Der angekündigte Tod

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Von Gastautor Josef Hueber

Der 1927 in Kolumbien geborene Schriftsteller G. Márquez, der 1982 den Nobelpreis für Literatur erhielt, schrieb 1981 eine Erzählung mit dem Titel “Chronik eines angekündigten Todes”. Sie wurde als Roman veröffentlicht, wenngleich man präziser von einer Kriminal-Novelle mit parabelhaftem Gehalt sprechen könnte. Laut Wikipedia beruht sie auf einer “realen Begebenheit in einer Familie, die García Márquez bekannt war”.

In dem analytisch angelegten, auch als Parabel zu lesenden Text, teilt der Erzähler dem Leser bereits im ersten Satz das Verbrechen, wie es im Titel angedeutet wird, mit. Ein wohlhabender Bewohner der kolumbianischen Karibikküste heiratet ein schönes Mädchen und stellt nach einem grandios gefeierten Gelage in der Hochzeitsnacht fest, dass sie keine Jungfrau mehr ist. Dies bedeutet Schande für ihn und die Familie der Braut, weil dann am nächsten Morgen nicht “das Leintuch mit dem Ehrenflecken” öffentlich besichtigt werden kann. Der Bräutigam schickt sie deswegen nach Hause und stürzt sie und ihre Familie damit in das Gefängnis der öffentlichen Verachtung. Als Folge erzwingen die Zwillingsbrüder der Braut die Preisgabe des Namens dessen, der sie defloriert hat. Darauf beschließen sie, den (vermeintlichen) Schänder der Familienehre zu töten, also einen Ehrenmord zu begehen.

Aufgerollt werden der Hergang und seine Hintergründe anhand der Befragungen der Dorfbewohner durch den Ich-Erzähler. Die kulturellen Motive und Hintergründe dieser Vermählung dürfen dabei als das eigentlich Interessante gelten.

Der Mann, den das Mädchen heiraten soll, ist im Ort erst seit sechs Monaten bekannt. Er “zog von Dorf zu Dorf auf der Suche nach einer zum Heiraten”. Was die Familie seiner zukünftigen Braut betraf, so gilt ein uraltes Gesetz: “Die Brüder wurden erzogen, um Männer zu werden. Die Mädchen waren ausgebildet worden, um zu heiraten.” Die Töchter der Familie wissen um die Einstellung ihrer Mutter zur Verehelichung ihrer Töchter: “Jeder Mann wird mit ihnen glücklich werden, denn sie sind dazu erzogen worden, zu leiden.”

Angela Vicario, die zur Braut Bestimmte, will den Reisenden auf Frauensuche nicht heiraten. Sie empfindet ihn als “zu männlich”, und er macht zudem keinen Versuch, “sie zu umwerben”, sondern will, so empfindet es Angela Vicario, lediglich ihre Familie mit seinem “Charme” beeindrucken. An einem Abend fällt sie in blankes Entsetzen, “als ihre im Wohnzimmer des Hauses versammelten Eltern und ältesten Schwestern samt Ehemännern ihr die Verpflichtung auferlegen, einen Mann zu heiraten, den sie kaum gesehen hatte.” Die Eltern sind der Meinung, dass sie “kein Recht hatte, diese Gabe des Schicksals zu verschmähen” (Die Familie lebt in bescheidenen Verhältnissen, der ausgewählte Mann ist wohlhabend.). Als die vorbestimmte Braut davon spricht, dass sie den Mann nicht liebe, entgegnet ihre Mutter: “Auch Liebe erlernt sich.”

Nachdem die Täter überführt sind, kommt es nach deren zweijähriger Untersuchungshaft
zu einer Gerichtsverhandlung. “Der Anwalt plädierte auf Totschlag in legitimer Verteidigung der Ehre.” Die Zwillinge bekennen sich zu der Tat und teilen mit, “sie würden es aus den gleichen Gründen tausendmal wieder tun […] Wir haben ihn mit Absicht getötet, aber wir sind unschuldig […] Es war Ehrensache.”

Bewohner des Dorfes, vom Erzähler befragt, geben darüber Auskunft, warum die vor dem Mord öffentlich geäußerten Mordabsichten nicht ernst genommen wurden. Einer von ihnen gesteht: “Ich warnte ihn [das Opfer] nicht, weil ich das für Geschwätz von Besoffenen hielt.” Man schiebt dem Ermordeten ein Blatt Papier durch den Türspalt seines Zimmers, auf dem man ihm mitteilt, “dass man auf ihn warte, um ihn zu töten”. Man enthüllt ihm überdies den Ort und die Beweggründe, sowie haargenau andere Einzelheiten der Verschwörung. Dennoch: Auch ein Pater ist ohne Misstrauen: “Als ich ihn so gesund und munter sah, dachte ich, das Ganze [die Morddrohung] sei eine Ente.” Selbst die Polizei, der man von dem Gerücht erzählte, kann den Mord nicht verhindern. Trotzdem schien festzustehen, “dass die Brüder Vicario nichts getan hatten, um Santiago Nasar unverzüglich und ohne Aufsehen zu töten, vielmehr hatten sie mehr als alles Erdenkliche getan, damit sie jemand von ihrer Tat abhielt, und waren gescheitert.” Der Erzähler bemerkt dazu an anderer Stelle: “Es hat nie einen öfter angekündigten Tod gegeben.”

Der Wunsch, dass Deutschland ein Land ist, von welchem auch unsere Kinder und Enkel sagen werden, dass sie hier gerne leben, macht uns hoffentlich nicht blind für ernst zu nehmende Bedrohungen, die wir durch die nahezu unbegrenzten und offenen Informationsquellen verifizieren können.

Von Nutzen ist dies aber nur, wenn wir nicht aus reiner Gutmenschlichkeit in die Täuschungsfalle geraten.