Gedanken eines Landwirts zum neuen Jahr

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Sehr geehrte Frau Ministerin Otte-Kinast,

ich möchte Ihnen die Gelegenheit geben, in mein Seelenleben als Landwirt in Ihrem Alter, (Sie Frau Ministerin waren einmal Hauswirtschaftsleiterin in Loccum, während dieser Zeit war ich Winterkursteilnehmer 1989 dort) einzutauchen. Mit meiner Familie, zu der meine Frau Dorina (52), meine Kinder Johannes (20), Birte (19) und Christoph (18) sowie meine Eltern Reinhard (85) und Gertrud (84) gehören bewirtschafte ich seit 1995 unseren landwirtschaftlichen Betrieb im Landkreis Rotenburg, in der Samtgemeinde Sottrum, der Gemeinde Bötersen im Ortsteil Höperhöfen und neuerdings auch in einer roten Gebietskulisse. Der Betrieb ist urkundlich seit 1747 im Besitz unserer Familie. Als meine Frau und ich den Betrieb übernahmen waren wir ein typischer Gemischtbetrieb mit 30 Milchkühen, 30 verkauften Mastbullen, 700 verkauften Mastschweinen, 20 Hühnern und den entsprechenden Acker und Grünlandflächen dabei. Die Stimmung auf dem Betrieb in meiner Kindheit und Jugend war fast immer gut, vermiesen konnte diese allerhöchstens mal Hagel, schlechte Preise oder Ähnliches.

Unternehmerisch haben wir uns dem Wandel angepasst und den Betrieb umgebaut zu einem Jungsauenaufzuchtbetrieb, wir verkauften im Bereich zwischen Elbe und Ems erfolgreich unsere Jungsauen. Das ging ordentlich, solange Ferkelerzeuger weitestgehend stabile politische Rahmenbedingungen hatten und ihre Familie auf den traditionell eher flächenschwachen Betrieben ernähren konnten. Ferkelerzeuger vermissen dieses politische Umfeld mittlerweile mindestens seit 15 Jahren und es wird jedes Jahr von der Politik eine neue Idee vorgestellt, wie man die Ferkelerzeugung in Deutschland zum Ende bringen kann. Mittlerweile denken selbst große Betriebe an die Aufgabe dieses Betriebszweiges!
Ich denke, es erübrigt sich, über den Strukturwandel in der Ferkelerzeugung zu schreiben. Jedenfalls werden dort wo Ferkelerzeuger vorwiegend politisch verschuldet aufhören, auch keine noch so hochwertigen Jungsauen mehr benötigt, damit ist auch unsere Jungsauenaufzucht ein sterbender Betriebszweig.

Wir folgten als Unternehmer, nicht zuletzt auch dem politischen Willen oder Anreiz und stiegen 2007 in die Biogasproduktion ein. Bei all unseren Aktivitäten haben wir uns immer in dem gesetzlichen Korridor bewegt und zwar im Glauben an eine funktionierende Demokratie und im Glauben an Gesetzgeber, die sich auch, und zwar wertneutral, in diesem gesetzlichen Korridor bewegen. Hier fehlt jedoch jedwede politische Zuverlässigkeit darüber, ob es nach Ablauf der Vertragszeitläufe weitergehen kann und soll! Aktuelle Ausschreibungsverfahren sind für die meisten Anlagen kaum eine Option zum weiteren Betrieb, also steht zu befürchten, dass auch hier eine gewaltige Kapitalvernichtung einsetzen wird und die Anlagen reihenweise stillgelegt werden.

Vor 3 Jahren haben wir als Familie gemeinsam entschieden, unseren Betrieb umzubauen, weg von größer, höher, schneller und weiter, hin zu, regional nachhaltig und direkt. Wir halten mittlerweile Legehennen, Masthähnchen und Freilandschweine in Mobilställen und vermarkten unsere Produkte nach dem Bau eines sogenannten Primärschlachtraumes, mit zunehmender Tendenz direkt an die Verbraucher. Auch in diesem Betriebszweig ist es täglich offensichtlich, dass uns unser eigener Staat offensichtlich nicht vertraut, im Gegenteil uns sogar manisch misstraut! Uns werden täglich gesetzliche Hürden von allen möglichen Behörden in den Weg gestellt, die jedes Sinns entbehren. Wir dokumentieren und verwalten uns wunde Finger! Mittlerweile ist der Dschungel an Bürokratie in unserem Betrieb fast nicht mehr beherrschbar, jeder Versuch, den die Politik als Bürokratieabbau angepreist, wird von der Verwaltung der gleichen Politik konterkariert.

