Ist die Asylpolitik Merkels „christlich“?

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Von Gastautorin Ute Mennecke

Immer wieder höre ich das Argument, die Asylpolitik der BRD sei doch christlich und deshalb müsste man ihr als christlichen Werten verpflichteter Mensch zustimmen. Ich antwortet dann meist: Dass die Bundesrepublik Deutschland kein „christlicher Staat“ sei, schließlich herrsche seit 100 Jahren die Trennung von Staat und Kirche, und dass von daher schon der Anspruch falsch sei, staatliches Handeln habe „christlich“ zu sein. Vielmehr sei es Aufgabe des Staates, allen seinen Bürgern eine möglichst friedliche und gedeihliche Existenz zu ermöglichen und zu diesem Zweck ein gerechtes Regiment zu führen, in antiker Definition: dafür zu sorgen, das „jeder das seine“ bekommt. Der Staat dürfe nicht willkürlich einzelne Bürger benachteiligen, aber auch nicht begünstigen, er dürfe überhaupt nicht willkürlich handeln – denn dann verhielte er sich wie ein absolutistischer Herrscher -, sondern strikt nach dem Gesetz, das für alle gleich ist.

Darüber hinaus könne er im Rahmen seiner Möglichkeiten dann auch eine humanitäre (Selbst-)Verpflichtung gegenüber Nicht-Bürgern eingehen. Eine Etikettierung dieses humanitären Handelns als „christlich“ führe aber in die Irre. Weil diese Sichtweise oft ungläubiges Erstaunen hervorruft, will ich sie mit den folgenden Ausführungen etwas näher erläutern.

Denn welches Verhalten ist nun eigentlich christlich?

Im Allgemeinen wird mit christlicher Ethik selbstloses Verhalten, das Praktizieren der Nächsten- bis hin zur Feindesliebe verbunden. Jesus Christus selbst ist dafür das größte Vorbild, steht doch schließlich sein ganzes – und kurzes – irdisches Leben unter dem Vorzeichen des Selbstopfers und des Lebensverzichts. Daneben ist es nicht zuletzt das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lk 10, 25-37), das dazu auffordert, dem „Nächsten“ uneigennützig zu helfen. Jesus erzählt es, weil er gefragt wird, wer denn mir der Nächste sei. Der unter die Räuber Gefallene, hilflos Daliegende ist „mein“ Nächster schlicht deshalb, weil ich ihm über den Weg laufe. Mit dieser Bestimmung des „Nächsten“ nimmt Jesus tatsächlich eine Entgrenzung dieses Begriffs vor, denn der „Nächste“ ist danach nicht nur ein Mensch aus meiner näheren Umgebung, sondern es kann auch ein Fremder sein, dem ich begegne. (Er wäre auch mein Nächster, wäre er mir über den Weg gelaufen, aber dazu ist dieser gerade nicht imstande).

In diesem Gleichnis wird tätsächlich ein Grundzug dessen benannt, was christliches Ethos ausmacht. Die Antwort auf die Frage: „wem bin ich ein Nächster“, macht deutlich: Ich bin angesprochen, als Person. Ich soll Verantwortung übernehmen und Hilfe leisten. Dazu gehört, nicht nur anzufangen, sondern die Sache auch gut zu Ende zu bringen. Denn der Samariter transportiert nicht nur den Verletzten bis zur nächsten Herberge, er zahlt dem Wirt auch die geschätzten Kosten für Unterbringung und Pflege und verspricht, auch für weitere Kosten aufzukommen, wenn sie nötig werden sollten – bis der Verletzte wieder aus eigenen Kräften die Reise fortsetzen kann. Was dieses Beispiel übertragen auf die aktuelle Situation bedeutet, ist deutlich: christlich wäre es, etwa einen Migranten bei sich aufzunehmen und für ihn die Kosten des Lebensunterhalts zu übernehmen, bis er die selber stemmen kann. Das ist ganz offensichtlich viel verlangt, es bedeutet unter Umständen ein beträchtliches Opfer. Aber der Christ ist dazu aufgefordert, ein solches Opfer zu bringen, sich selber zu schädigen, um anderen zu helfen, bis dahin, dass er auch, wie Jesus, das Opfer seines Lebens leisten darf.

