Anetta Kahane, alias IM Victoria, die perfekte Weichzeichnerin in eigener Sache

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Manchmal ist der Zufall ein mieser Verräter.

Am vergangenen Montag, als die Achse des Guten neue Erkenntnisse aus der IM-Akte von Anetta Kahane publizierte, die dem Bild, das von ihrer Stasitätigkeit bisher gezeichnet wurde, widersprach, strahlte die ARD spätabends einen von der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur geförderten Film aus: „Auslandskader – Botschafter des Sozialismus“. Eine der befragten Protagonisten war Anetta Kahane.

Und dieser Film zeigt, wie geschickt Anetta Kahane an einem bestimmten Bild ihrer DDR-Zeit strickt.

In ihrem Eingangsstatement verkündet Kahane, dass sie sich in der DDR als Auslandskader beworben hatte, um „ihre Sehnsucht nach eigener Freiheit“ zu stillen. Das ist bemerkenswert für eine Person, die sich anscheinend wenig Gedanken gemacht hat, wie es mit der Freiheit der Menschen bestellt ist, über die sie an die Staatssicherheit berichtete.

Von den im Film vorgestellten Auslandskadern waren offenbar nicht alle auch Mitarbeiter der Staatssicherheit, wie Kahane. Es ist im Film zwar die Rede davon, dass die DDR neben anderen Gütern auch ihr System der Kontrolle exportierte, aber von ihrem obersten Kontrollorgan, der Staatssicherheit, ist im Film wenig zu hören.

Aber es geht in diesem Stück auch nicht um den Film (der insgesamt sehr interessant war), sondern um Anetta Kahane, die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung und eine der Einladenden für eine ‚Fachtagung‘, die ich als klaren Angriff gegen die DDR-Aufarbeitung sehe.

Kahane stellt im Film ihre Geschichte so dar: Sie studierte Lateinamerikanistik, um ins Ausland zu kommen. Zunächst schienen sich ihre Hoffnungen nicht zu erfüllen. Nach und nach wurden ihre Kommilitonen eingesetzt. „Ich blieb allein zurück.“ Und dann die Aussage: „Erst nachdem sie sich als Betreuerin von Widerstandskämpfern aus aller Welt ‘bewährt’ hatte“ durfte sie ins Ausland. 1979 wird sie zu ihrem ersten Einsatz nach São Tomé, Afrika geschickt.

Ein sehr selektiver Blick auf ihren Werdegang. Ihre inoffizielle Mitarbeit für die Staatssicherheit, die sie vor der Zulassung zum Studium angefangen hatte, verschweigt sie hier geflissentlich.

Kahane kommentiert, man habe sie auf eine Insel geschickt, wo sie nicht wegkonnte. Das hört sich an, als wäre es eine Art Strafaktion gewesen. Dabei war es ein vielbeneidetes und für die überwältigende Mehrheit der DDR-Bewohner unerreichbares Privileg.

Trotzdem versuchten die SED-Verantwortlichen auch im Ausland die Regeln der DDR aufrecht zu erhalten: Schon mit dem Einführungsvortrag sei ihr klargemacht worden, dass sie keinen Kontakt zu Ausländern haben dürfe. Auf Kahanes Frage, wer denn als Ausländer zähle, lautete die Antwort: Alle. Darunter fielen auch die wenigen Sowjetbürger. Absurde Regeln, so empfindet es Kahane heute, so empfand sie es offenbar auch schon damals.

Diesem eindrucksvoll geschilderten Zweifeln an der DDR steht ihre Tätigkeit für die Staatssicherheit gegenüber, die in dieser Zeit parallel stattfand. Die Staatssicherheit und die SED bekamen von Zweifeln anscheinend nur sehr wenig mit, denn Kahane wurde später (1981) zum weiteren Einsatz nach Mosambik geschickt. In diesem Jahr ist Anetta Kahane 27 Jahre alt.

In Mosambik sei ihr klar geworden, dass sie in der „DDR-Blase zu bleiben hätte“. Kahane schildert eindrücklich eine Szene, in der sie sich hinter eine Hecke geschmissen hatte, als sie sich in Gefahr wähnte, mit einer unerlaubten Kontaktperson gesehen zu werden. Sie schildert diesen Moment als Demütigung. Eine unmögliche Situation, dass sie solche Reflexe ausgebildet hatte. Eine ziemlich präzise Darstellung der Zwänge eines diktatorischen Systems.

Und dann kommt in Kahanes Auslassungen im ARD-Film plötzlich ein ganz anderer Tonfall: In Mosambik, so Kahane, sei ihr plötzlich klar geworden, „was vorher nur so verschwommen als Gefühl da war“ nämlich, „dass diese DDR-Deutschen genau solche Rassisten sind, wie die Westdeutschen“. Ein Punkt, der in dem ARD-Film dann ausführlich diskutiert wird. Und das Lebensthema der Anetta Kahane in der Bundesrepublik, die als Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung den Kampf gegen Rassismus, oder was von ihr als solcher empfunden wird, in aller Massivität führt.

Und offensichtlich auch schon damals führte. Denn die von ihr erlangte Erkenntnis wollte sie 1981 ganz offenbar unbedingt mit dem Ministerium für Staatssicherheit teilen.

