Eine Feier ohne D-Mark

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Von Gastautor Michael J. Glück

Deutschland feiert offiziell die Geburt der D-Mark, die am 21. Juni 1948 zum alleinigen Zahlungsmittel der Bundesrepublik wurde. Sie wäre jetzt 70 Jahre alt geworden. Doch 50 Jahre nach ihrem Entstehen wurde sie durch einen Wechselbalg namens Euro verdrängt. Dabei war die D-Mark ein Erfolgsmodell, das aber unseren Nachbarn nicht sonderlich gefiel.

Auch das grundlegende Konzept der Wirtschafts- und Währungsreform von 1948 – die soziale Marktwirtschaft – stößt inzwischen auf Kritik. Sie sei in die Jahre gekommen, moniert der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) zum Beispiel. Bundeskanzlerin Angela Merkel dagegen erkennt in der sozialen Marktwirtschaft das Fundament unseres wirtschaftlichen Erfolges. Wie das? Reden Kritiker und Anhänger von demselben Wirtschaftskonzept? Oder haben eventuell weder Kritiker noch Anhänger der sozialen Markwirtschaft vor der anstehenden Feier noch einen kurzen Blick in Ludwig Erhards „Wohlstand für alle“ geworfen. Der ist allerdings schon etwas älter. Die erste Auflage erschien im Februar 1957.

Wettbewerb und Wirtschaftswachstum

Das Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft findet sich auch in den Parteiprogrammen der CDU, der CSU und der SPD. Eine offizielle ökonomische Lehre verbirgt sich hinter diesem Begriff aber nicht. Sie war vielmehr die wirtschaftspolitische Konzeption von Alfred Müller Armack (18.6. 1901 – 16.3.1978), Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium unter Ludwig Erhard (4.2.1897 – 5.5.1977). Erhard teilte Müller Armacks Überlegungen zwar nicht ohne Wenn und Aber, doch er setzte sie als Bundeswirtschaftsminister (1949 bis 1963) weitgehend um.

Misst man diese Konzeption an den ökonomischen Lehren eines Friedrich August von Hayeck oder des US-Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman, die uns heute näher stehen als ein Ludwig Erhard, dann wird das Missfallen des DGB verständlich. Merkels Lob dagegen überrascht. Denn für Erhard hieß soziale Marktwirtschaft Wettbewerb und Wirtschaftswachstum. Letzteres aber verstößt grundsätzlich gegen die Weltenrettungspläne westlicher Eliten. Die „Grenzen des Wachstums“, die uns Wissenschaftler und Denker des Club of Rome in missionarischem Eifer bereits 1972 und abschließend noch einmal 1992 ans Herz gelegt haben, erklären Wirtschaftswachstum zum Frevel an der Menschheit. Für Erhard war jedoch wirtschaftlicher Erfolg ein Staatsziel und Teilhabe der arbeitenden Bürger daran ein Muss.

Keine soziale Marktwirtschaft

Zum wirtschaftlichem Wettbewerb gehörte für Ludwig Erhard eine gut funktionierende Kartellbehörde. Die Währungsstabilität und ein konjunkturpolitisches Instrumentarium der Regierung gehörten ebenfalls zu seinem Credo. Erhard wäre also kein Anhänger der US-amerikanischen Tea-Party geworden, für die jede staatliche Einmischung in die Wirtschaft einschließlich der Existenz einer Zentralbank Teufelszeug sind. Auch für von Hayek und Friedman ist staatliche Einmischung in die Wirtschaft eine ökonomische Sünde. Müller Armack dagegen wollte das Prinzip der Freiheit auf dem Markt mit dem sozialen Ausgleich verbinden. Ihm schwebte als dritter Weg zwischen Liberalismus und Lenkungswirtschaft vor.

Für Hayek und Friedman sowie deren Schüler ist dagegen unternehmerischer Egoismus die einzig legitime Triebfeder für erfolgreich wirtschaftende Gemeinwesen. Von den sprudelnden Gewinnen bekämen die Arbeitnehmer dann nach und nach etwas ab. Und so empfanden die Propheten eines liberalisierten Marktes die rechten Militärdiktaturen Lateinamerikas mit ein paar Milliardären im Gefolge und der Privatisierung des sogenannten Tafelsilbers der Staaten zumindest als ökonomisch korrekt. Mit einer sozialen Marktwirtschaft, die Deutschlands Wirtschaft zum Erfolg geführt hat, sollten diese Konzepte nicht verwechselt werden.

Mit Optimismus und Zigarren

So liberal agierte Ludwig Erhard auch keineswegs, selbst wenn er weltweit als „Apostel der freien Wirtschaft“ galt, wie der „Toronto Star Weekly“ am 17. März 1956 schrieb. Wörtlich wird dazu erklärt: „Im Juni 1948, kurz vor der Währungsreform, produzierte die Industrie Westdeutschlands nur die Hälfte dessen, was die Industrie desselben Gebiets 1936 produziert hat. Heute erzeugt die westdeutsche Industrie annähernd das Doppelte von 1936. Im letzten Jahr überstieg die Produktion diejenige von 1954 um 17% und erreichte damit den höchsten Stand, den Deutschland je erreicht hat, einen höheren als jedes andere Land in Europa.

Diese wirtschaftliche Lage“, so das kanadische Wochenblatt weit, „ist in erster Linie einem untersetzten 59jährigen Mann mit blauen Augen und Doppelkinn zu danken, der seinem Optimismus und schweren Zigarren ergeben ist. Als Zigarrenraucher schlägt er den Rekord Churchills, der sieben Stück pro Tag raucht; Erhard übertrifft ihn mit zwölf Stück täglich. Als Optimist steht er kaum hinter Churchill zurück….“ Optimistische Zigarrenraucher sind in der deutschen Politik aber heute nicht mehr anzutreffen.