Warum die Leipziger Philharmoniker an Gysi festhalten – Ein Hintergrundbericht

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Von Gastautor Roland Mey

Was ist an diesem Satz mißzuverstehen? „Für die Philharmonie Leipzig ist es eine Ehre, dass Gregor Gysi an diesem historischen Datum die Festrede hält.” So hattten es die Philharmoniker im Mai in die LVZ setzen lassen. Die Zeitung hatte hinzugesetzt: “Sachsen und seine Menschen fühlen sich
Gysi stark verbunden.“
Die frech anmaßend verallgemeinernde Behauptung ist eine Bevormundung im Stil des ehemaligen „Zentralorgans der SED-Bezirksleitung Leipzig“. Dieser journalistische (obrigkeitshuldigende) LVZ-Stil könnte ein wesentlicher Grund dafür sein, dass die Zeitung seit Jahren Leser verliert. Meine Freunde, ich und viele mir nahestehende Sachsen – wir fühlen uns dem Herrn Gysi, ehemals SED-Mitglied mit Kontakten in die höchste Diktatur-Zentrale, nicht verbunden und sind damit keinesfalls in einer sächsischen Minderheit!
Mit dem Wort „Freiheit“ (statt „Freude“) hatte Leonard Bernstein die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven anläßlich des Fallens der Mauer im Jahr 1989 in Berlin aufgeführt. Zum 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution planen die Leipziger Philharmonie, der Philharmonische Chor Leipzig und die Leitung der Peterskirche eine „Neuauflage“ dieses ehemaligen Bernstein-Konzertes mit Schillers Ode „An die Freude“.
Was würde Leonard Bernstein dazu sagen, wenn wir uns aus der ehemaligen „Heldenstadt Leipzig“ 30 Jahre nach unserer deutschen demokratischen Revolution gegen einen ehemaligen gut an die SED-Diktatur angepassten Opportunisten als Festredner nicht erfolgreich wehren können?

Die Rahmenbedingungen und Hintergründe für diesen Wahnwitz sind tiefgreifend und komplex. Die Stadt Leipzig hatte bereits zu DDR-Zeiten eine extrem hohe professionelle Musizierfähigkeit. Noch heute könnten im Leipzig am gleichen Abend zwei große Sinfonien, eine große Oper, eine Operette, mehrere Kammerkonzerte und Chorkonzerte von Berufsmusikern aufgeführt werden. Im gesamten Ruhrgebiet soll das auch möglich sein. Aber dort leben etwa achtmal mehr Menschen als in Leipzig, wo neben Gewandhausorchester – wegen der zeitgleichen Konzert- und
Opernaufführungsmöglichkeit mit ca. 200 Mitgliedern vermutlich das größte Orchester der Welt – auch MDR-Rundfunk-Sinfonieorchester, Orchester der Musikalischen Komödie, Leipziger Philharmoniker und unmittelbar vor den Toren der Stadt (in Markkleeberg und Borna) das Leipziger Sinfonieorchester konzertieren.
In einer derartigen Orchesterdichte und einem begrenzten Konzertverlagen der Bürgerinnen und Bürger sind Existenzängste unter Musikern unvermeidbar. Und Erinnerungen an die sicheren Musiker-Arbeitsplätze in den vielen „Kreiskulturorchestern“ der DDR, aus denen nach 1990 Musiker arbeitslos wurden, sind zwangsläufig vorhanden.

Die Gründung der Leipziger Philharmonie im Jahr 2000 geschah aus Bedarfsgründen für Musiker-Arbeitsplätze und nicht wegen der Konzertnachfrage. An der Leipziger Hochschule für Musik und Theater wird die hochproblematische politische Vergangenheit nicht aufgearbeitet. (Das kann im Internet unter Yumpu im eBook „Kurt Masur entzaubert“ nachgelesen werden.) Die Aufklärung über die beruflichen Chancen nach dem Studium würde eine institutionelle Selbstbeschädigung zur Folge haben. In der LVZ beklagten sich vor einigen Jahren zwei Absolventen der Leipziger Universität unter der Überschrift „Deutschland gibt uns keine Chance“ über ihren unmittelbaren Übergang in die Arbeitslosigkeit. Erst bei genauerer Betrachtung war im Text erkennbar, dass es sich um einen diplomierten Namensforscher und eine Doktorin des kubanischen Tanzliedes handelte. Ihre Hochschullehrer hätten mit einer Aufklärung über die beruflichen Chancen nur ihre eigenen akademischen Arbeitsplätze in Gefahr gebracht und haben das deshalb unterlassen. So trivial (aber auch komplex) sind die Zusammenhänge, die zu Ängsten und zu Erinnerungen an alte DDR-Zeiten und eben auch an den ehemaligen SEDPolitiker und „zauberhaften“ Rhetoriker Gysi führen.

