Kämpfer für die „Preßfreiheit“

Der Initiator des Hambacher Festes Dr. Philipp Jakob Siebenpfeiffer ist als bedeutendster Sohn seiner Heimatstadt Lahr in einer Sackgasse gelandet

Von Gastautor Jochen Kastilan

Für die „Preßfreiheit“, die Pressefreiheit, kämpfte Dr. Philipp Jakob Siebenpfeiffer in seinen Zeitungen und Flugblättern. Als er der Freiheit und Deutschland wegen zum „großen Nationalfest“ lud, kamen über 20 000. Das war am 27. Mai 1832. Bekannt als Hambacher Fest, gerühmt als die Geburtsstunde der Demokratie in Deutschland. Sie hat eine Auffrischung nötig. Am 5. Mai 2018 heißt es: „Patrioten, hinauf zum Schloss!“ Beim „Neuen Hambacher Fest“ sind viele dabei, die heute verdientermaßen einen Namen haben: Thilo Sarrazin, Vera Lengsfeld, Willy Wimmer, Jörg Meuthen, Imad Karim, Joachim Starbatty, Markus Krall und Max Otte. Vor der feierlichen Eröffnung um 11 Uhr führt eine Patriotenwanderung zum Schloss hinauf. So wie Tausende damals begeistert waren über die Rede von Dr. Philipp Jakob Siebenpfeiffer, die mit dem Ausruf „Es lebe das freie, das einige Deutschland!“ endete, so würde er sich jetzt im zweiten Akt des Hambacher Festes sicher unter Seinesgleichen fühlen. Denn wieder schlägt die Stunde der Patrioten.

Die website des „Neuen Hambacher Festes“ enthält die Rede von Siebenpfeiffer in der Schlossruine. Er war zusammen mit Johann Georg August Wirth, beide Juristen und Journalisten, der Hauptiniator des Volksfestes für Freiheit, Einheit und Demokratie zur Unterstützung der Opposition im Vormärz. Nach dem Fest dauerte es noch viele Jahre, bis Forderungen als erfüllt gefeiert werden konnten. Eine Begegnung mit seiner Geburtsstadt heute, würde Philipp Jakob Siebenpfeiffer, Sohn eines Schneidermeisters im südbadischen Lahr, an den Vormärz erinnern und nach Preßfreiheit rufen lassen, obwohl in der 45 000-Einwohnerstadt drei lokale Tageszeitungen erscheinen. Welche Großstadt kann da noch mithalten? Gleichstromige Einfalt ist keine Vielfalt, Freiheit der Meinung eines SPD-OB seit über 20 Jahren bedeutet weder Meinungs- noch Pressefreiheit, ein fast alles aus dem Rathaus Kommende abnickender Gemeinderat keine Bürgermeinung. Denn die setzte bei der Bundestagswahl die AfD gleich hinter die CDU und vor die SPD. Dies hinderte den Gemeinderat nicht daran, dem OB mit 100 Prozent (!) einen ebenfalls der SPD angehörenden 1.Hauptamtlichen Bürgermeister beizugesellen. Vor acht Jahren hatte dieser, rechte Hand des SPD-OB in Leipzig, es geschafft, die Amtsinhaberin der CDU zu verdrängen. Diesmal gab es drei „Gegenkandidaten“. Sie durften gewählt werden, bekamen aber nicht einmal eine Chance, sich öffentlich vorstellen zu dürfen.

Abgesehen vom historischen Jahreskalender „Lahrer Hinkender Bote“, einst ein Welterfolg mit Millionenauflage, der über Tübingen in München gelandet ist und von alten Zeiten nur träumen kann, ist Dr. Philipp Jakob Siebenpfeiffer der bedeutendste und gleichzeitig unbekannteste Lahrer. Ein dichtender Amtsrichter (Ludwig Eichrodt) hat immerhin einer Zeitepoche den Namen Biedermeier gegeben. Ein heimischer Poet sorgte nicht nur in Deutschland für Aufregung, als er über 50 Jahre nach ihrem Tod das Grab von Goethes kurzer Sesenheimer Liebe Friederike Brion entdeckte. Und sogar Wilhelm Busch trickste durch Druck in Lahr die Zensur aus.