Mein ältester Sohn hat im letzten Jahr erfolgreich seine Lehre zum Fleischer abgeschlossen, der jüngste ist im zweiten Ausbildungsjahr zum Landwirt und auch ein heller Kopf. Eigentlich sollten wir uns freuen, wir haben eine Nachfolge und haben, sofern sich die beiden einig sind, sogar zwei Söhne, die den Betrieb gemeinsam in die Zukunft führen würden.

Der Frust bei mir und meiner Frau sitzt so tief, dass ich es nicht in Worten ausdrücken kann! Wir sind kein Mitglied im Bauernverband, weil wir abgesehen von der regionalen zum Teil ordentlichen Arbeit, der Politik des Präsidiums des DBV seit langem nicht mehr folgen können. Von Beginn an bin ich aber im AdminTeam auf Kreisebene des Bündnisses „Land schafft Verbindung“ (LsV) aktiv. Ich war auf Mahnfahrt, ich war mit dem Schlepper in Hamburg und ich war auch mit dem Schlepper in Berlin. Weil ich der Meinung bin, dass ich derjenige bin, der jetzt kämpfen muss für eine Landwirtschaft in Deutschland, die tragbar ist. Tragbar insbesondere für die Familien, die dahinter stehen. Im Moment unter dem Eindruck der nächsten anrollenden Bürokratiewelle ohne Sinn und Verstand, erkenne ich das nicht! So wird die Landwirtschaft abwandern in industrielle Hände und an industrielle Geldgeber oder sogar ins Ausland. Es wird einen gewaltigen Strukturbruch geben. Wenn das so sein soll, dann bitten wir Landwirte die Politik darum, das auch uns gegenüber so zu kommunizieren!

Unter diesen Umständen sollte sich das kein junger Mensch antun, diesen Beruf, so schön und traditionsreich er sein mag, zu ergreifen! Nicht zuletzt, weil in der heutigen Zeit die Stimmung auf dem Betrieb fast immer schlecht ist, nicht wegen zwei aufeinander folgender Dürren und einem nassen Jahr vorweg! Bauernbashing, Kindermobbing, Wolfspolitik, Agrarpaket, Ackerbaustrategie, Düngereform der Düngereform usw. das gesamte Umfeld stimmt nicht und daran scheint die Politik sogar ein Interesse zu haben. Anders ist die Ignoranz auf Bundesebene nicht zu erklären, die auf den Demos von den Ministerinnen Klöckner und Schulze zu Markte getragen wurden.
Das Treffen im Kanzleramt am 02.12.19 war ein Witz! 39 Organisationen eingeladen und 180 Minuten Zeitfenster? Mich beschleicht das Gefühl dies war ein Termin, um Zeit zu gewinnen und im Hintergrund Tatsachen zu schaffen. Frau Merkel sagte in den darauf folgenden Tagen auf eine Anfrage: „Wir haben keine Zeit mehr, um Messnetze zu prüfen bzw. zu schaffen.“ – wir – warum wir? Die Politik hat geschlafen und wir sollen es ausbaden! Die Verantwortlichen gehören vor Gericht gestellt, Landwirte mit solchen Lücken wären von der Politik und ihrem verlängerten Arm längst um ihr gesamtes Hab und Gut gebracht worden!