Als ehemaliger Stadtrat und Mitglied des Kulturausschusses erinnere ich mich noch genau daran, wie der Leipziger Opernintendant Udo Zimmermann, mit dem ich als Mitglied des Kulturausschusses Gespräche hatte und Briefe ausgetauscht habe, zu Beginn der 1990er Jahre die Position vertreten hat, dass Geld in der Hochkultur keine entscheidende Rolle spielen darf. Mit Einblick in den Wirtschaftsplan der Oper konnten die Stadträte errechnen, dass ein Premierenplatz von Stockhausens „Freitag aus Licht“ nur mit einem Kartenpreis von mehreren tausend D-Mark kostendeckend gewesen wäre. Für diese Oper gab es entsprechend meiner Erinnerung nach der Premiere in Leipzig keinen Bedarf mehr. Kultur muss finanzaufwendig produziert werden und sollte, vernünftig subventioniert, selbstverständlich verkaufbar sein. Auch hier muss „Überproduktion“ abgebaut oder besser vermieden werden. Daran kann eine verklärende Erinnerung an das wirtschaftlich total marode „Geistige Elend DDR“ nichts ändern.
In einer Zeit, in der es insbesondere in Leipzig möglich ist, im gesellschaftspolitisch ambivalenten Lebenslauf eines weltweit bekannten Maestros und dem von der Stadtverwaltung mit Steuergeld unterstützten Kurt-Masur-Museum sowie den realisierten Kurt-Masur-Gedenkveranstaltungen folgende politisch schwerwiegenden Fakten aus der Leipziger Musikgeschichte über Jahrzehnte hinweg erfolgreich zu verschweigen, ist eine derartige o. g. Veranstaltungsplanung durch Leipziger Musiker naheliegend und in folgenden Kontext einzuordnen:

– Kurt Masur hat nach Aussage des zuständigen Stasi-Offiziers „Reiseberichte über Mitarbeiter (…) geliefert“; „Bild“ vom 05.06.1991.

– Seine Formulierung „Weiterführung des Sozialismus“ ist eine erfolgreich verdrängte Aussage vom 9. Oktober 1989.

– Er war Kandidat der „Nationalen (SED-)Front“ zu den DDR-Wahlen am 7. Mai 1989. Unter den von der LVZ danach veröffentlichten Gewählten des
Leipziger Stadtrates wurde Masur nicht aufgeführt. Er war SED-Spielball für einen „Wahlbetrug rückwärts“. Die Leipziger SED-Spitze kam vermutlich erst in der Nacht nach der Kommunalwahl auf die Idee, dass der Maestro die DDR ohne seine Zugehörigkeit zur Abstimmungsmaschine „Leipziger Stadtparlament“ überzeugender repräsentieren kann.

– Masur hat 1982 am Bogensee ein Komsomol-FDJ-Orchester unter einem
Lenin-Emblem dirigiert (dazu der Titel „Macht Musik“ in ZdF 35/2014 der
Freien Universität Berlin).

– Er hat 1973 auf der Schallplatte mit Cover „Vietnamesin unter Stahlhelm“ den Text (Zitat) „imperialistischer Aggressor USA“ unterschrieben.

– Kurt Masur war im Jahr 1970 einer der „SED-Ehrenwächter“ am in der
Leipziger Oper aufgebahrten Leichnam des gefürchteten SED-Berziksdiktators Paul Fröhlich, jenem Paul Fröhlich, der nur zwei Jahre zuvor die barbarische Sprengung der intakten Paulinerkirche und auch den Leipziger Schießbefehl mit mehrfacher Todesfolge zum 17. Juni 1953 zu verantworten hatte.

– Und – es ist kaum noch zu fassen – Masur hat dem SED-Diktator Erich
Honecker noch nach dessen vom Volk erzwungener Abdankung (18.10.1989)
einen persönlichen Dankesbrief geschrieben.

Die Beweisdokumente zu diesen genannten Fakten sind in meiner Broschüre „Kurt Masur entzaubert“ enthalten; die Quellen dazu dort aufgeschrieben.
In dieser Publikation wird auch darüber informiert, dass der gegenwärtige Rektor der Leipziger Hochschule für Musik und Theater einen derartigen Text seinen „Bachelorstudenten um die Ohren hauen“ würde. Die Broschüre ist im Selbstverlag hergestellt, wurde in Teilen bereits 2016 von der Österreichischen Musikzeitschrift (ÖMZ 3/2016) veröffentlicht und sucht noch immer in Deutschland nach verlagsgerechtem “Veröffentlichungsasyl“.

Die Leipziger Internetzeitung hat am 17. Juni 2019 dazu den Artikel „Kurt Masur entzaubert: Roland Meys Streitschrift deutlich erweitert im Buchhandel“ online gestellt. Eine vorangegangene (kürzere) Ausgabe ist als eBook im Internet unter Yumpu kostenfrei lesbar.

Nach dem Lesen der 40-seitigen Broschüre wird man sich nicht mehr über den Wunsch „Gregor Gysi als Festredner in Leipzig“ wundern. Der Leser muss nach Kenntnisnahme der Fakten und Beweismittel leider eine für Leipzig „zwangsläufige Entwicklungsfolge“ erkennen, gegen die nun endlich fundamental und allumfassend mit der Veröffentlichung der vollständigen Wahrheit über die Vergangenheit der Zukunft zuliebe vorgegangen werden muss. Ich kann gegenwärtig aber nicht daran
glauben, dass die Leipziger Philharmoniker die politische Tragweite ihres Festredner-Wunsches vollständig überblickt haben, zu dem die von mir gewählte Zwischenüberschrift „Potential musicus diaboli“ dann auch hier zutreffen würde.

Wenn Gregor Gysi am 9. Oktober 2019 in Leipzig die Festrede hält und das
Verschweigen der o. g. Fakten weiterhin geduldet wird, dann könnte auch die von der AfD betriebene Klitterung der deutschen Vergangenheit bald allgemein anerkannt werden und unsere deutsche Demokratie in absehbarer Zeit am Ende angekommen sein.

Anmerkung: Ich mache mir weder den Inhalt noch einzelne Formulierungen der von mir veröffentlichten Gastbeiträge zu eigen. Dafür sind allein die Autoren verantwortlich.



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