Nicht mit den NS-Opfern, Herr Gauland!

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Von Gastautor Alexander Glück

Ich kann dem inhaltlichen Programm, mit dem die AfD angetreten ist, so einiges abgewinnen, aber angesichts “aus Kalkül” eingesetzter Verbalentgleisungen wie jetzt von Herrn Gauland die Bezeichnung “Vogelschiß” für zwölf Jahre Hitlerdiktatur bleibt mir die Spucke weg. So etwas kann und darf nicht als rhetorische Figur durchgehen, einmal natürlich, weil es die Opfer (auch die deutschen) verhöhnt, zum anderen, weil es den Nationalsozialismus bagatellisiert.

Für die Gegner der AfD ist das natürlich Wasser auf ihre Mühlen, sie werden durch Aussagen dieser Art in ihrer ablehnenden Haltung bestätigt. Deshalb ist das schon taktisch dumm. Die Befürworter der AfD reiben sich teils die Augen, teils rechtfertigen sie Gaulands Ausritt damit, die AfD “müsse” ab und zu provozieren, damit sie in den Medien bleibt. Ich meine: Nicht um diesen Preis.

Es geht dabei nicht um den Reflex, den sich bestimmte Kreise immer dann triggern lassen, wenn jemand von Autobahnen oder Kopftüchern spricht. Ich bin nicht der Meinung, daß man dann ein weniger schuldhafter Deutscher ist, wenn man sich nur oft genug in Dauerbetroffenheit über irgendwelche Vokabeln echauffiert. In Fällen wie diesem (oder auch bei Höckes Vorschlag, den Faschismus aus dem Geschichtsbewußtsein zu tilgen) liegen die Dinge wesentlich anders.

Denn es ist gerade in der jetzigen Zeit für Deutsche wichtig, ihr politisches Leben aus der Verantwortung zu gestalten, die sich aus diesen zwölf Jahren ergibt. Es ist die Grundlage unserer Gesellschaft, Toleranz und Zivilisation. Hätten alle diese nationale Verantwortung verinnerlicht, hätten wir heute nicht wieder die Situation, daß jüdische Kinder sich nicht in die Schule trauen, daß jüdische Fahnen vor dem Brandenburger Tor verbrannt werden und daß man in Berlin zusammengeschlagen wird, wenn man auf der Straße eine Kippa trägt.

Diese Verantwortung für die Hitlerzeit, die ganz überwiegend von unseren Großeltern und Urgroßeltern mitgetragen wurde (die eben nicht Hitler aus eigener Kraft entfernen konnten!), müssen wir tragen, und wenn ich mal von mir ausgehe: Ich will das auch. Das ist nämlich das einzige, was ich als Deutscher dem historischen Faktum des Nationalsozialismus entgegenstellen kann.

Zugleich unterscheidet uns dieses Verantwortungsbewußtsein von jenen Völkern, die ihre historischen Sünden gerne vergessen haben. Beispiele finden sich überall zuhauf, von den Armeniern bis Hiroshima, von Südamerika bis zu Stalins Deportationen, von Napoleon bis zu den faschistischen Bewegungen in vielen Ländern Europas.

Im Januar hatte ich ein Gespräch mit dem Vertreter einer  Landesbehörde, dem Sie ganz sicher nicht zutrauen würden, daß er meinte, man müsse doch einmal Schluß machen mit diesen ganzen Dingen. Ich habe ihm erklärt, daß ich unterscheide zwischen persönlicher Schuld und Verantwortung. Ich wurde 1969 geboren und bin nicht schuld an den Verbrechen der NS-Zeit. Aber als Deutscher sollte ich diese Dinge als Teil unserer Geschichte verstehen und mich dazu bekennen.

Daß ich bezüglich der überblähten medialen Erinnerungskultur einen durchaus skeptischen Standpunkt habe, steht auf einem anderen Blatt. Man muß nicht permanent den nachwachsenden Generationen einhämmern, wie astronomisch die Schuld “der Deutschen” gewesen ist. Die Antwort der Höckes und Gaulands, es solle ein Schlußstrich gezogen werden, ist ihnen vielleicht aus jenem inneren Unbehagen erwachsen, das sich einstellt, wenn man permanent mit etwas gegängelt wird, dem man doch nicht entkommen kann. Aber das kann nicht die richtige Antwort sein.

Zumal Gauland mit dieser Äußerung das Geschäft seiner Gegner betreibt: Er stilisiert mit seiner “Provokation” die AfD als rechtsradikal und verharmlost zugleich Hitler, Göring, Himmler und Konsorten. Er tut dies auf dem Rücken aller, die unmittelbar die Folgen der Nazipolitik tragen mußten: Juden, Deutsche, Zivilisten, Soldaten, Vertriebene, Verarmte, Verwitwete, Verwaiste und was nicht alles mehr.

Abgesehen davon diente die Bezeichnung “Vogelschiß” für zwölf Jahre Hitler ja dem Hinweis auf tausend Jahre ruhmreicher deutscher Geschichte. Nun, auch dort lohnt es sich, zu differenzieren. In wesentlichen Zeitstrecken hatten die Deutschen Streit mit ihren Nachbarn, meistens auch noch mit sich selbst. Sie fanden erst spät zur Industrialisierung, spät zum eigenen Staat, spät zur Demokratie. Ihre Ewigkeiten hielten meist nur kurz, das Kaiserreich nur wenige Jahrzehnte, das “Tausendjährige” zum Glück nur Jahre. Ihre Einigkeit war nie von Dauer. Ihre Stabilität lag meist in der Verbissenheit. Für ihre Nachbarn sind sie bis heute kaum berechenbar.

Nein, die Hitlerzeit ist alles andere als ein Vogelschiß. Sie war der Abschied von der Zivilisation. Damit steht sie in der Gesamtgeschichte der Deutschen allein. Deshalb darf sie niemals bagatellisiert werden, schon gar nicht für politisches Kleingeld.

Alexander Glück schreibt auf https://glueckwien.wordpress.com



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