»Redpilling« ist der Schlachtruf der neuen Wahrheitssucher, die der Politischen Korrektheit den Garaus machen wollen

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 Von Volker Wittmann auf PAZ

Ein neue Generation zeitkritischer Blogger hat die Nase voll von ideologischem Blendwerk. Die „Redpilling“-Bewegung will den Vorhang aus Lügen und Illusionen zerreißen. Was in den USA begann, greift nun auch auf Deutschland über.

Den Anstoß gab der US-amerikanische Kultfilm „Matrix“. Eine Schlüsselszene zeigt die heimliche Zusammenkunft der Hauptfiguren Morpheus und Neo. Hinter geschlossenen Gardinen hält Morpheus auf jeder Hand eine Tablette hin und spricht: „Das ist die letzte Gelegenheit, Neo. Danach gibt es kein Zurück mehr. Nimmst du die blaue Pille, endet die Geschichte. Du wachst in deinem Bett auf und glaubst, was du glauben willst. Nimmst du die rote, bleibst du hier im Wunderland, und ich zeige dir, wie tief der Kaninchenbau reicht.“

Neo langt nach einer der Kapseln. Da erhebt Morpheus nochmals die Stimme: „Bedenke! Alles, was ich dir biete, ist die Wahrheit, mehr nicht.“ Tapfer greift der Held die rote und spült sie mit einem Schluck Wasser hinunter. Davon schreckt er hoch aus seiner Scheinwelt, die ihm ein ausgeklügeltes System vorgegaukelt hat. Er taucht in einer herben Wirklichkeit auf, die ihm Übelkeit bereitet. Sein Vorleben in Unmündigkeit hatte ihm die Kraft geraubt, den Tatsachen ins Gesicht zu schauen.
Das große Kino von 1999  machte Schule. In den sozialen Netzwerken der USA begannen sogenannte „Redpillers“, dem Zeitgeist auf den Zahn zu fühlen und dessen Gemeinplätze anzufechten. Linke, Globalisierer, Multikulturelle, Feministinnen und Genderkrämer beschimpften die Freidenker als Faschisten.

Das Hickhack machte das bunte Kügelchen erst recht bekannt. Der feuerwehrfarbene Drops wurde zum Modewort für Aufklärung. Schriftsteller Timothy Klaver betitelte sogar ein frommes Buch damit: „Redpilling Atheists“, soll heißen: Aufklärung von Gottesleugnern mittels roter Lutschpastillen. Laut der englischsprachigen Wikipedia versinnbildlicht das Bonbon nunmehr gesichertes Wissen, harte Tatsachen und freie Rede. Die blaue Pille steht für selige Einfalt, Selbsttäuschung und Luftschlösser.

Die deutschsprachige Ausgabe des Weltnetz-Lexikons steuert einen erhellenden Artikel über den amerikanischen Dokumentarfilm „The Red Pill“ bei. Der Streifen von 2016 behandelt die Männerrechts-Bewegung der Vereinigten Staaten. Eine Journalistin glaubt, von Hass getriebene Frauenfeinde vor sich zu haben. Bei ihren Nachforschungen bröckelt das modische Weltbild. Sie beugt sich schließlich der Tatsache, dass Männer und Jungen in vieler Hinsicht im Nachteil sind.

Deren Selbstmordrate ist höher, ebenso die Zahl der Todesfälle am Arbeitsplatz, ihre Lebenserwartung umso geringer. Vor Familiengerichten werden sie benachteiligt. Häusliche Gewalt der Ehefrau findet kein Gehör. Ferner belegt der Film, wie Feminist*innen nach Art der deutschen Antifa Kundgebungen der Männerrechtsbewegung stören oder behindern. Zum Ende des Flimmerwerks schwört die Journalistin ihrem Weiblichkeitswahn ab.

