Der Horror hinter dem freundlichen Gesicht!

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Die russische Literatur hat Europa spätestens seit Fjodor Michailowitsch Dostojewski immer wieder Einblicke in die finsteren Abgründe menschlicher Gesellschaften und ihrer Seelen gegeben. Der Mörder Raskolnikow, die Dämonen der beginnenden marxistischen Bewegung, der Horror des Bürgerkrieges nach der Machtergreifung der Sowjets, das langsame Sterben der Bauern in den abgeriegelten Hungergebieten, das Lagerleben im Gulag.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion traten Schriftstellerinnen wie Ludmila Ulitzkaja an die Öffentlichkeit, die mit ihren harten Krimis ein eindrucksvolles Bild der zerrütteten Gesellschaft nach der kommunistischen Diktatur zeichneten.

In diese Reihe gehört Lana Lux, die 2017 ihren Debütroman „Kukolka“ veröffentlichte.
Die Handlung beginnt Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts in Lux’ Heimatstadt Dnipropetrovsk, in einem Kinderheim, das noch nach sowjetischer Art geführt wird. Kukolka, ein Findelkind, von dem man außer dem Ungefähren Alter nichts weiß, versucht durch Einhaltung der strengen Regeln über die Runden zu kommen. Das ändert sich, als Marina auftaucht, die von ihrem überforderten Vater ins Kinderheim abgeschoben worden war. Als sie in der Nacht gemeinsam eine Strafe auf den kalten Fliesenboden des Waschraums absitzen müssen, werden die beiden Mädchen Freundinnen. Sie werden getrennt, weil Marina von einem deutschen Ehepaar adoptiert wird. Von Marina kommt noch ein Brief in einem Paket. Kukolka darf die Sachen, ihr erster Besitz, behalten, muss den Brief aber der Erzieherin überlassen. Sie kann den Verlust des Briefes nicht akzeptieren, stiehlt ihn in der Nacht und verlässt das Kinderheim. Sie ist fünf Jahre alt und hat die Welt außerhalb des Heims noch nie gesehen.

Sie landet am Bahnhof, wo sie von dem Kleinkriminellen Rocky aufgelesen wird. Rocky lebt davon, dass er obdachlosen Kindern eine Zuflucht bietet. Dafür müssen sie für ihn anschaffen gehen. Er nennt sie wegen ihrer Schönheit Kukolka, Püppchen. Sie muss für ihn betteln gehen. Das tut sie mit großem Erfolg, denn sie ist nicht nur ein außergewöhnlich schönes Kind, sondern sehr lern- und anpassungsfähig.

Zur Wohngemeinschaft in einem heruntergekommenen Haus ohne Strom und mit nur einem Ofen in der Küche, leben drogenabhängige Zwillinge, der Straßenmusikant Ilja, dem man mit dreizehn Jahren mit Säure das Augenlicht zerstört hat, weil er Zeuge eines Mordes wurde, die Taschendiebin Dascha, die von ihrem Großvater und dessen Saufkumpanen schon als Kleinkind sexuell so mißbraucht wurde, dass sie nicht mehr leben will, Lydia, die von ihrer Mutter verstoßen wurde, nachdem die den verkrüppelten Vater erstickt hat. Rocky fährt sie morgens zur „Arbeit“ und holt sie abends wieder ab. Die Tageseinnahmen müssen abgegeben werden. Das Geld braucht Rocky für seien Glücksspiele. Es kommt vor, dass nicht genug Essen da ist und nicht geheizt werden kann.

Als sie zehn wird, beginnt Rocky, Kukolka sexuell zu mißbrauchen. Es bleibt aber bei Fummeleien. Zu Kukolkas Glück, ist Lydia für die weitergehenden Bedürfnisse ihres „Beschützers“ da.
Von Dascha lernt Kukolka das Stehlen. Als sie an den Falschen geraten, wird Dascha vor Kukolkas Augen auf offener Straße erst vergewaltigt, dann erschossen. Damit nicht genug. Lydia, die versucht, mit einer Schwangerschaft Rocky an sich zu binden, wird von ihm zur Abtreibung gezwungen, an der sie stirbt.

In dieser Situation taucht Dima auf. ein junger Mann, wie aus dem Bilderbuch: Gut aussehend, offenbar reich, gut riechend und ein vollendeter Kavalier, der Kukolka Rosen schenkt und sie zum Essen ausführt. Als er vorschlägt, dass Kukolka zu ihm ziehen soll, willigt sie sofort ein.

