Europas Hauptstadt der Messerattacken

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In London hat sich die Deliktzahl in zwei Jahren verdoppelt – Polizei fordert mehr Personal

Von Bodo Bost auf PAZ

Die britische Öffentlichkeit wird seit Monaten nicht nur durch das Brexit-Chaos in Atem gehalten, sondern auch durch immer neue Schlagzeilen über Messermorde. Im vergangenen Jahr wurden allein in England und Wales 285 Menschen erstochen, so viele wie noch nie seit Ende des Zweiten Weltkrieges. 

Zuletzt hat es an einem Wochen­ende gleich vier tote Messeropfer in London gegeben. Besonders erregte die Gemüter, dass zwei der vier Opfer, ein 17-jähriges Mädchen und ein gleichaltriger Junge, Schüler einer teuren Privatschule waren. Während die Opfer immer mehr aus den gutbürgerlichen Kreisen kommen, sind Täter vor allem Habenichtse aus den Problemvierteln, egal ob schwarz oder weiß.

Oft sind es junge Leute ohne Job und Perspektive, die nichts mit ihrer Freizeit anzufangen wissen und sich nichts von der Zukunft erhoffen. Unrechtsbewusstsein ist bei diesen Menschen kaum vorhanden – genauso wenig wie die Hemmschwelle, ihr Messer im Alltag bei Streitigkeiten einzusetzen. Es gehört mittlerweile sogar zum Alltag, dass Messer auch mit in die Schule gebracht werden.

Dem Innenministerium zufolge hat sich die Zahl minderjähriger Straftäter, die ihre Opfer mit Messern bedrohten, binnen zwei Jahren um 53 Prozent erhöht. Das nationale Gesundheitssystem verzeichnete binnen fünf Jahren eine Verdoppelung der Zahl der Kinder und Jugendlichen unter 16 Jahren, die wegen Stichwunden behandelt werden mussten. 2017 hielten messerstechende Moslems beim britischen Parlament und in einer belebten Einkaufsstraße die Stadt und die gesamte Weltgemeinschaft stundenlang in Atem.

Die Horrorszenarien von messerstechenden Jugendlichen, die im Osten Londons miteinander kämpfen, haben zwar meistens keinen politischen oder religiösen Hintergrund, aber sie sind nicht weniger brutal und angsteinflößend. Mehr und mehr Teenager tragen Messer bei sich, in den allermeisten Fällen aus Furcht, selbst angegriffen zu werden. Binnen eines Jahres stellten Londons Polizisten 2600 Messer bei Durchsuchungen von Jugendlichen auf der Straße sicher.

Nach harscher Kritik von Opposition und Polizei hat die britische Premierministerin Theresa May die Bekämpfung der Epidemie von Gewaltverbrechen mit Messern zur Chefsache erklärt. Offenbar hat sie ein besonderes Schuldbewusstsein, denn nachdem May 2010 Innenministerin der konservativ-liberalen Koalition geworden war, stand den Polizeibehörden von England und Wales real ein Fünftel weniger Mittel zur Verfügung, mehr als 20000 Stellen wurden seitdem eingespart. Mittlerweile hat die konservative Minderheitsregierung das Steuer herumgerissen und den Verbrechensbekämpfern bis zu 970 Millionen Pfund (1,1 Milliarden Euro) mehr Geld zur Verfügung gestellt. In der Kabinettssitzung verlangte der jetzige Innenminister Sajid Javid zwar noch mehr Mittel von Finanzminister Philip Hammond, das lehnte dieser jedoch ab.

Der Zusammenhang zwischen der Zahl der Polizeibeamten und der Gewaltverbrechen sei keineswegs eindeutig, beteuerte May in einem Fernsehinterview. Die Londoner Stadt-Polizisten, die sogenannten Bobbies, könnten einen Messerangriff auch kaum unterbinden, sie sind immer noch unbewaffnet.

Eine andere Ursache des Anstiegs der Messerkriminalität könnte ein anderes Erbe aus Mays Amtszeit sein: 2014 hatte May die Polizeibehörden angewiesen, weniger häufig schwarze Jugendliche auf der Straße anzuhalten und zu kontrollieren.

Diese Praxis, eigentlich ein wichtiges Instrument der Prävention, war plötzlich als Symbol einer Stigmatisierung durch die Mehrheitsgesellschaft gesehen worden. Die Zahlen sprechen dafür, dass unter Opfern wie Tätern Menschen mit dunkler Hautfarbe überproportional stark vertreten sind. Soziologen machen dafür die vergleichbar höhere Armut und geringere soziale Aufstiegschancen verantwortlich.

Die sozialen Unterschiede sind nicht nur in England in den letzten Jahren gewachsen und dürften mit dem Brexit nicht unbedingt geringer werden. Die Teenager-Messermorde sind ein Beweis für eine kaputte Gesellschaft, geprägt von zerfallenen Familien, Alkohol, radikalem Islam, Drogen, Gewalt und Ignoranz.



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