen.

In den USA gehen jetzt reihenweise Fracking-Firmen bankrott (sie benötigen mindestens $35 je Fass, der Markt liegt bei $17). Für die USA katastrophal, denn zu den Arbeitslosen wegen Corona kommen nun jene aus dem Ölgeschäft. Die anderen Ölförderländer müssen zuschießen. Alle werden sie weniger Geld für Importe aus Deutschland haben, was hier die Lieferanten zu Produktionskürzungen veranlassen wird. Weitere Arbeitslose stehen auf der Straße und die Welle erreicht dann die Lieferanten für Maschinen und Ausrüstungen zur Herstellung der Exportprodukte.

Eine Re-Dimensionierung von Kapazitäten von Industrie, Groß – und Einzelhandel, bei Werbeagenturen und Medien (wg. Ausfall von Werbebudgets und Abonnements), Mietwagenverleihern, Versicherungen, Fluggesellschaften, Hotels und Gastronomiebetrieben in gigantischen Ausmaß beginnt. Der Arbeitsmarkt schrumpft dramatisch. Vermieter – seien es private oder Unternehmen – bekommen Probleme mit der Bank, die Immobilienpreise fallen und keiner wird Geld haben, zu kaufen.

Unklar ist, wann es endet.



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