Universität heute – konform statt kontrovers

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Der Gesinnungscheck als Türöffner akademischer Freiheit

von Gastautor Josef Hueber

„Eine 5 in Mathe ist besser als eine 6 in Klima.“
(Plakat bei einer Fridays-for-Future-Demo)

Die Maßregelung gesellschaftlich und politisch unerwünschter Äußerungen in der Öffentlichkeit ist mittlerweile ein Gewohnheitsrecht. Einen tragenden Part bei der Vermittlung und Aufrechterhaltung der korrekten Gesinnungen spielen die öffentlich-rechtlichen Medien mit ihrer stets angestimmten Grundmelodie verunglimpfender Begriffe zur Diffamierung politischer Abweichler von dem, was man als Merkel-Denke bezeichnen könnte. Diese Entwicklung ist mittlerweile epidemisch, indem sie alle Bereiche von Öffentlichkeit erfasst hat, bis hinein in das Epizentrum freien Denkens: die Universität. Ein Symposion an der Universität Eichstätt-Ingolstadt machte dies exemplarisch deutlich.

DER NEUE MUFF DER LINKEN
Divers, vom Lateinischen divertere, bedeutet verschieden sein, auseinandergehen. Der Begriff ist heute ein Produkt linker Denkbaustellen, ein Platzhalter für ein herbeifantasiertes, neues Geschlecht. Er simuliert Offenheit für vorgeblich Neues und stilisiert sich dabei als ein Gegenentwurf zu vermeintlich verbohrtem Geradeaus-Denken, gewissermaßen als ein Produkt moderner Aufklärung. Diversität müsste folglich dort beheimatet sein, wo diverses, resp. kontroverses, Denken sich traditionellerweise beheimatet fühlt: an den Universitäten.

Das Gegenteil ist der Fall. Die Universitäten, die in den 60er Jahren angeblich den Muff von 1000 Jahren unter den Talaren verkörperten, verbreiten heute einen ganz anderen Geruch: Es ist der Muff linksgrüner Konformität. (Die zugeschalteten christlichen Kirchen in Deutschland haben diesen Geruch längst angenommen und verstärken ihn noch.) Die ideologieanfälligen Fächer dulden, im offenen Kontrast zur eigentlichen Aufgabe universitären Forschens, nämlich keine ergebnisoffenen Diskussionen, kein Abweichen von den im intellektuellen Mainstream gesetzten Vorgaben. Wie im Straßenverkehr schalten deren Vertreter ihre Ampeln immer dann auf Rot, wenn Professoren Routen abseits der genehmigten erkunden wollen.

GESINNUNGSCHECK ALS TÜRÖFFNER
Die Auseinandersetzungen mit nicht-konformen Professoren, bis hin zu deren Platzverweis (Prof. Patzelt in Dresden) oder einem von Studenten geforderten Rede- und Berufsverbot (Prof. Schröter, Frankfurt/Main), wenn sie „Diversität“, d.h. abweichendes Denken zur Debatte stellen wollen, liefern schlagende Beispiele für den Vernichtungswillen konformen Denkens. Ergebnisoffene Auseinandersetzung ist mutiert zur intellektfeindlichen Bestätigungskultur.

DER SCHWARZE SCHWAN IST GESCHLÜPFT
Konnte man in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts die Freiheit der Debatte im universitären Wissenschaftsbetrieb noch als eine Selbstverständlichkeit voraussetzen, so stellt sich dieser Glaube zunehmend als ein Irrglaube dar. Die letzte bundespräsidiale Weihnachtsansprache forderte die Bürger zwar auf, doch wieder mehr miteinander zu reden. Bis in den Innenraum Universität drang dieser fromme Wunsch jedoch nicht vor. Dort herrscht zunehmend ein Geist der Konformität statt der kontroversen Diskussion. Ein zweitägiges Symposium an der Universität Eichstätt-Ingolstadt, laut Zeitungsbericht des 30. April 2019, machte dies exemplarisch deutlich.

DAS ERGEBNIS DER DEBATTE STEHT AM ANFANG FEST: „UNSER LEBENSSTIL TÖTET“
Eine Tagung an einer katholischen Universität, die sich mit Fragen der Ökonomie und des Lebensstils in den Industriegesellschaften aus christlicher Sicht auseinandersetzt, ist grundsätzlich naheliegend: „Gerechtigkeit und Verantwortung in der globalen Welt“ lautete deswegen der Titel der Veranstaltung.

Katholisch ausgerichtet, wie die Universität nun einmal ist und wie sie auch deswegen großzügige Gelder der Kirche gerne annimmt, griffen die Organisatoren, sich andienend, zu einem Motto, das Papst Franziskus’ unseligen Kommentar zu dem liberalen Wirtschaftssystem des Westens variiert. Hatte dieser von der „Wirtschaft, die tötet“ gesprochen, so hieß es an der Uni Eichstätt-Ingolstadt „Unser Lebensstil tötet“. Divers in der Ausrichtung, wie man es vom Selbstverständnis einer (wenn auch kleinen) Denkfabrik erwarten muss, hätte man das Motto auch mit einem Fragezeichen versehen können und damit die zu erwartenden bekannten Argumente der Konsumgegner mit der ganz anderen Sehweise konfrontieren können. Dazu hätten freilich auch „umstrittene“ Redner einladen müssen. Das Risiko wäre natürlich gewesen, dass die Zuhörer von dem Wert des Konsums als treibende Wirtschaftskraft erfahren hätten und nicht länger in jedem Stück Fleisch einen Verursacher tödlichen CO2-Giftes sähen.

