Der Publizist Thomas Kunze ist einer der besten Kenner der sowjetischen und osteuropäischen Geschichte. Er hat mehrere Jahre in Usbekistan, Russland und Rumänien gelebt. Er hat vielbeachtete Bücher geschrieben, u. a. Biografien über Nicolae Ceaușescu und Erich Honecker.
In seinem neuesten Buch „Der vergessene Tango – Wadim Kosin – ein sowjetisches Jahrhundertleben“ geht es nicht in erster Linie um Politik, sondern um Musik. Aber natürlich kann man nicht in der Sowjetunion leben, ohne dass die Politik massiv in das Leben eingreift.
Der sowjetische Ausnahmekünstler Wadim Kosin wurde 1903 in St. Petersburg als erster Sohn einer wohlhabenden Familie geboren. Seine Mutter entstammte einer bekannten St. Petersburger Zigeunerfamilie (offenbar weder Sinti noch Roma, sondern einer anderen der über 100 Familien).
Bis zum Oktoberputsch 1917 genoss Wadim eine behütete Kindheit im, wie er es empfand, schönen alten Russland. Von seiner sangesfreudigen Mutter erbte er die Liebe zur Musik, genauer zum Lied.
Mit der Machtergreifung der Bolschewiki erfolgte der Absturz der Familie von der wohlhabenden Mittelschicht zu den „Anderen“, den Aussätzigen, ehemaligen Reichen. Wadim lernte Hunger und Not kennen. Aus einem stattlichen Haus mussten die acht Kosins in ein einziges Zimmer ziehen, dank ihrer Verbindung zu den Peschkows, deren berühmtestes Mitglied sich Maxim Gorki nannte und im selben Haus das oberste Geschoss bewohnte.
Seine berufliche Karriere startete Wadim als Klavierbegleiter von Stummfilmen, die in den zwanziger Jahren in die neu errichteten Kinos kamen. Dieser Berufszweig verschwand über Nacht mit dem Aufkommen des Tonfilms. Da hatte sich Wadim bereits als Sänger einen Namen gemacht. In seinem Repertoire waren zahlreiche Lieder seiner Mutter, Werke befreundeter Komponisten und später auch eigene Schöpfungen.
In den zwanziger Jahren war die Sowjetmacht vor allem mit der Unterdrückung der Bauernschaft und anderer aktiver Gegner beschäftigt, die kulturelle Szene genoss erhebliche Freiheiten. Sogar Homosexualität konnte straflos gelebt werden, denn das zaristische Gesetz war außer Kraft, ein neues gab es noch nicht.
In St. Petersburg dominierte die Jazz-Szene. Das ging auch an Wadim nicht vorbei, hinterließ aber kaum Spuren in seiner Kunst. Er entwickelte einen eigenen Stil und wurde damit extrem erfolgreich, besonders nach seinem Wechsel nach Moskau. Er wurde ein Star der sowjetischen Unterhaltungsbranche, seine Konzerte waren ausverkauft, seine Schallplatten Mangelware. Sie wurden auf ausgedienten Röntgenplatten für den Schwarzmarkt vervielfältigt.
Zunächst konnte die Machtübernahme durch Stalin Kosins Popularität wenig anhaben. Während viele Kollegen über Nacht verschwanden und nie wieder auftauchten, blieb er zunächst unbehelligt. Er verdiente ein Mehrfaches an Ministergehältern und wurde nach Ausbruch des Krieges zur Frontbetreuung, auch in vorderster Linie, eingesetzt. Einmal kamen sie in ein Dorf, in dem nur noch eine alte Frau anzutreffen war, die sie darauf aufmerksam machte, dass deutsche Panzer bereits den Fluss überquerten.
Seine Familie, die Mutter und die Schwestern, waren in Leningrad geblieben. Während der Blockade der Stadt starben seine Mutter, seine älteste und seine jüngste Schwester. Wadim machte sich bis zu seinem Tod Vorwürfe, dass er verfügt hatte, seine Familie sei erst nach seinem Fronteinsatz zu evakuieren. Als das der Fall war, war der Blockadering um die Stadt bereits geschlossen.