Doch wenn man dies so zugespitzt formuliert, dann wird daraus auch eine weitere Aussage deutlich, die nämlich, dass ein Christ das niemals von einem anderen Menschen verlangen kann. Christlich ist es, sich selber zu fordern, aber nicht, das vom anderen zu fordern – sich selbst zu opfern, aber niemals den andern. Idealist ist, oder soll es doch sein, der Christ in Bezug auf sich selbst, nicht in Bezug auf andere.

Das christliche Ethos spricht in seinem unbezweifelbar radikalen Anspruch, den Nächsten zu lieben wie sich selbst, direkt den einzelnen an, denn es kommt darauf an, dass der Einzelne das für sich willentlich annimmt. Das zeigt etwa auch die Geschichte vom reichen Jüngling (Mk 10, 17-30), der Vollkommenheit erlangen will und, dazu aufgefordert, alle seine Habe zu verkaufen und den Armen zu geben, traurig davongeht. Gott geht es also, um das Herz des Menschen, nicht um äußere Handlungsweisen. Doch eine solche selbstlose Liebe kann man nicht befehlen, nicht zum Gesetz machen – denn dann wird daraus weder Liebe noch Selbstlosigkeit, sondern unter Umständen murrender, zähneknirschender Gehorsam.
Wenn man aus dem christlichen Ethos „christliche Werte“ macht, gewissermaßen Normen, die für die Gesellschaft Geltung haben sollen, dann geht Wesentliches verloren. Christlich ist es mithin keinesfalls, gesinnungsethisch Verzicht und Selbstlosigkeit einzufordern, christlich ist es, sie selber zu leben, oder einzugestehen, dass man es nicht vermag, dass man an diesem hohen Maßstab scheitert – auch das ist christlich.

Christlich ist auch nicht unbedingt die idealistisch-schwärmerische Weltsicht, das Gutmeinen und Gutdenken über die anderen. Es ist auch nicht christlich, dem anderen unbedingt zu vertrauen und Gutes von ihm zu erwarten. Auch Christi Gebot der Feindesliebe (Mt 5,44) bedeutet nicht, dass man sich dem eigenen Verderben arglos aussetzen soll. Nüchternheit und Realitätssinn vertragen sich durchaus mit christlichem Ethos, zu dem auch gehört, um die Fehlbarkeit, ja unter Umständen die Schlechtigkeit des Menschen zu wissen. Wenn der Apostel Paulus dazu auffordert, sich nicht vom Bösen überwinden zu lassen, sondern es mit Gutem zu überwinden (Röm 12,21), dann setzt er voraus, dass es Böses gibt, und dann ist es auch durchaus als solches zu benennen! Wege zu finden, wie Böses im Konkreten Einzelfall mit Gutem überwunden werden kann, ist eine große und schwere Aufgabe. Sie beruht aber in jedem Fall auf der eigenen Verantwortungsübernahme und diese schließt allerdings auch das Versagen und den Misserfolg ein – für sich selber kann man dieses Risiko eingehen. Aber wenn andere Menschen betroffen sind, dann ist es wiederum auch christlich, dies zu bedenken und möglichst Schaden von ihnen fernzuhalten.

Sofern die bundesrepublikanische Asylpolitik als christlich verstanden will oder soll, was letztlich also bedeutet, als willentlich „selbstlos“, ist der Irrsinn dieser Argumentation damit deutlich geworden: Der Staat ist ja kein Subjekt, das „selbstlos“ handeln könnte, und selbst wenn er es könnte, dann dürfte er es nicht, weil das Wohl zu vieler Menschen seiner Sorge obliegt, für die Verantwortung zu tragen bewußt riskantes Handeln ausschließen muß.



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