Holocaustgedenktag – eine Prognose

Veröffentlicht am

von Gastautor Parviz Amoghli

Am Morgen des 27. Januar 1945 traten vier Divisionen der Roten Armee an, die riesigen Industriekomplexe, die seit dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion rund um das nahegelegene Städtchen Auschwitz entstanden waren, anzugreifen und zu erobern.

Dass die Deutschen Lager betrieben und die SS darin willkürlich und systematisch Juden, Zigeuner, Homosexuelle etc. maschinell ermordete, war spätestens seit dem 23. Juli 1944, seit der Befreiung des KZ Majdanek durch die Rote Armee, bekannt. Die Rotarmisten waren also nicht ganz unvorbereitet. Doch was sie nach der Eroberung von Auschwitz zu Gesicht bekamen, überstieg jedes menschliche Vorstellungsvermögen. Überall lagen Leichen, Männer, Frauen und Kinder, einzeln oder wie Abfall auf einen Haufen geworfen, dazwischen taumelten ausgemergelte, geschundene und gemarterte Gestalten über die Wege, in den noch warmen Öfen der Krematorien glommen die Überreste verbrannter Kadaver und in den stinkenden und verlausten Baracken warteten atmende Skelette auf ihr Ende.

Am 27. Januar 1945 ist die Welt eine andere geworden. Die Verbrechen, die mit diesem Tag verbunden sind, sind von solch grausamer Monstrosität, dass sie eigentlich über den tagespolitischen Dingen stehen sollten. Die Opfer des nationalsozialistischen Rassewahns haben es verdient, dass man ihrer in Würde gedenkt.

Es bedarf allerdings keiner Prophetie, um vorauszusehen, dass genau das bei den anstehenden Feierlichkeiten anlässlich des vierundsiebzigsten Jahrestages der Befreiung von Auschwitz nicht geschehen wird. Stattdessen wird wohl wieder eines der gleichermaßen üblichen wie unappetitlichen Spektakel zur Aufführung gebracht werden, bei dem jedes politische Lager möglichst schrill und lautstark versuchen wird, die Gequälten für ihre tagespolitischen Zwecke zu instrumentalisieren.

Ohne Zweifel werden die Kanzlerin und ihre Anhängerschaft die ermordeten Juden als Kronzeugen für die Einwanderung von Millionen Antisemiten aufrufen, werden sie die Jungmänner, die sich wohlgenährt und gut gekleidet aus eigenem Antrieb in Lebensgefahr bringen, mit den geknechteten und entwürdigten Menschenresten in Auschwitz auf eine Stufe stellen, und natürlich werden sie diejenigen, die sich solche Gleichsetzungen verbitten, als Menschenfeinde beschimpfen, als Nazis, die nur darauf warten, die Todesfabriken wieder in Betrieb zu nehmen.

Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass sich an diesem Tag auf Seiten der Beschimpften ganz gewiss der eine oder andere Tweet, Facebook oder Instagram Post einstellen wird, der der merkelschen Nomenklatura als Beweis für die Richtigkeit ihrer Anwürfe dienen wird. Gewiss werden blaue Hinterbänkler, Provinzfürsten oder auch nur einfache Parteimitglieder öffentlichkeitswirksam beweisen wollen, dass es auf gar keinen Fall sechs Millionen ermordete Juden gewesen sein können. Andere werden von einem oktroyierten Schuldkult reden oder vom vermeintlichen Judenknacks der Deutschen. Hoffentlich bleibt wenigstens die geschichtspolitische Wende um 180° in den Schubladen der Redenschreiber.

Aber natürlich wäre die Berliner Republik nicht die Berliner Republik, würden es die politischen Lager dabei belassen, am „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ nur den innenpolitischen Gegner zu beharken. Dafür ist der deutsche Welt-Missionierungsdrang einfach zu groß. Und deshalb werden sich sowohl links als auch rechts sicherlich dem „Palästina“ Konflikt zuwenden, um Israel sowie die Israelis wieder einmal darüber zu belehren, was diese zu tun und zu lassen haben. Die einen werden dabei ihre Ressentiments gegenüber dem Judenstaat hinter einer von Sündenstolz geblähten Brust verbergen, die anderen werden weniger verhohlen vom gerechtfertigten bewaffneten Kampf des palästinensischen „Volkes“ schwafeln. Ihre Bezichtigungen werden jedoch die gleichen sein: Israel ist ein Apartheidstaat, betreibt in Gaza ein KZ, stellt die größte Gefahr für den Weltfrieden dar und verhält sich überhaupt ganz und gar wie ein Nazistaat. Und ganz gewiss werden die alten antisemitischen Klischees auftauchen, wonach die Israelis den Arabern Wasser vorenthalten und die Welt ohnehin nach der Pfeife Jerusalems tanzen würde.

Das alles wird, auch das ist vorhersagbar, im Gestus absoluter moralischer Überlegenheit vorgetragen werden. Schließlich habe man aus der Geschichte gelernt und meine es nur gut mit den Juden, wenn man sie und ihren Staat kritisiert. Da sei nichts Antisemitisches dabei, ganz im Gegenteil! Hätte man damals, in den zwölf Jahren, gelebt, man hätte nicht einen, man hätte Scharen von Juden versteckt. Im Keller hätten sie sich quasi gestapelt. So oder so ähnlich werden am 27. Januar die Behauptungen derjenigen klingen, die an den anderen 364 Tagen im Jahr die israelische Flagge als Provokation betrachten, „Stürmer“-Karikaturen anfertigen, sich der Hamas wertemäßig verbunden fühlen, Gewalt gegen Juden kleinreden oder rechtfertigen und die iranischen Mullahs hofieren. Es bleibt abzuwarten, wer an diesem Tag den geistigen Tiefpunkt zu verantworten haben wird. Kandidaten gibt es sicher mehr als genug, quer durch alle Parteien, Organisationen, Verbände, Gewerkschaften und Religionsgemeinschaften. Aber wer es auch am Ende sein wird, er/sie/es wird nur die Kirsche auf der ungenießbaren Torte sein.

In der Berliner Republik, also in jener Republik, die sich nach dem Selbstverständnis ihrer Ausrufer durch Auschwitz legitimiert, interessieren die Opfer von Auschwitz nur, wenn man sie als möglichst großkalibrige Munition im täglichen Kampf an der Meinungsfront einsetzen kann. Nur der Einschlag, der kurzfristige Effekt zählt. Und so wird der 27. Januar 2019 aller Voraussicht nach wieder einmal kein würdiges Gedenken hervorbringen, sondern nur ein weiteres Beispiel für die intellektuelle Verwahrlosung in Buntdeutschland.

Aber vielleicht erweist sich diese ja Prognose als falsch, und selbst Geistesgrößen wie Stegner, Lauterbach, Maas, Höcke, Bischof Marx, Todenhöfer, Chebli, Kipping, Göring-Eckardt oder Habeck verzichten für vierundzwanzig Stunden darauf, ihr Gift in die Welt zu sprühen. Darauf hoffen, sollte man allerdings nicht.


Vom Autor (gemeinsam mit Alexander Meschnig) zuletzt erschienen: „SIEGEN – oder vom Verlust der Selbstbehauptung“ (TUMULT Werkreihe, Band 5, Manusriptum, 2018)



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