Mit Beginn des Jahres 1944 bemerkte Wadim Veränderungen. Die Behörden sprachen nur noch sehr zurückhaltend mit ihm, er wurde vom berüchtigten Geheimdienstchef Beria zum „Kaffeetrinken“ eingeladen. Bei dieser Gelegenheit soll Kosin gesagt haben, dass er nicht in der Lage sei, ein extra Programm für Stalins bevorstehenden Geburtstag zu entwickeln. Ob das so stimmt, wird unbewiesen bleiben, fest steht aber, dass Wadim im Mai 1944 aus seinem Moskauer Hotelzimmer heraus verhaftet wurde. Es folgten wochenlange Verhöre in der Lubjanka, bei denen es um seine Homosexualität und sein Tagebuch ging, das er seit Ende der 20er Jahre mit antistalinistischen Inhalten führte. Während der Verhöre, von denen man nicht weiß, ob sie mit Folter verbunden waren, gab er die Namen von zwei Kollegen preis, die dann verhaftet und verurteilt wurden. Kosin bekam acht Jahre Arbeitslager. Sein Vermögen wurde eingezogen. In den Terrorjahren wäre er für seine Verfehlungen erschossen worden.
In der Kolyma profitierte er von seiner Popularität als Künstler. Dort herrschte die Lagerchefin Alexandra Gridassowa, die unbedingt La Traviata im neu errichteten Theater von Magadan aufführen wollte. Sie hatte erst nicht genug Musiker, wurde aber beruhigt: „Hab ein wenig Geduld. Wir haben bereits das Orchester der Lemberger Philharmonie verhaftet, und bald wird es komplett hierherkommen.“
Diese Frau erkannte sehr schnell den Wert von Kosin für ihre Kulturarbeit. Wadim wurde nicht zur Arbeit im Goldbergwerk, sondern zur Verstärkung der Theatertruppe in Magadan eingeteilt. Er kam in eine Spezialbaracke, wo er ein eigenes kleines Zimmer bezog. Ihm wurde sogar ein Heizer zugeteilt.
Während Kosin in Magadan voll beschäftigt war, verstummte seine Stimme in den anderen Teilen des Landes. Er wurde im Radio nicht mehr gespielt, seine Platten nicht wieder aufgelegt, der Komponistenverband schloss ihn aus. Die Stille war nicht vollkommen. Der Untergrundmarkt mit Kosin-Röntgenplatten blühte auf.
Bei einer seiner Touren mit der Kulturbrigade traf er auf seine Schwester Musa, die mit ihrem Mann wegen der Zulagen nach Magadan gekommen war. Erst jetzt erfuhr die Familie, dass Wadim noch lebte und wo er war.
Nach fünf Jahren wurde Maxim vorzeitig entlassen, musste aber in Magadan bleiben. Nach Stalins Tod im März 1953 schrieb Kosin an das neue formale Staatsoberhaupt Kliment Woroschilow und bat um eine Überprüfung seines Urteils. Er musste sehr lange warten, ehe sein Strafregistereintrag getilgt wurde. Er musste jedoch in Magadan bleiben.
Er nahm seine Konzerttouren wieder auf, bis er 1959 in Chabarowsk zum zweiten Mal verhaftet wurde. Das Hotelpersonal hatte einen Herrenbesuch bei ihm registriert und denunzierte ihn. Zwei weitere Jahre musste Wadim absitzen. Auch diesmal half ihm seine Prominenz. Ein Häftling war Liebhaber seiner Lieder und überließ ihm seinen Schreibposten.
Nach Verbüßung seiner Haft kehrte Wadim nach Magadan zurück. Wenigstens bekam er jetzt eine Einzimmerwohnung mit Küche und Bad, die er bis zu seinem Lebensende bewohnte. Er verließ den Fernen Osten nie mehr, sagte sogar Konzerte in Moskau und St. Petersburg ab.
Er war aber keineswegs vergessen. Die Welt kam zu ihm: Freunde, Kollegen, Journalisten, sogar Kamerateams, vom ZDF aus Deutschland. Manchmal waren zwanzig und mehr Personen in seiner kleinen Wohnung.
Im hohen Alter wurde er eigenwillig. Wadim, der früher für seine Eleganz, besonders um seine Schuhe, beneidet wurde, empfing Besucher nun in klobigen Filzstiefeln und sackartigen Pullovern. Seine Stimme ließ nach und versagte schließlich ganz, aber die Magie seiner Kunst lebte fort. Seine Lieder werden bis heute gehört und beweisen, dass Kunst stärker ist als jede Diktatur.
Thomas Kunze hat ein wunderbares Buch geschrieben, eine Hommage, nicht nur für Wadim Kosin, sondern für die aufrechten Künstler in der Sowjetunion.
Hier kann man Wadim hören. Er singt seinen größten Erfolg: Osen, Herbst.
Thomas Kunze: Der vergessene Tango, Ch. Links Verlag 2026
