Die Kinderwelt steht Kopf

Von Gastautor Josef Hueber

Eigentlich glaubt man sich heute befreit von Zuständen, wie sie aus ganz alten Familienfotos bekannt sind: Die Kleinen, vor ihren Eltern und manchmal Großeltern postiert, blicken ernst in die Kamera, ärmlich, aber sauber gekleidet, wie kleine Erwachsene. Geld für kindermodegerechten Schnickschnack hatte man damals schließlich nicht. Erziehung wurde entsprechend früh und konsequent auf passgenaue Übereinstimmung mit den Verhaltensanforderungen des Erwachsenenlebens ausgerichtet. Das erzählen die Kinderblicke auf diesen Bildern. Frühes Eingespanntsein in häusliche Arbeitsprozesse, gerade im ländlichen Bereich, ließ wenig oder keinen Raum für ein kindfreundliches, im Spielerischen stattfindendes Größerwerden. Wie wenig kindgerecht die Erziehung damals war! könnte man nach heutigen Maßstäben beim Anblick der Minierwachsenen klagen.
Selbstgerechte Überlegenheitsgefühle angesichts unserer heutigen Vorstellung von Erziehung machen sich allerdings schlecht. Denn wir tun heute auf andere Weise, was wir an der Vergangenheit beklagenswert finden.
Das für Kinder wichtige, scheinbar ziellose in den Tag hinein leben, nur spontanen Einfällen folgend, gilt als bloße, sinnlose Zeitvergeudung. Unsere Kinder wachsen auf in einer Umgebung der Omnipräsenz ideologiegedopten Erziehungsbewusstseins. Förderung von (natürlich in jedem Kind vorhandenen) überdurchschnittlichen Anlagen ist das sine qua non jeder verantwortungsbewussten Erziehung. Die Optimierung des Nachwuchses contra verpasste Chancen (früh)kindlicher Lebens-Weichenstellung ist alternativlos. Mütter und Großeltern im Dauer-Taxidienst zwischen Ballett und Flötenspielgruppe singen ein Lied davon.
Man fragt sich freilich, wie es kommt, dass in der Hektik des alles optimierenden, postindustriellen, digitalen Zeitalters soviel Zeit für bewusste Erziehung verwendet wird, wo doch Kinder früher, als man noch mehr Zeit hatte als heute, einfach „unter ferner liefen“ liefen. Die Antwort liegt auf der Hand. Der Wert des Kindes sowie die Beachtung, die man ihm schenkt, ist heftig angestiegen mit seinem rückläufigen Vorkommen. Erziehung und Aufzucht heute ist gewissermaßen Artenschutz vom Feinsten. Demographie als Nährboden moderner Pädagogik.
Die kurioseste Blüte im pädagogischen Biotop heißt Kinder-Universität. Ein Blick ins Netz per Suchmaschine informiert über Einrichtungen in München: „Die Kinder-Uni organisiert Vorlesungen und Veranstaltungen für Kinder ab 8 Jahren an allen Münchner Universitäten und Hochschulen (…) Tausende von Kinder(!) sind seither in den kostenlosen Genuss gekommen, an Vorlesungen, Workshops und Touren durch die Hochschulen teilzunehmen.“
Man erfährt, dass es in ganz Bayern Veranstaltungen dieser Art an den Unis gibt.
Dieser Tage nun lässt uns die Redaktion der Lokalzeitung in Eichstätt wissen (EK Nr.251, S.27), dass die örtliche Universität eine Vortragsreihe für die Kleinen, die in der langweiligen Schule mit elementarer Rechtschreibung, elementarer Grammatik und einfachem Rechnen stets heftig herausgefordert oder auch überfordert sind und sich deswegen oft langweilen, eine Vorlesung über optische Täuschungen angeboten hat. (Unterricht im Stil einer „Vorlesung“ – in der Schule genannt „Frontalunterricht“- gilt übrigens in moderner Ausbildung von Lehrern als ein elementarer Fehler und ist lernpädagogisch mit dem Hinweis auf die Passivität der Schüler bei dieser Methode in Verruf.)
„Wie findet man neue Sachen raus?“ fragt der Professor, der sich gerne mal ein Aus von seinen forschungsgeplagten Schreibtischarbeiten nimmt und der dafür auch genügend Zeit hat. Auf die Antwort der Schüler, man könne googeln, sagt er Richtigeres: „Gut nachdenken, gut experimentieren und gut messen sind wichtig, um neue Antworten zu finden.“ Damit wären die Grundlagenkenntnisse wissenschaftlichen Arbeitens den 9+Jährigen verständig und nachvollziehbar vermittelt. Als sich nun in einem Experiment Murmeln scheinbar bergauf bewegen, was die Kinder nicht für möglich halten, liefert der Wissenschaftler die Erklärung in kindgerechter Sprache: „Der Blickwinkel ist entscheidend und kann die Wahrnehmung irritieren.“Nach einem weiteren Experiment, das die in der Vorlesung zu fördernden Jungwissenschaftler so wenig erklären können wie die Wissenschaft seit zweieinhalbtausend Jahren, hilft der Professor den Kleinen bei der bald schon anstehenden Berufsfindung: „Vielleicht studieren ja mal einige von euch Psychologie und können durch gutes Nachdenken, gutes Experimentieren und gutes Messen darauf Antworten finden.“ Verstanden.
Und was möchten die Kleinen zwischen acht und zwölf alles wissen? Es sind Fragen, die in der Schule von den schlecht ausgebildeten, nur auf Leistung und Notengebung bedachten Lehrern nicht beantwortet werden können, weil sie inhaltlich und methodisch überfordert sind. Oder meint etwa jemand, dass ein x-beliebiger Physiklehrer die Frage „Warum kann ein Flugzeug fliegen?“ wirklich kindgerecht beantworten kann? Freilich, Fragen wie „Warum wird nicht jeder Millionär?“ (auch derartiges wurde in den Babyvorlesungen schon besprochen) haben in die offiziellen Lehrpläne der 9+Jährigen noch nicht ausdrücklich Einlass gefunden. Sie harren auf eine Beantwortung in einer Kindervorlesung.

