Der Henker von Riga

Der Henker von Riga war ein romantischer Mann. Immer, wenn er seines Amtes walten, einen Adeligen auf dem Marktplatz einen Kopf kürzer machen oder einen armen Sünder vor den Toren der Stadt hängen musste, stellte er eine rote Rose in sein Fenster und alle Rigaer wussten, was bevorstand. Man konnte der Hinrichtung zusehen, oder nicht.

Der Henker wohnte über dem Schwedentor, ein Durchbruch durch ein Haus, den die Schweden machten, um nach der Eroberung Rigas schneller in die Stadt zu gelangen. Wegen der Grausamkeit der Eroberer war es den Lettinnen streng untersagt, Beziehungen zu schwedischen Soldaten zu unterhalten. Ein Mädchen verliebte sich dennoch in einen Schweden. Sie trafen sich jede Nacht heimlich an der Stadtmauer nahe dem Schwedentor. Als die Sache rauskam, mauerte der erzürnte Vater seine Tochter neben dem Schwedentor ein. Vage Umrisse an der Wand lassen die Stelle  heute noch erkennen. Die Legende will, dass Liebespaare, wenn sie das Schwedentor passieren, in lauen Sommernächten die Stimme der Eingemauerten hören können: „Ich liebe ihn dennoch!“ Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte sich eine Lettin zur Frau nehmen, treuere Gefährtinnen dürften kaum zu finden sein.

Lettland ist voll von solchen Geschichten. An dem kleinen Volk haben sich die Sowjets die Zähne ausgebissen. Mitten in Riga, auf der Freiheitsstraße, die auch schon Hitler-, Stalin- und Leninstraße hieß, steht die 42 m hohe Freiheitsstatue, offiziell „Mutter Lettlands“, im Volksmund aber Milka genannt. Die Sowjets hätten das kühne Denkmal gern abgerissen, wagten es aber nicht. Am Sockel wurden immer wieder Blumen abgelegt, besonders weiße Rosen, die lettische Nationalblume. Es kurierte der Witz: Warum kann ein Denkmal gleichzeitig ein Reisebüro sein, wie unsere Milda? Wenn man ihr Blumen schenkt, bekommt man eine Fahrkarte nach Sibirien. 1987 fand rund um das Denkmal die größte ungenehmigte Demonstration der Sowjetunion statt. Mehr als 5000 Menschen ehrten die Opfer des Stalinismus.

Gleichzeitig war es eine Ehrung für die „Waldbrüder“, lettische Partisanen, die nach der zweiten Okkupation den Sowjets bis in die 60er Jahre hinein die Stirn geboten haben. Wer sich schließlich ergab, kam dennoch ins Lager oder wurde zum Tode verurteilt.

Direkt neben dem Parlament befindet sich ein Barrikaden- Denkmal. Hier wird daran erinnert, dass sich die Letten nicht friedlich von der zusammenbrechenden Sowjetunion trennen konnten. Es gab Straßenkämpfe in Riga und in anderen Städten, die Tote und Verwundete forderten. Erst am 21.August 1991 konnten die Letten ihre Unabhängigkeit erringen.

Wer heute durch die Straßen Rigas schlendert, sieht nicht mehr viel vom sowjetischen Mief und Verfall. Die meisten Gebäude sind restauriert. Riga erstrahlt im alten Glanz. Dazu trägt auch die mit EU- Geldern runderneuerte Infrastruktur bei. Das mit Abstand schönste Gebäude der Stadt ist das Schwarzhäupterhaus, das Domizil der unverheirateten Kaufleute. Wer davor steht, ahnt nicht, dass es sich um eine vollständige Rekonstruktion handelt. Das Gebäude wurde 1941durch Bombenangriffe vollständig zerstört und erst zum 800. Geburtstag Rigas im Jahre 2001 wieder aufgebaut. Im scharfen Kontrast zur bunten Renaissance- Fassade des Schwarzhäupterhauses steht der schwarze Klotz des Okkupationsmuseums, das eine ausgezeichnete Ausstellung über die dunkelsten Kapitel Lettlands, die Okkupationen durch die Sowjets und  die Nazis, beherbergt. Unter anderem sieht man den Nachbau einer Gulag- Baracke, deren Originale nicht mehr vorhanden sind.

Nicht nur geschichtlich ist Riga eine Fundgrube. Auch architektonisch hat die Stadt viel zu bieten. Neben beeindruckender Backsteingotik vor allem viel Jugendstil. Mehr als 700 Jugendstilgebäude gibt es in der Neustadt. Das Beeindruckenste beherbergt ein Museum, das zeigt, wie um die Wende des vorigen Jahrhunderts in diesen Häusern gelebt wurde.

Etliche Bauten tragen die Handschrift von Michail Eisenstein, dem Vater des berühmten Regisseurs Sergej Eisenstein, der seine Kindheit in Riga verlebte.

Im Augenblick ist die Stadt dabei, ihr ehemaliges Speicherviertel zu einem Kulturzentrum auszubauen. Das hat bereits viele Künstler angezogen. Die Speicher befinden sich in unmittelbarer Nähe des Zentralmarkts, der sich über fünf Hallen ausdehnt, in denn die deutsche Armee im Ersten Weltkrieg eigentlich Zeppeline bauen wollte. Auch in ihrer Architektur finden sich Elemente des Jugendstils und des Klassizismus.

Am anderen Ufer der Daugava, Rigas stolzem Fluß, steht seit wenigen Jahren ein imposantes Gebäude, dessen Form eines ungleichschenkligen Dreiecks die Blicke förmlich auf sich zieht. Es ist die neue Nationalbibliothek, die von innen noch viel sensationeller wirkt, als von außen. Ein riesiger, sich nach oben verengender Lichthof, lässt den Blick in alle Etagen offen. Gleichzeitig sieht man durch die Glaswände nach draußen. Trotz seiner Größe wirkt das Gebäude leicht und elegant.

Michail Eisenstein, könnte er es sehen, wäre überrascht, aber sicher begeistert. Er liebte solche kühnen Lösungen in der Architektur.