Weniger böse Treibhausgase

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Von Gastautor Olaf Lorke

Der CO2-Ausstoß in Deutschland ist im Jahr 2019 stark gesunken, und zwar überraschend. Überraschend jedenfalls nach der offiziellen Deutung; Insidern war das schon vorher klar. Im Vergleich zum Jahr 1990 konnte der CO2-Ausstoß um 35 % gesenkt werden und im Vergleich zu Vorjahr verzeichnen wir einen Rückgang um mehr als 50 Mio t CO2. Eine der Ursachen: Die Zertifikatpreise für CO2 sind gestiegen (von etwa 10 auf etwa 25 €/t), sodass in der Stromerzeugung eine Verschiebung von Kohle zu Gas stattfand.

Also ein großer Erfolg für alle. Nicht nur für die, die ihren erbitterten Kampf gegen die Treibhausgase belohnt sehen möchten. Wir sollten das zunächst positiv sehen.
Politiker, voran Umweltministerin Schulze, schreiben sich diese Erfolge auf ihre Fahne. Das ist, gelinde gesagt, fast lächerlich. Diese sind ihnen nämlich in den Schoß gefallen.

Hier sind die wichtigsten Erfolgsmeldungen, die die Denkfabrik Agora Energiewende verkündet hat:

  • die Erneuerbaren haben bei der Stromerzeugung mittlerweile einen Anteil von fast 43 %
  • die Erneuerbaren erzeugen erstmals mehr Strom als Kohle- und Kernkraftwerke zusammen und schaffen nunmehr fast die Marke von 250 Mrd. kWh
  • günstiger Strom aus immer mehr erneuerbaren Anlagen führt langfristig zu sinkenden Strompreisen

Gleichzeitig gibt man zu, dass es im Verkehrs- und Gebäudesektor noch große Probleme gibt, was die Emissionen betrifft. Im Verkehrssektor sind die CO2-Emissionen sogar gestiegen. Man schiebt das gerne auf die SUVs. Das ist übrigens ziemlicher Unsinn. Es gibt im Verkehrssektor noch sehr viele andere, weit wirkungsvollere Einspar-Potentiale (z.B. kürzere und weniger Transportwege).
Schaut man sich die Diagramme zur Bruttostromerzeugung an, in denen die erneuerbaren Energien einen stetigen Zuwachs bis heute verzeichnen, dann kann man den Optimismus durchaus teilen. Obwohl ich von Haus aus Optimist bin, muss ich hier leider etwas Wasser in den Jubel-Wein gießen. Es ist Einiges zu hinterfragen.

Zu den euphorischen Meldungen zum Anteil der Erneuerbaren an der Bruttostromversor­gung wäre beispielsweise noch Folgendes zu erwähnen:

  • Es ist problematisch, nur den Stromsektor zu betrachten, der nur 18 % des gesamten Energiesektors ausmacht. Nimmt man alle Sektoren (Strom, Wärme, Verkehr) zusammen, verharren die nicht-fossilen Energieträger auf einem Anteil von 20 %. Windkraft und Photovoltaik gemeinsam schaffen es im Gesamtsystem momentan kaum über 5 %!
  • Private Haushalte verbrauchen 25 % des gesamten Stromes. Gemeinsam betrachtet mit den oben genannten 18 % haben diese also nur einen Anteil von 6 % des gesamten Energieeinsatzes. Das wird den Bürgern nicht klar gemacht; der private Bereich wird immer überbewertet. Entscheidend ist aber u. a. die Industrie.
  • Man müsste viel mehr Augenmerk auf Heizung/Kühlung/Warmwasser (32 % des Gesamtenergieverbrauchs), Industrie-Prozesswärme (24 %) und Straßenverkehr (38 %) legen. Hier sind die Erneuerbaren im Moment „außen vor“.
  • Es werden Blöcke von Kohle-Kraftwerken in Reserve geschickt (Jänschwalde). Das heißt, man weiß, dass man sie noch braucht und hält sie in Bereitschaft. Sie gehen aber natürlich nicht mehr in die Auswertung ein.