Und für die vorpubertären Studentinnen und Studenten gibt’s natürlich an manchen Unis den ganzen Sums, um Studentenbewusstsein bei den Kleinen zu erzeugen: Einschreibung mit Uni-Stempel, Studentenausweis, Zertifikat für die Teilnahme. Sollten hier Eltern zweifeln, dass ihre Kinder, wo doch „richtige“ Professoren die Fragen beantworten, nicht das Optimum an Förderung bekommen ? Und sollte hier ein Kind noch zweifeln, den Audimax als Experte zu verlassen?
Das Buch Riskante Kindheit, Psychoanalyse und Bildungsprozesse, sieht in der modernen Welt den Verlust des Schonraums für die Kindheit. Vorwürfe werden laut: Kindergärten, Schulen sowie alle anderen sozialen und pädagogischen Institutionen bieten in der Realität nur bedingt Freiräume. „Kindheit“ verschwindet auf breiter Front, indem sich die Lebenswelt von Kindern immer mehr der Lebenswelt von Erwachsenen angleicht. Der Kinderpsychiater Winterhoff identifiziert in seinem Buch Warum Kinder zu Tyrannen werden den Basisfehler der Erziehung: „das Kind wie einen Erwachsenen behandeln.“ Er fordert die „Anerkennung einer unsichtbaren Grenze zwischen Erwachsenenwelt und Kinderwelt“. Die Optimierung der Lebenszeit Kindheit, basierend auf pseudowissenschaftlichen Erkenntnissen, ausgerichtet an wild wucherndem Expertenwissen, sollte endlich ein Ende haben. „Wenn wir nicht wollen, dass Kinder verbogen werden, dann dürfen wir zuallererst nicht selbst wie Tyrannen mit ihnen umgehen, indem wir ihnen, pädagogisch „aufgeklärt“, zu wenig Raum für Unsinn und Zeitvergeudung und „Spaß an der Freude“ lassen.“
Von Einstein wird erzählt, dass er als Kind häufig nichtstuend vor sich hinsinnierte und die Zeit einfach verstreichen ließ. Eltern aufgemerkt! Dies waren für ihn vielleicht wichtige Entwicklungsstufen auf dem Weg zum Nobelpreis.