Sie kann anfangs ihr Glück nicht fassen. Dimas Wohnung hat fließendes warmes Wasser, ist schön eingerichtet und absolut sauber. Hier scheint sie ihrem Elend entronnen zu sein. Auch Dimas sexuelle Annäherungsversuche sind anfangs sanft, aber zielstrebig. Er bringt ihr alles bei, was man als Prostituierte können muss, ohne das zu sagen. Alles soll aus Liebe geschehen. Sie ist gerade zwölf. Der erste Riß in der Idylle entsteht, als Dima „geschäftlich“ nach Deutschland muss und Kukolka zwanzig Tage allein in der Wohnung zurücklässt. Verlassen kann sie ihr Verließ nicht, denn Dima behauptet, nur einen Schlüssel zu haben. Als er endlich zurückkommt, hat er einen Paß dabei und schickt Kukolka nach Deutschland, wo er auch eine Wohnung hat. Bei ihrer Ankunft in Deutschland wird sie von Wowa, einem Geschäftspartner Dimas, abgeholt. Wowa nimmt ihr den Pass ab, bringt sie in Dimas Wohnung, wo sie wieder eingeschlossen viele Tage warten muss, ehe der Geliebte auftaucht.
Dima macht sich umgehend daran, sie als Prostituierte zu vermieten. Anfangs behauptet er, sie müsse ihm helfen, weil er Schulden abzuzahlen habe und umgebracht würde, wenn er nicht zahlen könne. Aus Liebe zu ihm tut sie alles, was er will. Sie hat eine übermächtige Angst vor dem Verlassenwerden. Sie braucht schließlich Drogen, um durchzuhalten. Unter Drogeneinfluss ermordet sie einen besonders ekligen Freier mit einer Wodkaflasche. Danach verkauft ihr Zuhälter sie für 15.000 Euro an eine „Agentur“ in Berlin-Charlottenburg.
Er lockt sie unter dem Vorwand dorthin, sie solle sich in diesem Haus von ihrem Schock erholen. Sobald er weg ist, eröffnet ihr die Chefin des Hauses, sie müsse innerhalb eines Jahres ihre „Schulden“ von 30. 000 Euro abarbeiten, plus Kosten für Miete, Verpflegung, Medikamente, Kondome und sonstige Notwendigkeiten. Nach Begleichung ihrer “Schulden“ könne sie die Agentur verlassen, oder weiter auf eigene Rechnung arbeiten. Ihre Fotos würden ins Internet gestellt. Sie müsse „Kunden“ Tag und Nacht zur Verfügung stehen.

Außer ihr gab es noch sechs andere Mädchen. Die eine wurde unter dem Vorwand, als Haushaltshilfe arbeiten zu sollen, nach Deutschland gelockt, eine andere erpresste man mit der Drohung, ihren Sohn in der Ukraine zu ermorden, eine Dritte hatte gehofft, in Deutschland studieren zu dürfen. Sie alle wurden Sexsklavinnen.
Lux beschreibt hier die Zeit, als die rot-grüne Bundesregierung mit einem Erlass des Staatssekretärs im Auswärtigen Amt „In dubio pro libertate“ für eine Einreisewelle aus der Ukraine sorgte. Die Dienste der Sexsklavinnen wurden auch gern von bekannten Fernsehmoderatoren in Anspruch genommen. Wie es den Frauen hier erging, interessierte die Humanisten mit dem freundlichen Gesicht allerdings nicht.

Als es Kukolka auf einer Tankstelle gelang, ihrem Bewacher zu entkommen, war sie schon so beschädigt, dass sie operiert werden musste. Nur ihre Name – Samira – war ihr unbeschädigt geblieben. So konnte sie Kukolka hinter sich lassen. Auf Rat der behandelnden Ärztin und einer russischen Wissenschaftlerin, die sich ihrer annahm, ging Samira zur Polizei, um ihre Aussage zu machen. Sie musste sich allerhand Fragen gefallen lassen, wieso sie das Haus nicht einfach verlassen habe, warum sie keine Papiere hätte, warum sie nicht gemeldet und krankenversichert sei. Aber zu einer Vorladung oder gar Verhaftung kam es nicht. Sowohl der Zuhälter, als auch die „Agentur“ blieben unbehelligt. Mit der importierten Mafia legt sich die deutsche Polizei lieber nicht an, weder im Buch, noch im wirklichen Leben.

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