Die Organisierte Kriminalität drängt auch in diesen traditionell verharmlosten Bereich des Verbrechens

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Von Peter Entinger auf PAZ

In der Branchensprache heißt es Inventurdifferenzen, umgangssprachlich Ladendiebstähle. Wie man es genau formuliert, ist dabei egal. Der Schaden ist groß.

Bedingt durch Diebstähle geht dem deutschen Einzelhandel pro Jahr ziemlich genau ein Prozent seines Umsatzes verloren. Nach Einschätzung des EHI Retail Institute, einem Forschungs- und Bildungsinstitut für den Handel, entsteht durch Kundendiebstähle ein Schaden in Höhe von rund 2,38 Milliarden Euro, durch eigene Mitarbeiter von etwa 1,01 Milliarden Euro sowie durch Lieferanten und Servicekräfte von zirka 350 Millionen Euro. Statistisch gesehen bedient sich jeder Haushalt jährlich an Waren im Wert von 60 Euro im Einzelhandel, ohne zu bezahlen. Im Branchenvergleich ragen Baumärkte und Drogerien heraus.

Die polizeilich erfassten Ladendiebstähle sind zwar 2018 gegen­über dem Vorjahr um 4,1 Prozent auf 339021 Fälle zurückgegangen, die Dunkelziffer ist allerdings hoch. Sie soll bei 98 Prozent liegen. Hochrechnungen des EHI Retail Institute zufolge bleiben jährlich fast 24 Millionen Ladendiebstähle unentdeckt. „An jedem Verkaufstag entsteht dem deutschen Einzelhandel ein Schaden in Höhe von fast 7,7 Millionen Euro durch Kundendiebstahl“, so das Institut.

Fast zwei Drittel der ermittelten Tatverdächtigen sind demnach männlich. Der Ausländeranteil ist überdurchschnittlich hoch, und der Anteil der Mehrfachtäter beträgt rund 60 Prozent. Fast jeder zehnte erwischte mutmaßliche Ladendieb stand zum Tatzeitpunkt unter dem Einfluss harter Drogen.

Die Daten basieren auf einer aktuellen Untersuchung des EHI Retail Institute, an der sich 95 Unternehmen beziehungsweise Vertriebsschienen mit insgesamt 22551 Verkaufsstellen beteiligten, die einen Gesamtumsatz von rund 98,3 Milliarden Euro erwirtschaftet haben. Auf die Frage nach dem beliebtesten Diebesgut hat das Institut eine einfache Antwort: „Generell gilt: Was sich gut verkauft, wird auch oft geklaut.“ Im Lebensmittelhandel sind es bevorzugt Alkoholika, in Drogeriemärkten Parfüms und Kosmetik. „Im Modehandel werden besonders häufig hochwertige Markenbekleidung, beispielsweise Jeans und Turnschuhe entwendet“, heißt es weiter, während in Baumärkten Akkuschrauber und anderes Werkzeug das bevorzugte Diebesobjekt sind. Im Elektronikhandel sind es vor allem „Konsolenspiele, Smartphones und Speicherkarten“.

„Im Handel wird nach wie vor gestohlen, was nicht niet- und nagelfest ist“, sagt Frank Horst, Sicherheitsexperte des EHI Retail Institute. Das hängt auch damit zusammen, dass zumindest Ersttätern kaum oder nur geringe Strafen drohen. Wie aus einer Statistik des Bundesjustizministeriums hervorgeht, verurteilten Gerichte in Deutschland im Jahr 2016 lediglich rund 126000 Täter wegen Diebstahls und 10500 wegen schweren Diebstahls. Dem standen laut Kriminalstatistik etwa 378000 angezeigte Ladendiebstähle gegenüber.

Erschwerend kommt hinzu, dass es sich oftmals um professionelle Täter handelt. Handel und Polizei beobachten gleichermaßen, dass Ladendiebstähle immer häufiger von gut organisierten Banden begangen werden. Rund ein Viertel des Schadens wird von organisierten Banden gestohlen. Bei Bandendiebstählen werden der Studie zufolge bei einem einzigen Raubzug in der Regel Waren im Wert von 1000 bis 2000 Euro entwendet. Experten berichten von einer genauen Aufgabenverteilung. „Einer beobachtet das Verkaufspersonal und lenkt es ab, einer stellt das Diebesgut in Depots zusammen und trägt die Ware aus dem Geschäft. Eine weitere Person sichert den Fluchtweg. Da sind inzwischen sehr oft Profis am Werk“, sagt Erich Rettinghaus von der Deutschen Polizei-Gewerkschaft. „Die Vorstellung, dass Ladendiebstähle alleine auf das Konto von Jugendlichen und Drogensüchtigen gehen, ist leider naiv.“

So ist der Anteil Nicht-Deutscher, die des Bandendiebstahls verdächtigt werden, seit 2007 rasant gestiegen, von 40 auf inzwischen knapp 70 Prozent. Die Profis kommen nach Erkenntnissen der Ermittler verstärkt aus Osteuropa, Nordafrika und Georgien.

Dabei hat der Einzelhandel in den letzten Jahren vielfältige Maßnahmen gegen Ladendiebstahl ergriffen, wie die Analyse zeigt. Insgesamt investiert der Handel jährlich 1,45 Milliarden Euro in Präventiv- und Sicherungsmaßnahmen – mit wachsender Tendenz. Während 2007 noch rund 60 Prozent der 50 besonders gefährdeten Produkte gegen Ladendiebstahl geschützt wurden, waren es zehn Jahre später mehr als 80 Prozent.

Die zunehmende Bereitschaft, die Ware zu sichern, hat allerdings auch ihre Schattenseiten. „Das ist sicherlich eine Kaufschwelle beim Kunden“, sagt Stefan Hertel, Sprecher beim Handelsverband Deutschland. Doch wüssten sich die Händler angesichts hoher Verluste durch Ladendiebstähle oft nicht anders zu helfen. „Am Ende ist es eine Kalkulation, die jeder Händler eingehen muss“, so Hertel.



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