Onkel Wowa – wir sind mit Dir.

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Ein bizarr-trauriges Propagandalied als Spiegel der momentanen Seelenlage der russischen Isolationisten

Von Gastautor

Es ist ein echter Ohrwurm und in seiner Machart ein kleines Meisterwerk. Die attraktive Duma-Abgeordnete Anna Kuwitschko (von Putins Partei Einiges Russland) inszeniert sich und einen Kinderchor vor dem riesigen Stalingrad-Schlacht-Denkmal Mutter Heimat in ihrer Wahlkreisstadt Wolgograd.

Onkel Wowa – wir sind mit Dir, singen die Kinder in dem Lied von W. Antonov und seinem Sohn (‚wahren Patrioten ihres Landes‘) und zwar wenn der ‚Oberkommandeur‘ in einer Welt, die eigentlich im Frieden leben könnte zum ‚letzten Kampf‘ ruft.

Trotzdem fragt sich der gegenüber Russland durchaus eher neutral-positiv gestimmte Zuschauer schon, was das soll? Und ich würde dieses Werk jetzt nicht einfach als Profilneurose einer überehrgeizigen Abgeordneten abtun, dafür reflektiert der Text zu viel von dem, was Präsident Putin und andere ständig von sich geben. Neben dem Besingen der Größe des Landes (‚vom Eismeer bis zu den südlichen Grenzen, von den Stränden der Ostsee bis zu den Kurilen‘) kommen trotzig-traurige Ansagen: Sewastopol und die Krim sind unser, wir werden sie für unsere Nachfahren bewahren. Nun ja, es darf stark bezweifelt werden, dass dies den Schaden aufwiegt, den Russland durch die Annexion für die Ukraine, sich, die Region und Europa angerichtet hat.

Die Samurai (also die Japaner) werden ihre Erde (die Kurilen-Inseln) niemals wiederbekommen (allein dieser Satz verrät die ganze Schwäche der Argumentation und Position). Das mit ‚Bernsteinhauptstadt‘ nett umschriebene ehemalige Königsberg wird ‚mit der Brust verteidigt‘. Wäre es nicht besser, eine belastbares Zukunftsprojekt für diese Region zu entwickeln, angefangen bei der Aufgabe des Namens des Stalinmördergesellen Kalinin?

Je häufiger man das Lied hört, desto kleiner und bizarrer kommt einem der Auftritt vor: Haben die keine anderen Probleme?

Und immer wieder die Referenz zum Großen Vaterländischen Krieg und ab und zu zur orthodoxen Kirche. Was hat das mit den eigentlichen Herausforderungen in Russland zu tun? Nichts.

‚Unsere treuen Freunde sind die Flotte und die Armee, erinnern an die Freundschaft der Großväter unter dem roten Stern‘ – sind wir im modernen Russland oder in einem isolierten Kleinregime, welches sich von Feinden umstellt sieht?

Für mich der Kernsatz, den ja Kinder singen: ‚Was wird übrig bleiben für meine Generation, wenn wir Schwäche zeigen? – werden wir unser ganzes Land verlieren!‘

Nein, möchte man deutlich sagen. Vielleicht solltet ihr Eure Anstrengungen mehr auf die Wirtschaft und die Innovationskraft des Landes richten und Euch nicht mit Euren Freunden von der Flotte und der Armee für einen ‚letzten Kampf‘ gegen einen imaginären Feind rüsten?

Natürlich finde ich dieses Machwerk nicht gut, aber vielleicht würde ich doch einen etwas weniger alarmistischen Dreh darauf setzen, als es Boris Reitschuster mit der Überschrift ‚Für Putin in den Endkampf‘ ein wenig getan hat. Übrigens möchte ich bemerken, dass die eigentlich ziemlich guten deutschen Untertitel hier meines Erachtens nach zu überspitzt übersetzt haben: posledny boi scheint mir mit ‚Endkampf‘ viel zu hart übersetzt und sehr auf die Wirkung in Deutschland gerichtet zu sein.

Das Lied wirkt gerade beim mehrmaligen Hören viel weniger aggressiv als man im ersten Moment denkt, eher traurig, hilflos. Der Gipfel – und dies muss man dann schon lächerlich nennen – ist der Satz: ‚Wir werden Alaska in die Arme der Heimat zurückholen‘ – darauf warten Gouverneur Bill Walker und Präsident Trump sicherlich.

Onkel Wowa und seine Abgeordnete Anna Kuwitschko sollten sich vielleicht mehr auf die wirklichen Herausforderungen in Russland konzentrieren.

 

Hier das Original:

https://www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=RnVGQcpO8o8

MP Anna Kuwitschko auf den Seiten der Duma (russisch):

http://duma.gov.ru/duma/persons/99112791/

Und eine Parodie des Originallieds mit intensiven Diskussionen in Russisch:

https://www.youtube.com/watch?v=i7q7i9AiZhU



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