So mancher fragt sich vielleicht, warum wir 2019 eine höhere Ausbeute aus Windkraft hatten als z. B. im Vorjahr, obwohl es nahezu keinen Zubau an Windrädern gab. Das Jahr 2019 war eben etwas windreicher (im 1. Halbjahr 65,5 TWh, 2018 erstes Halbjahr: 54,9 TWh).

Insgesamt setzt sich aber die Stagnation in der Windenergiebranche fort. Ab 2013 gab es eine hohe jährlich installierte Windkraftleistung (2017 über 5 Gigawatt). Ab 2018 gab es den Einbruch (2,4 GW). In Zukunft könnte es noch wesentlich größere Probleme aufgrund wegfallender Förderung für alte Windkraftanlagen geben. Schadenfreude ist nicht angebracht. Aber man darf auf die weitere Entwicklung sehr gespannt sein.

Mir kommt die jährliche prozentuale Erhöhung des Anteils regenerativer Energie wie ein Rausch vor. Man glaubt, dass ein ständiges „Weiter so“ bei der weiteren Steigerung die Lösung bringen wird. Wenn wir 43 % des aktuellen Stromes aus erneuerbaren Quellen holen können, glauben die Deutschen tatsächlich, dass wir auch in dieser Größe mit regenerativem Strom gesichert versorgt werden können. Das ist ein großer Irrtum! Die Erneuerbaren können nach wie vor keine Systemverantwortung übernehmen. Für die Versorgungssicherheit werden parallel noch immer herkömmliche Kraftwerke gebraucht.

Auch in weiterer Zukunft kann man sich nicht vorstellen, den Energiebedarf ganz aus erneuerbaren Energien zu decken. Wichtig wäre, die Bevölkerung mit ehrlichen Zahlen zu versorgen und nicht die gesamte Deutungshoheit und Informationspolitik den Klima-Hysterikern zu überlassen.

Ich möchte noch darauf eingehen, dass 2019 weniger Strom verbraucht wurde als in den Vorjahren. Das ist erfreulich und zum Teil tatsächlich auf Effizienzsteigerungen und Energieeinsparungen zurückzuführen.

Aber es gibt natürlich noch andere Einflüsse. Der geringere Energieverbrauch resultiert auch aus heruntergefahrenen Kapazitäten aufgrund einer möglichen Konjunkturabschwächung in unserer Wirtschaft. Wichtige Grundstoff- und Schlüsselindustrien wie die Stahl-, Aluminium- und Chemieindustrie sind vorsichtig geworden, investieren nicht mehr und/oder ziehen sich offensichtlich langsam aus Deutschland zurück. Das Schreddern der Automobilindustrie durch unsere Politik ist ohnehin offensichtlich.

Also, wenn wir uns über sinkenden Energiebedarf in der Industrie freuen, sollten wir einmal genau hinschauen. Wenn sich die Industrie langfristig zurückzieht und der Energieverbrauch irgendwann vor allem aus DIESEM Grunde sinkt, dann haben wir vermutlich etwas falsch gemacht. Anzeichen für eine solche Entwicklung gibt es genug.

Alle Länder versuchen, auch aufgrund des Pariser Klimaschutzabkommens, ihren Energie­-Mix breiter aufzustellen und fassen sogar wieder die Kernkraft ins Auge. Nur Deutschland tut das als einziges Land nicht, setzt allein auf regenerative Energieträger, rennt damit ins Ver­derben und macht sich in Zukunft von Stromimporten abhängig. Hätte man die Gesetze der Physik beachtet, wäre das nicht passiert. Warum nur sind deutsche Politiker so blind, wo doch fast jeder Laie erkennt, wohin der Hase läuft? Die Vertreter der Industrie, die es eigentlich besser wissen und Verantwortung übernehmen müssten, verhalten sich leider opportunistisch, denn sie wollen nur an die Fördertöpfe herankommen.
Deutschland als Vorbild für andere, denn nur wir können es. Ja, das wird oft propagiert.

Nein. Deutschland wird ein Vorbild dafür, wie man es NICHT machen sollte.



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