Aber Siebenpfeiffer? Für dessen Erinnerung muss eine kurze Sackgasse genügen. Selbst eine dicke dreibändige Stadtchronik erwähnt ihn nicht. Die Zeiten in Lahr sind linksgrün, vor 1933 schon waren sie nationalsozialistisch links. Am Rathaus prangt eine mit Informationen geizende Ehrentafel für eine Staatsfeindin und in der Weimarer Republik als Hochverräterin verurteilte Kommunistin und Nichtlahrerin, die später in der DDR hochgeehrt wurde: Frieda Unger. Wo soll da Platz bleiben für den 1789 in Lahr geborenen früh verwaisten Siebenpfeiffer? Mit 14 begann er als Schreiber in Ämtern, wurde gefördert, studierte Jura mit Promotion in Freiburg, landete als Verwaltungsbeamter nach mehreren Stationen auf dem Länderflickenteppich 1818 als Landcommissär in Homburg im Rheinkreis, damals zu Bayern gehörend (heute Saarpfalz-Kreis, Saarland). Der Beruf weckte sein Engagement zur Verbesserung und Veränderung sozialer, wirtschaftlicher und politischer Verhältnisse, er versuchte sich als Literat, schrieb politische Artikel unter Pseudonym, wurde Opfer der Zensur.

Die Julirevolution 1830 in Frankreich regte ihn zur Ausgabe des „Rheinbayern“ an und die bayerische Regierung zu seiner Versetzung als Gefängnisdirektor ins schwäbische Kaisheim. Er weigerte sich, zog nach Zweibrücken und gab mit seinen beiden Blättern „Rheinbayern“ und „Der Bote aus Westen“ der liberalen Opposition in der Pfalz Sprachrohre. Er animierte den Münchner Johann Georg August Wirth, von Homburg aus seine „Deutsche Tribüne“ an der Bayerischen Regierung und ihrer Zensur vorbei zu drucken. Die Erstausgabe dieses wichtigsten Blattes der liberalen Opposition im Vormärz erschien in Homburg am 1. Januar 1832. Siebenpfeiffer selbst zog nach Oggersheim (Helmut Kohl!) um und gab von dort aus seine in „Westbote“ umbenannte Zeitung heraus, während er „Rheinbayern“ nun „Deutschland“ taufte, um über die Region hinaus zu wirken. Die „Preßfreiheit“ wurde Hauptthema seines Engagements.

Siebenpfeiffer war dabei, als am 29. Januar 1832 im Rahmen eines Festbanketts für den Landtagsabgeordneten Friedrich Schüler in Zweibrücken der Deutsche Vaterlandsverein zur Unterstützung der freien Presse, „Preßverein“, gegründet wurde. Diese politische Organisation machte in ganz Deutschland Furore, hatte bald 5000 Mitglieder, sogar in Paris weckten die Vereinsziele Interesse, Emigranten wie die Schriftsteller Heinrich Heine und Ludwig Börne beobachteten gespannt die Aktivität in Zweibrücken. Festbankette wurden die Bühne für die demokratische Bewegung, unter dem Deckmantel der Geselligkeit. Zuerst schlug Siebenpfeiffer Kaiserslautern für ein nationales Fest vor, Schauplatz wurde dann aber die Ruine des Hambacher Schlosses.

Während die dortigen Forderungen erst in Jahren nach und nach erfüllt wurden, landeten Redner des Hambacher Festes im Gefängnis. Auch Siebenpfeiffer. Der Prozess in Landau über ein Jahr später endete sensationell mit Freisprüchen, was für Siebenpfeiffer aber bedeutete, dass ihn das „Zuchtpolizeigericht“ Frankenthal wegen „Beamtenbeleidigung“ zu zwei Jahren Gefängnis verurteilte. Freunde halfen ihm am 14. November 1833 bei der Flucht über das Elsass in die Schweiz. Dort erhielt er Asyl und wurde an der Universität Bern außerordentlicher Professor für Straf- und Staatsrecht und 1840 Sekretär des Justizdepartements der Republik. Bald erkrankte er unheilbar und starb 1845 in Bümpliz bei Bern. Die 1988 gegründete Siebenpfeiffer-Stiftung in Homburg will „Menschen, die in ihrem Engagement für eine demokratische Gesellschaft nicht selten selbst persönliche Opfer und Risiken eingingen, in Erinnerung rufen und ihren Einsatz in unserem Bewusstsein fest verankern“. Sie zeichnet alle paar Jahre besondere journalistische Leistungen mit einem „Siebenpfeiffer-Preis“ aus. In die Heimatstadt des Iniators des Hambacher Festes wird der Preis es wohl nie schaffen. Dort steckt selbst Siebenpfeiffer wie heute bei Meinungs- und Pressefreiheit üblich in einer Sackgasse fest.

Zur Person: Jochen Kastilan, geboren 1941 in Tilsit, seit 1949 Lahrer, seit über 50 Jahren Leiter von Lokalredaktionen zwischen Rhein und Donau, Pädagoge, Historiker, Autor, Politiker, politischer Berater..