Kinderwelt – Brutstätte des Rassismus

Von Gastautor Josef Hueber

Meine Enkelin brachte vor kurzem vom Kindergarten das politisch korrekte Update eines Liedes mit nach Hause, das meine Generation noch auf dem Gymnasium in der rassistischen Version zum Einüben des Kanons singen musste: „C-A-F-F-E-E, trink nicht so viel Kaffee!“ Das Lied ist zugleich eine Art Vorläufer des Nudgings gegen ungesunde Ernährung. Der Kaffee, so lehrte es uns beim fröhlichen Singen, sei ungesund und außerdem ein „Türkentrank“, der „nicht für Kinder“ geeignet sei, weil er „blass und krank“ mache. Die Mahnung am Schluss der Strophe belehrte den Kaffeeaddict: „Sei doch kein Muselmann, der ihn nicht lassen kann.“

Genau wie Kinder heute nicht mehr „Wer hat Angst vor’m Schwarzen Mann?“ spielen, im Bäckerladen keine „Negerküsse“ mehr erbetteln oder sich über „Zehn kleine Negerlein“ ja nicht (!) amüsieren dürfen, weil sie am Schluss alle sind, gibt es auch für den „C-A-F-F-E-E -Türkentrank“ in unserer aufgeklärten Zeit nicht diskriminierende Verse, die aber den Kaffee, ernährungsbewusst, als Genussmittel dennoch diskreditieren. Der „Türkentrank“ wird im politisch korrekten Kinderlied zum „schwarzen Trank“, die Empfehlung, „Sei doch kein Muselmann, der ihn nicht lassen kann“, variiert zum Appell an das gute Bio-Gewissen: „Trink lieber Milch und Saft, weil das viel Kräfte schafft“.

Das Kinderlied in seiner korrekt gereinigten Version steht für einen Trend, der zwar Kindergarten-Niveau nicht übersteigt, aber zunehmend wahrnehmbar ist und mittlerweile die Rezeption von tradierter Volkskunst infiziert hat. Es geht um die lebensfremde Abschirmung von nur Erwachsene irritierender Lebenswirklichkeit in literarischen Erzeugnissen aufgrund von abwegigen Lesarten. Sie mutieren dann folgerichtig zu einer aus kirchengeschichtlicher Vergangenheit bekannten, auferstandenen Indizierung, d.h. Leseverbot, von kulturrelevanter Sprachkunst. In der Psychologie nennt man die daraus resultierende Folge Realitätsverlust.

Werfen wir einen Blick über den geographischen Tellerrand des Kontinents hinüber ins britische Königreich, wo die Entstehung parlamentarischer Macht als Nährboden von Demokratie, vielleicht auch von Aufklärung und Toleranz gelten könnte. Doch diese Wurzeln sind aufgrund der auch dort blühenden politischen Korrektheit nicht mehr zu orten.

Die Mutter eines Sechsjährigen wandte sich dort an die Leitung der Grundschule ihres Sprösslings, weil man die Kinder im Unterricht mit dem gar nicht harmlosen Märchen „Dornröschen“ konfrontierte. Wie man weiß, wird eine Prinzessin von einem schönen jungen Mann geküsst und erwacht danach wieder nach einem unnatürlich langen Schlaf zum Bewusstsein. Nun entdeckte die um die sexuelle Entwicklung ihres Sohnes besorgte Mutter gerade noch rechtzeitig die hinter der romantischen Fassade lauernde Verführung: Jungen könnten wohl dazu ermutigt werden, Mädchen ohne deren Zustimmung zu küssen und damit eine falsche Vorstellung davon bekommen, was hierzulande die Formel „Nein heißt Nein“ ausdrückt.

Traditionelle Märchen, in denen menschlich Übles erzählt wird, gibt es zuhauf. Hänsel und Gretel werden, gegen den Willen des Vaters, von der bösen Mutter im Wald ausgesetzt, nur ihr Tod macht es möglich, dass die Kinder, wieder zu Hause angekommen, vom Vater aufgenommen werden. Welches Frauen- und Mutterbild!

Die Liste diskriminierender Schauermärchen, die früheren Generationen von Kindern Unterhaltung, Spannung, Schauer und Erlösung im Happyend garantierten, ist nahezu endlos. Dennoch liegen Neuausgaben von umformulierten Märchen, in denen Grimms philologische Kultursammlung erscheint, schon in unseren Buchhandlungen bereit. Sie sollen offensichtlich nicht unter die Sanktionen des von unserem demnächst vielleicht wieder ernannten Wahrheitsminister Maas verabschiedeten „Märchendurchsetzungsgesetz“ fallen, Faktencheck garantiert positiv!

Leider ist der Aktionismus von sich aufklärerisch gebenden Kultur-Inquisitoren nicht nur lächerlich. Denn dahinter steckt ein geschichtsloses, gewachsene Traditionen verneinendes Banausentum, dessen Vertreter sich als Wegbereiter einer von Vorurteilen befreiten Zukunft wähnen.

Einbildung, so möchte man hier sagen, ist auch eine Bildung.