Doch dies hätte den Organisatoren des Konsens-Symposiums sicher nicht gefallen. Wohl auch deswegen, weil man, Gegenreferate zulassend, befürchten musste, dass herbeigekarrte Linksdemagogen die Veranstaltung mit Plärren oder abgestuft eskalierender Gewalt stören könnten?

WISSENSCHAFTLICHES ROLLENSPIEL: DER JURIST ALS KLIMAEXPERTE
Das Hauptreferat über den tötenden Lebensstil hielt kurioserweise kein Wirtschaftler, kein Physiker, kein Chemiker, zum Glück kein Theologe, aber auch kein Ökologe, sondern ein Jurist. Ulrich Maidowski, Richter am Verfassungsgericht, schien der richtige Mann, um lediglich unterstellt unbestrittene Axiome über den von Menschen verursachten Klimawandel als Ausgangsbasis für Thesen zum Konsumverhalten von weißen, alten Zukunftsvernichtern in den Raum zu stellen. Statt der Bescheidenheit, sich als Schuster auf seinen Leisten zu beschränken, war es dem Richter wichtig, sich als fachübergreifender Denker zu präsentieren. Der Berichterstatter des Lokalblattes findet dafür lobende Worte: „Wie sehr Maidowski das Thema bewegt, zeigte auch, dass er sich nicht auf sein Expertenwissen als Jurist beschränkte, sondern sich Gedanken darüber hinaus machte.“

Über den Tellerrand hinauszublicken, kann ganz gut sein, solange die Grenzüberschreitung von erweiterter Kompetenz in dem Zusatzgebiet begleitet wird und nicht bloß auf gehörte, zweifelhafte Thesen rekurriert.
Neben dem Absingen der üblichen Litanei all dessen, wofür sich die verantwortungslose Genussgeneration schämen sollte, lässt eine Zugangsfrage des Juristen aufhorchen, weil sie Juristisches im Kern berührt und an der Substanz wirtschaftlicher Freiheit rührt. Maidowski überlegt: „Wie viel Demokratie erlaubt der Klimaschutz?“
Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Klimaschutz als denkbarer Vorwand, demokratische Rechte zu beschränken, aus Gründen eines rein hypothetischen, auf der Basis von Computermodellen berechneten, alles andere als bewiesenen, von Menschen verschuldeten Weltuntergangs?

DER RÜCKWÄRTSGANG ALS GARANT LEBENSWERTER ZUKUNFT
Vorschläge, eine verantwortbare Zukunft zu gestalten, hat der Jurist, laut Zeitungsbericht, einige auf seinem Notizzettel. Grundsätzlich gelte das Gebot: „Für einen nachhaltigen Klimaschutz müssten die Menschen ihre Lebensweise radikal ändern.“ Da ist dann die Rede vom „Verbot von Inlandsflügen“, und „Einschränkungen beim Individualverkehr“.

Statt historisch zu rechtfertigende Hoffnung auf Lösungen durch Hochtechnologie, Ingenieurgeist und Naturwissenschaften bei der Bewältigung von Zukunftsaufgaben zu setzen, folgt ein Vorschlag, der typisch für das Denken von Beamten ist: eine „Zukunftskommission, als Vertretung für künftige Generationen“. Die Politik, so der Vorwurf, kümmere sich nämlich mehr um die Gegenwart als um die Zukunft. (Wie sehr die Zukunft von der Vernünftigkeit der Gegenwartspolitik abhängt, entfiel offensichtlich des Redners Aufmerksamkeit).
Letzter erwähnenswerter Vorschlag aus dem Baukasten juristischen Klimaverständnisses: eine CO2 Kreditkarte für Herrn und Frau Jedermann, mit einem „bestimmten Monatsguthaben“, das man bei Überschreitung aufstocken müsse und bei Unterschreitung verkaufen könne.
So klingt das, sorry für die Wiederholung, wenn der Schuster nicht bei seinem Leisten bleibt.

Eine Lachnummer aus der Tagung: „Der Richter fordert eine öffentliche Debatte, um die Bereitschaft auf Verzicht zu schaffen.“ Bei Projekten sollten die Bürger von Beginn an mit ins Boot geholt werden und die Chance haben, bereits bei der Entwicklung mitzureden.

Das Symposium selbst war der beste Beweis dafür, dass kontroverse Debatten politisch überhaupt nicht gewünscht sind! Wie sehr altera pars, der Widerspruch, daran gehindert wird, zu Wort zu kommen, wenn es um Ideologie geht, hat die Tagung gezeigt. Er blieb außen vor.

WISSENSCHAFT IST KEINE WANDERUNG DES ALPENVEREINS
Was beim Wandern zweckdienlich sein mag, dass nämlich das Ziel vor dem Abmarsch feststeht, ist auf dem Weg der intellektuellen Erkundung ein Gang in die Sackgasse des selbstreferentiellen Denkens. Daraus resultierender Konsens mag gut fürs Gefühl, aber hinderlich für belastbare Ergebnisse sein.

Das zu erkennen, sollte für die sog. Academia nicht schwer sein. Dass ihre Vertreter dennoch den Weg der applaudierenden Zustimmung beharrlich verfolgen, erlaubt nur eine Erklärung: Es ist die Feigheit vor dem Zeitgeist.


(Siehe dazu: “Unser Lebensstil tötet”, Eichstätter Kurier, 30.4.19)



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