In der Wirklichkeit ist es noch lange nicht so weit. In Deutschland musste noch ein Mann „Überfällige Anmerkungen zum Geschlechterkampf“ machen. Mit  dieser Unterzeile versah Matthias Matussek im Jahr eins vor „Matrix“, also 1998, seine Streitschrift „Die vaterlose Gesellschaft“. Unlängst folgte als weiteres Werk „White Rabbit“, weißes Kaninchen. Ein solcher Nager kommt auch in dem Lichtspiel von der roten Pille vor. Dort wiederum war es eine Anspielung auf ein Lied dieses Namens der Gruppe Jefferson Airplane von 1967. Der Stammbaum des Kults reicht mithin weit zurück. Matusseks Kaninchen berichtete „aus dem Innenraum der Vierten Gewalt“. Gemeint sind die Medien, die neben dem klassischen Dreigestirn Regierung, Gesetzgeber und Gerichtsbarkeit als gleichwertige Kraft im Staat walten wollen. Treffender wäre „fünftes Rad am Wagen“. „Denn die Medien haben sich – so scheint es – in den letzten Jahren in einen unkritischen Jubelchor der Regierung verwandelt und das Land in einen Hippiestaat, der so verrückt agiert, als gäben die Woodstock-Veteranen Jefferson Airplane mit ihrer psychedelischen Hymne den Takt vor“, heißt es bei Matussek.
An einer griffigen Übersetzung von „Redpilling“ fehlt es jedoch  immer noch. Darum kommt die klärende Arznei hierzulande Englisch daher. Auf der Weltnetzseite „D-Generation“ serviert der Berliner Blogger Christian Hesse seinen Landsleuten das kesse Kügelchen so: „Redpilling beschreibt den Prozess der Erleuchtung und Aufklärung aus dem tiefen Dornröschenschlaf der glückseligen Ignoranz.“

Weiter gibt es Saures für die Meinungs-Eunuchen der gutmenschlichen Medien. Zum „Redpillen“ von deren Opfern empfiehlt der Blogger Ehrlichkeit: „Wichtig ist immer aufrichtig zu sein, was ja nicht schwer ist, weil wir die Tatsachen auf unserer Seite haben und nicht wie Staatsfunk, Google und das Politkartell ständig die Fakten verdrehen müssen, um sie dem Narrativ anzupassen.“

Vor allem braucht es Geduld, meint der bekehrende Berliner: „Redpilling wird selten in einer halben Stunde zur Erleuchtung führen.“ Auch gebe es fast aussichtslose Fälle: „Einen grünen Betonkopf wirst Du nur schwer redpillen können.“ Wer sogar eine grüne Betriebsnudel aus der Nähe erlebt hat, dürfte ihm zustimmen.  Hesse: „Am besten sucht man sich Menschen, zu denen bereits ein Vertrauensverhältnis besteht.“

Ebenso eindringlich warnt ein „Rote Pille Blog“ vor Medien-Bevormundung, Feminismus und sonstigen Danaergeschenken des Zeitgeists. Unter der Überschrift „Mein Sohn der Kloputzer“ nimmt sich Verfasser Henry Fenech die Fraktionsoberin der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, zur Brust. Auf die Frage, was sie ihrem Sohn in Sachen Emanzipation beigebracht habe, sagte sie: „Bei uns war immer klar: Wenn du kein Klo putzen kannst, kriegst du nie eine Freundin.“
Die rote Pille Fenechs lautete: „Was für eine absurde Logik! Genau das Gegenteil ist der Fall – wer als Mann unmännlich ist, weibliches Verhalten an den Tag legt und sich unterwürfig (Beta) verhält, wird von Frauen gemieden. So sieht die Realität aus – wie kann man die eigenen Söhne so belügen?!“

Zur trostlosen Lage von „Beta-Männern“ heißt es: „Dies liegt wahrscheinlich an den gleichgeschalteten GEZ-Zwangsgebühren-Mainstream-Medien, denen leider kaum konservative Medien entgegen stehen. Hier haben die Amis deutlich mehr Auswahl, wie beispielsweise Fox News, wo man auch mal Feminismus-kritische Beiträge sehen kann.“
Manche Michel machen es schon wie die Amis. Eine besondere „Red-Pill-Philosophie“ verbreitet der Blog „Der lange Weg zum ersten Mal“. Wie unschwer zu erraten ist, dreht sich hier alles um die Frage, wer wie mit wem. Dazu wird eine bittere Medizin gegen den Traum von romantischer Liebe verabreicht: Weibsbilder seien Männer mordende Vampire. Gemäß einem sogenannte „Briffault-Gesetz“ seien sie sämtlich gefühllos.
Die provokante Regel lautet: „Frauen beherrschen den Partnermarkt. Sie diktieren die Konditionen, zu denen Sex stattfindet sowie Beziehungen und Ehen eingegangen werden. Sie handeln dabei marktrational: Eine Kosten-Nutzen-Analyse, bei der vergangene Nutzen ignoriert und zukünftige Nutzen mit der vermuteten Eintrittswahrscheinlichkeit gewichtet werden, gibt den Ausschlag. Wenn der Marktwert des Partners sinkt, verlässt sie ihn.“

Bezaubernder sang es Margot Hielscher. Die Künstlerin trällerte ehedem in einem Schlager von Theo Mackeben: „Frauen sind keine Engel. Sie tun so, doch nur zum Schein. Sie schauen euch mit sanften Augen an und können so herzlos sein.“ Doch es gibt auch Trost: „Dennoch sind sie so süß. Sie schenken einem verliebten Mann auf Erden schon das Paradies.“



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