In der Stasi-Akte sieht dies dann wie folgt aus (die ausführliche Darstellung aufbereitet von Dirk Maxeiner können Sie auf den Seiten der Achse des Guten nachlesen, ich zitiere hier nur die Stelle zu dem Aufenthalt in Mosambik):


Im Rahmen des Aufenthalts im Feb/März 1981 in Maputo, Hotel Polana (Mocambique) stellte eine Quelle unserer DE fest, dass insbesondere der DDR-Bürger XY [Name vom BStU geschwärzt] ca. 50 J, Einsatz in Mocambique als Kühlanlagentechniker u. einige um ihn gescharte DDR-Bürger sehr unangenehm auffielen. Im persönlichen Gespräch u. allgemeinem Verhalten traten rassistische Tendenzen auf. Sehr grobschlächtig u. lautstark äußerte er sich negativ über Land u. Leute, wie

– die Schwarzen können nichts

– das Essen sei Fraß

– Scheißland

u. man könne sich nicht amüsieren. u.ä.

Sein Verhalten war beleidigend für die Aufbauarbeit in Mocambique. Er vertrat die DDR unwürdig.

Quelle: IM

Quelle ist ehrlich u. zuverlässig”


Für mich eine glasklare Denunziation. Und natürlich für die Betroffenen brandgefährlich. Aus der Akte von IM Victoria geht nicht hervor, was den denunzierten Personen geschehen ist. Harmlos war ein solcher Bericht damals in keinem Fall.

Das ist die Aktenlage. Aber was macht Kahane im ARD-Film daraus? Im Film erwähnt Kahane ihre Spitzeltätigkeit in einem ganz anderen Zusammenhang. Im Flugzeug von Maputo zurück nach Ostberlin hätte sie mit einer Tüte Cashewkerne in der Hand geweint und sich geschworen, wenn sie zurück nach Berlin käme, würde sie dem „Stasifuzzi“sagen, dass sie nicht mehr mitmache. „Ich kann mit diesem Land nichts mehr anfangen.“

Eine PR-Meisterleistung von Kahane: Auf diese Weise wird ihre Spitzeltätigkeit erwähnt, aber so, dass ein völlig anderer Dreh entsteht. Die eigentliche Denunziationsarbeit wird verschwiegen und geht damit praktisch unter, das Bild der unangepassten DDR- und DDR-Bürger(!) – Kritikerin wird nicht gestört.

Diese Darstellung taucht im Film übrigens im letzten Abschnitt auf, der eigentlich die Endachtziger Jahre behandelt. Eine Darstellung, die – sagen wir mal vorsichtig – unpräzise ist. Der in Rede stehende Mosambik-Aufenthalt, einschließlich des Rückflugs nach Ostberlin war im Frühjahr 1981. Laut der von Anetta Kahane selbst in Auftrag gegebenen Gutachten hat ihre IM-Tätigkeit bis 1982 angedauert. Die fehlenden Wochen und Monate hat Kahane wohl gebraucht, um ihre Berichte über die „rassistischen“ DDR-Bürger zu fertigen, bevor sie mit diesem Land und seiner Stasi dann endlich fertig war.

Lassen Sie uns bilanzieren: Anetta Kahane hatte eigentlich genug gewusst und erkannt, in was für einem Staat sie gelebt hat und vor allem, was für einem Regime sie gedient hat. Und vor allem in welcher Art und Weise, nämlich als willige Denunziantin.

Aber welches Fazit zieht Kahane in dem Film? Sie zeichnet folgendes Bild: „Das, was die DDR in ihrer Legitimität ausmachte, hat mich drin gehalten und das, was ihre Realität war, hat mich rauskatapultiert.“ Mit dem Ausreiseantrag 1987 und der Rückkehr nach der Wende mit Gründung der Amadeu Antonio Stiftung ergibt sich für den Zuschauer ein vermeintlich rundes Bild.

Was Sie als Legitimität der DDR gesehen hat oder noch heute sieht, bleibt unklar. Eines wird aber überdeutlich: Über die Rolle, die sie selber darin gespielt hat, kann oder will sie bis heute keine wahrheitsgetreue Auskunft geben.

Man sieht eine Frau, die ihre Eigen-PR perfektioniert hat. Aber manchmal ist der Zufall ein mieser Verräter.


Nachtrag

Ich möchte diese Betrachtung nicht schließen, ohne die berührendsten Szenen des Beitrags erwähnt zu haben.

Ein Thema war, dass Auslandsreisekader ihre Kinder, wenn sie ein bestimmtes Alter überschritten hatten, nicht mehr mitnehmen durften. Sie wurden dann in ein Kinderheim abgeschoben. Dieses Schicksal erlitt Toni Krahl von der Rockband City, der dies mit Peter Kahane, einem von zwei Brüdern Anetta Kahanes, teilte. Beide Männer schildern, wie sie im Heim oft vergeblich auf Post ihrer Eltern warteten (Peter Kahane erwähnt explizit, dass sein Vater für einen Journalisten erstaunlich wenig an seine Söhne schrieb). Und wenn, dann waren es „semi-sozialistische Ermahnungen“ (Toni Krahl). Die Kinderheimzeit hat beide Männer geprägt, bis heute. Zwar will der Regisseur Kahane dieser Zeit auch Gutes abgewinnen; er habe im Heim den wahren Wert von Freundschaft kennengelernt. Aber seltene Postkarten von der Copacabana zu bekommen, versetzte jedes Mal „einen Stich“.

Immerhin ist hier die Haltung von Anetta, die als fünf Jahre jüngeres Kind an der Seite der Eltern bleiben durfte, während ihre Brüder ins Kinderheim gehen mussten, klar: „Ein Verbrechen an den Familien” nennt sie diese Politik. Die geschwisterlichen Beziehungen zwischen ihr und ihren Brüdern seien schwer belastet worden und im Prinzip bis heute gestört.



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