Claudia, die Kämpferin

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Von Gastautor Olaf Lorke

Nein, es geht heute nicht um meine ehemalige Lieblings-Politik-Darstellerin Claudia Roth. Es geht um Frau Prof. Dr. Claudia Kemfert, Energieökonomin beim DIW.

Seit Jahren verfolge ich ihre Vorträge und zahlreichen Interviews, vor allem in den öffentlich-rechtlichen Medien. Es existieren auch viele Videos im Netz. Sie wirkt immer sympathisch, kompetent, überzeugend und kommt auch bei der Jugend gut an. Sie gilt als hoch angesehene Wissenschaftlerin und Expertin, gerade in Bezug auf die Energiewende, den Kohleausstieg, die zukünftige Verkehrsstruktur usw.

Hoch angesehen? Vermutlich vor allem bei den ÖR-Medien, bei denen sie regelmä­ßig als Expertin befragt wird. Sie vertritt schließlich die Regierungsmeinung. Bei den Fachleuten der (konventionellen) Energiebranche hinge­gen gilt Frau Kemfert mittlerweile als „Missionarin“, „Päpstin“, ja sogar Lobbyistin der erneuerba­ren Energien.

Viele Leser dieses Blogs sind sich einig darüber, dass die jetzt vereinbarte Energie­wende, vor allem mit der Einführung des EEG-Gesetzes, jeglicher menschlicher Ver­nunft zuwider läuft. Frau Kemfert würde hier vehement widersprechen und uns als Ewiggestrige hinstellen. Sie wird – wie in ihren Vorträgen – zahlreiche Beispiele bringen, wie bei technischen Innovationen es immer wieder Skeptiker und Blockierer gab, die aber vom technischen Fortschritt  letztendlich eines Besseren belehrt wurden, und dass es mit der heutigen Energiewende auch so laufen wird.

Aber dieser Energiewende inklusive Kohleausstieg trauen viele Menschen nicht mehr, weil sie von unseren Politikern Inkompetenz gewohnt sind. Wenn dann Experten hinzugezogen werden, die die ganze Sache schön reden, schrillen die Alarmglocken. Das war und ist bei anderen Themen auch so.

Wie in früheren Beiträgen betone ich, dass ich durchaus den schrittweisen Ausbau der erneuerbaren Energien befürworte. Man darf sehr gespannt sein, welche technischen Innovationen in den nächsten Jahren kommen werden, z.B. bei Speicher- und PtG-Technologien (vereinfacht: aus Wind wird speicherbares Gas). Die Wirkungsgrade sind noch sehr schlecht. Alles muss mit Augenmaß geschehen und darf nicht übers Knie gebrochen werden. Immerhin übernehmen Sonne, Wind und Biogas schon jetzt fast ein Drittel der Stromerzeugung in Deutschland. Zu welchen Bedingungen – das ist ein anders Kapitel.

Frau Prof. Dr. Claudia Kemfert ist eine Kämpferin für die erneuerbaren Energien und solche Kämpfer muss es geben. Es ist ein hartes Unterfangen, als Laie einer Wissenschaftlerin und Expertin wie Frau Kemfert „in die Parade zu fahren“. Aber ich versuche es.

Es gibt ein Interview, in dem sie behauptet, dass im heißen Sommer 2018 nur des­wegen ein „Blackout“ vermieden werden konnte, weil die erneuerbaren Energien ein­gesprungen sind. Hier ist das Interview.

Viele Kraftwerke sind direkt an Flüssen, z.B. am Rhein, angesiedelt. Das ist nicht nur für den Steinkohle-Transport wichtig, sondern auch sehr praktisch für die Kühlung durch Flusswasser. Aufgrund niedriger Flusspegel mussten also Kraftwerke laut Frau Kemfert heruntergefahren werden und Sonne, Wind und Biogas die Energieversor­gung ret­ten.

Da wird man erst einmal stutzig und wird geradezu provoziert, da einmal nachzuha­ken. Das habe ich getan.

