Politischer Ekel und die Erklärung 2018

 

Von Gastautor Quentin Quencher 

Ich ertrage es nicht mehr. Texte liegen herum, Videodateien sind gespeichert, alles Politik- und Gesellschaftsthemen betreffend, die mich interessieren sollten, ja die es immer taten. Kaum macht ein Politiker oder einer dieser komischen von Sendungsbewusstsein durchdrungen Journalisten den Mund auf, da überkommt mich ein schwer zu definierendes Unwohlsein. Irgendwas ausspucken möchte ich, komme mir vor, als hätte ich eine verdorbene Frucht gebissen.

Dann versuche ich mich zu ermahnen, es sind ja alles nur Meinungen, Darstellungen einer anderen Weltsicht, der man doch argumentativ entgegentreten kann. Außerdem ist es ja auch interessant zu erfahren, wie denn andere ticken. Wie es in ihnen denkt, fühlt und gärt. Es nützt nichts, der widerliche Geschmack im Mund bleibt, er lässt sich nicht mehr neutralisieren. Also raus damit und Mund ausspülen.

Ich brauche diese Leute nicht, sie haben mir nichts mehr zu sagen. Mag sein, dass hin und wieder was Genießbares oder gar richtig gutes von ihnen kommt, aber um mich daran zu erfreuen, muss ich zu viel Scheiße fressen.

Mein Ekel macht mir Angst, was geschieht mit mir, dass ich nicht mehr kindlich neugierig sein kann, keine Freude mehr aufkommt, wenn ich was entdecke? Alles scheint nur Wiederholung zu sein, x-mal aufgewärmt.

Was kommt nun, wenn die Neugierde geht?

Ein Punkt scheint erreicht, der eine Entscheidung verlangt. Argumente wurden gewichtet, Analysen ausgewertet und in der Selbstreflexion überprüft. Würde ich mich als ein Bauprojekt sehen, wäre das nun der Punkt, an dem die Vorplanung abgeschlossen ist und konkrete Baupläne erstellt werden müssten. Ins Politische übersetzt, bedeutet dies, die Zeit des Beschreibens und Betrachtens ist vorbei, nun müssen konkrete Forderungen gestellt werden.

Meine Unterzeichnung der Erklärung 2018 war ein solcher Punkt, doch nun empfinde ich, als müsse ich weitermachen, auch zu kämpfen, für das, für was ich eintrete, damit zwangsläufig eine Unterscheidung in Freund und Feind vorzunehmen, um mit Carl Schmitt zu sprechen. Davor graut es mir noch, noch nie habe ich mich irgendwo zugehörig gefühlt, wollte immer nur einfach ›ich‹ sein. Kindlich neugierig am liebsten, ohne Vorurteile und nur dem ›wissen wollen‹ folgend.

Doch: „Nur ein Kind gehorcht; wenn ein Erwachsener ›gehorcht‹, dann unterstützt er in Wirklichkeit die Organisation oder die Autorität oder das Gesetz, die Gehorsam verlangen.“ so Hannah Arendt. Was eine Aufforderung zum Widerstand gegenüber dem Unrecht ist. Ja, wenn das Unrecht erkannt ist, wird Widerstand zur Pflicht.

Bislang habe ich nur die Erklärung 2018 unterschrieben, ein paar Betrachtungen verfasst, hier und da meine Meinung kund getan. Habe ich damit meine Pflicht getan? Oder muss ich nun auch auf die Straße gehen, um zu demonstrieren? Ich kann das nicht, noch nicht. Nicht aus Angst vor Repressalien, nein, aus Angst meine Individualität zu verlieren, um nur noch Masse zu werden, Nummer x von x Demonstrationsteilnehmern. Andere zieht es zu Massen hin, mich stoßen sie ab. Aber was sonst könnte ich tun, damit das Unwohlsein vergeht?

Gerade eben von Quentin Quencher erschienen: »Mein Ausreiseantrag«

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