Bewegte Zeiten

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Wenn man sich in diesen Tagen dem Gropius-Bau vom Potsdamer Platz kommend nähert, fallen zwei lange Schlangen vor dem Eingang auf. In der etwas größeren stehen die Neugierigen, die sich endlich die viel besprochene die Sammlung Gurlitt ansehen wollen, die Besucher in der kleineren wollen in die Ausstellung „Bewegte Zeiten“ über die Archäologie in Deutschland.

Das Warten lohnt sich. Die Schau ist sensationell. Gezeigt werden spektakuläre archäologische Neufunde der letzten zwanzig Jahre. Der rote Faden ist, dass Bewegung und Veränderung seit Urzeiten zu den Konstanten menschlichen Handelns gehören. Neu ist die Erkenntnis, in welchem Ausmaß die Mobilität die menschlichen Gesellschaften geprägt hat.

Im ersten Saal sind die zahllosen Funde, die man im Rhein bei Ausbaggerungen gemacht hat. Man findet nicht nur Bruchstücke aus allen Ecken und Enden des Römischen Reiches, sondern Scherben, die weit vor der Geburt Christi aus Ägypten gekommen sind – per Schiff.

Die ersten befestigten Wege wurden zur Überquerung von Mooren angelegt, später wurden Straßen mit Holzbohlen befestigt, noch später gepflastert. Wie viele heutige Straßen über uralten angelegt sind, zeigt sich, wenn sie erneuert werden müssen. Dann finden sich von Reisenden vor vielen Jahrhunderten weggeworfene oder verloren gegangene Gegenstände, Schuhe, Schlüsselbunde, Taschen mit Kämmen, Haarnadeln und Spangen, die viel über das Leben unserer Vorfahren erzählen. Am häufigsten finden sich Keramikgefäße, die dem Transport von Nahrung dienten und, nachdem sie geleert waren, ähnlich dem heutigen To-go-Geschirr weggeworfen wurden. Die Gründe für das Reisen ähneln sich: Wanderlust, Handel, militärische Truppenbewegungen, aber auch Gefangenschaft und Verschleppung. Mit den modernen Möglichkeiten kann man sogar die DNA in gefundenen Knochen bestimmen. Seither weiß man, wie reichhaltig der genetische Pool der heutigen Europäer ist.

Der Ressourcenaustausch begann in der Jungsteinzeit und führte bereits damals zu weitreichenden Kontakten in ganz Europa.

Natürlich gab es schon immer Konflikte. Aus der Bronzezeit stammen die ersten Schlachtfelder. Im lieblichen Tal der Tollense fand die erste bekannte Feldschlacht mit tausenden Toten statt. Hier kamen vor allem Pfeile und Keulen zum Einsatz, wie die Verwundungen an den gefundenen Knochen zeigen. In der Abteilung „Innovation“ sind dagegen die ersten Handgranaten der Welt zu sehen.

Kriege führten zur Vernichtung von Kulturen oder identitätsstiftender kultureller Objekte. Stellvertretend dafür wird ein zerstörter Jupitertempel gezeigt. Eine Videoinstallation darüber dokumentiert die Zerstörung von Denkmälern durch islamistische Extremisten. Fatalerweise aber auch die Entfernung von Statuen kommunistischer Massenmörder. Diese Gleichsetzung ist ein Fauxpas, der das hohe wissenschaftliche Niveau der Ausstellung beträchtlich mindert. Der Sturz einer Stalin-Statue ist ein Zeichen der Befreiung von einer mörderischen Diktatur, während die Kulturzerstörung durch die Islamisten den Aufstieg einer neuen mörderischen Diktatur begleitet. Das nicht begriffen oder nicht beachtet zu haben, ist schwer verständlich.

Zurück zum Positiven: Präsentiert werden so sensationelle Fundstücke, wie die älteste bekannte Frauendarstellung, eine Alchimistenküche aus Wittenberg, der Holzbohlenkeller eines Lübecker Handelshauses, der bis zu 15 Meter hohe Holzhäuser trug, die ohne Nägel und Schrauben zusammengesetzt wurden und eine rosafarbene seidene Geldbörse eines Lübecker Kaufmanns, die in einer ehemaligen Latrine gefunden wurde.

An einer Stelle gibt es einen permanenten Besucher-Stau. Die Menschenmenge drängt sich um den Star der Ausstellung: Die Himmelsscheibe von Nebra. Bis zu einer Viertelstunde muss man warten, ehe man ganz vorne steht. Aus der Nähe erfährt man, warum sich die Betrachter so schwer von diesem Fundstück lösen können. Die Himmelsscheibe hat eine geradezu magische Ausstrahlung. Es ist, als würden uns unsere längst zerfallenen Vorfahren die Hand reichen.



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