Man muss natürlich sehen, dass Aussagen von Kraftwerksbetreibern und deren Ver­bänden auch interessengesteuert sind. Aber Fakten sind nun einmal Fakten. Die einhellige Aussage nach meinen Recherchen ist nach meinen Worten folgende:

Ja, es stimmt, im Jahr 2018 mussten einige Kohlekraftwerke gezielt heruntergefah­ren werden. Dafür haben aber andere Kraftwerke, die nicht betroffen waren, eine hö­here Leistung gefahren. Grund-und Mittellast-Kraftwerke laufen nie an der oberen Leistungsgrenze und Reserven gibt es ohnehin. Es bestand im Jahr 2018 zu keinem Zeitpunkt die Gefahr, dass Kohlekraftwerke in einem solchen Maße ausfallen, dass die Grund- und Mittellastversorgung nicht gewährleistet und ein „Blackout“ entstanden wäre. Die Aussage, die erneuerbaren Ener­gien haben die Stromversorgung gerettet, ist schlichtweg falsch.

Was würde Frau Kemfert dazu sagen? Ihre Aussage müssen wir eher umkehren. Konventionelle Kraftwerke und die Netzbetreiber müssen einen hohen Aufwand an Regelenergie einsetzen, weil sie nach dem EEG-Gesetz gezwungenermaßen Öko-Strom bevorzugt einspeisen müssen. Einen „Blackout“ kann es DANN geben, wenn mehrere konventionelle Kraftwerke gleichzeitig ausfallen, z.B. durch einen Hacker-Angriff, und die Solar- und Windanlagen in diesem Moment (aufgrund einer „Dunkelflaute“) eben NICHT in der Lage sind, einen Kollaps aufzufangen. So herum wird ein Schuh daraus.

Ich würde von einer Expertin wie Frau Prof. Kemfert erwarten, dass sie sich nicht so einseitig „vereinnahmen“ lässt. Sie weiß genau, dass wir auch in den nächsten Jahren einen gesunden Energie-Mix brauchen. Ihr ist klar, dass die von ihr gepriesene Wind- und Sonnenbranche nur 1% der so genannten gesicherten Leistung liefern kann. Ihr ist natürlich auch klar, dass wir – wenn wir aus der Kohle aussteigen wollen – in den nächsten Jahren auf Gaskraftwerke angewiesen sind, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Ihr ist auch klar, dass hinter allen Zielen knallharte wirtschaftliche Interessen stehen.

Sie spricht in ihren Vorträgen auch die Nachteile der Umstellung auf Gaskraftwerke an. Gas kann als politisches Druckmittel eingesetzt werden – siehe den derzeitigen Streit um Nord-Stream 2.

Kohle haben wir hingegen selbst oder beziehen sie aus einem regional diversifizier­ten und logistisch flexiblen Weltmarkt. Moderne Kohlekraftwerke haben aufgeholt. Die Flexibilitätsvorteile gasbetriebener Kraftwerke sind Vergangenheit. Moderne Kohlekraftwerke sind gegenüber Gaskraftwerken hinsichtlich verschiedener Flexibilitäts- und Leistungsparameter mindestens gleichwertig!

Moderne Kohlekraftwerke also vielleicht als „Hintertürchen“, da sie zuverlässige Partner der erneuerbaren Energien sein können! Streit um die Inbetriebnahme z.B. des neuen Kraftwerkes Datteln sowie die Pannenserie beenden und in Betrieb nehmen!

Partnerschaft statt ungeliebtem Nebeneinander! Partnerschaft von erneuerbaren Energieträgern und modernen, flexiblen Kohlekraft­werken, die wir ohnehin noch eine Weile brauchen. DAS wäre doch einmal eine Ansage! Ich würde von einer Expertin wie Frau Kemfert erwarten, dass sie einmal in eine solche Richtung denkt und das auch öffentlich macht.

Aber das entspräche nicht mehr der political correctness und sie würde nicht mehr bei Herrn Kleber eingeladen werden.

Wir dürfen auf die weitere Entwicklung gespannt sein.

Es ist durchaus möglich, dass vor der nächsten Legislaturperiode die politisch abge­würgte Debatte über den konventionellen Energiemarkt wieder in Gang kommt. Nämlich dann, wenn in drei Stufen die Kernkraftwerke bis Ende 2022 abgeschaltet werden. Vielleicht werden die Spielräume für den konventionellen Strom dann  – zu­mindest vorübergehend – wieder etwas größer. Auf jeden Fall dürfte die Energiewende im Jahr 2021 ein Wahlkampfthema werden.

Mal sehen, wie sich Frau Kemfert dann einbringt.



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