Einige Anmerkungen zu totalen Missständen kann ich einfach aus dieser Nachricht nicht herauslassen. Sind wir eigentlich eine Bananenrepublik? Warum werden die Karten mit Messstellen und mit Trends dieser Messstellen bewusst manipuliert? Damit das Ergebnis passt? Da werden Kartenspielertricks angewendet um gewünschte visuelle Effekte zu bekommen! Haben die Politiker wirklich soweit den Kontakt zu ihrer Klientel verloren, dass sie glauben, sie können alles einfach so manipulieren wie es im Mainstream und vor allem den Non-governmental organizations (NGOs) passt? Wie kann es sein, dass sich ein ganzes Bundesministerium mit verantwortlichen Mitarbeitern ausrüstet, die klar die Interessen der NGOs vertreten? Warum sollte sich die Landwirtschaft als Prügelknabe unfähiger Politik zur Verfügung stellen, die es in 8 Jahren nicht hinbekommen hat, ein Referenzmessnetz für Nitrat zu schaffen, ein Messnetz, das den Namen Referenzmessnetz verdient und in dem die Messstellen auch belastbar überprüft sind? All diese Zustände können wir uns nicht und werden wir uns nicht gefallen lassen!

Ist es nicht an der Zeit dieses kranke System der Agrarpolitik in Europa grundlegend zu überdenken? Sollten sich junge Betriebsnachfolger wirklich in diese Situation bringen, sich jederzeit Subventionen unterstellen zu lassen, weil sonst die Nahrung zu teuer und der Export von Industrieprodukten zu schlecht wird? Einen Beruf zu ergreifen, in dem für die getane Arbeit und die produzierte Ware so wenig erlöst wird, dass ohne sogenannte Transferzahlungen weder die Familie ernährt werden kann noch die nötigen Mittel generiert werden um die Sozialversicherungsbeiträge allein zu bezahlen? Sich dann mit der Begründung, dass es ja Transferzahlungen gibt, ständig dem kranken System von Auflagenbindung (Cross-Compliance) zu unterwerfen und dadurch fortlaufend dem Druck zu unterliegen, irgendein bürokratisches Monster nicht gefüttert zu haben und in eine Kontrolle zu geraten? Die Kontrolle geht selbstverständlich weit über den gesetzlichen Anspruch hinaus.
Das Ganze ohne einen Außenschutz, nein im Gegenteil, die Eier aus den hier abgebauten Batterien kommen noch heute aus den ehemaligen Sowjetstaaten und sind nur der Anfang gewesen, als wir das sicher richtige Käfigverbot eingeführt haben. Heute ratifiziert man parallel Mercosur-Abkommen und wir sollen diesem unserem Staat wirklich glauben, dass die eingeführten Produkte unseren sozialen und ökologischen Standards entsprechen und dies geprüft wird? Von wem?
Gibt es wirklich Gründe, aus denen man unserem Berufsstand so misstrauen muss, Gründe, die die aktuelle Verbotspolitik rechtfertigen?

Was soll ich meinen Söhnen sagen? ‘Macht den Betrieb trotzdem weiter’? Die Klischees, die der Landwirtschaft anhängen, wie ‘wenig Freizeit und Urlaub, schlechte Arbeitszeiten’ usw. sind harmlos gegen das, was da läuft und zwar vorwiegend politisch verantwortet. Um den Rest muss sich unsere Branche kümmern, das ist aber leider fast unmöglich in der aktuellen politischen Landschaft, der LsV versucht es trotzdem, mit vielen kleinen Aktionen.

Sie und ihre 68 Mitstreiter im Bundesrat haben es in der Hand, setzen Sie ein Zeichen, dass es so nicht geht, wenn demnächst Agrarpaket, Insektenschutzprogramm und Novelle der Düngeverordnung zu verabschieden sind. Hören Sie auf damit, im Föderalismus die Verantwortlichkeiten immer auf den jeweils anderen zu schieben! Wenn Sie wirklich als Politikerin und Ministerin noch eine Landwirtschaft in Niedersachsen und Deutschland wollen, die regional, nachhaltig und vor allem auch noch familiengeführt ist, muss diese ideologische Politik beendet werden. Wir müssen zurück auf eine fachlich, wissenschaftliche Basis und zwar zeitnah! Ich sehe den sozialen Frieden im ländlichen Raum in Gefahr, wenn sich die Opfer der ideologischen NGO-geformten Politik bzgl. Klima, Landwirtschaft, Wolfsmanagment, Elektromobilität usw. usw. also die ländliche Bevölkerung erst auf der Straße zusammenfinden.



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