Das Schicksalsjahr 1976

Die Thüringer Landesvertretung in Berlin war immer eine gute Adresse für interessante Veranstaltungen. Das ist auch unter der neuen Regierung so geblieben.

Am vergangenen Mittwoch wurde ein besonderes Highlight präsentiert. Auf Einladung des Staatssekretärs Malte Krückels stellte der Autor Karsten Krampitz sein neues Buch „1976 – Die DDR in der Krise“ vor. Zur Überraschung des Gastgebers war der Saal bis auf den letzen Platz gefüllt.

Was soll ein neues Buch über die DDR? Ist da nicht schon alles erforscht? Die Publikationen über den untergegangenen Staat füllen schließlich ganze Bibliotheken. Allein über die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann stünden mehr als ein Dutzend Bände in seinem Regal, eröffnete der Moderator Salli Sallmann das Gespräch mit dem Autor. Im Gegenteil, konterte Krampitz, jede Generation hätte das Recht, ihren eigenen Blick auf die Geschichte zu entwickeln. Er gehöre der jüngeren Generation an, wäre beim Zusammenbruch gerade zwanzig Jahre alt gewesen. Er wolle die „Aufarbeitung der Aufarbeitung“.

Schon war die Spannung im Saal zu spüren. In den letzten 25 Jahren hätten zwei getrennte Diskurse über die DDR- Geschichte stattgefunden: Ankläger oder Apologeten des SED- Staates. Es gab nicht mal ansatzweise den Versuch, beide Sichtweisen miteinander zu vermengen. Beide Seiten hätten, wie im Schneidergewerbe, den Stoff so lange aufgearbeitet, bis er endlich ins Schema passt. Beide Seiten sind eifrig und unversöhnlich, denn: „Die Deutungshoheit zur DDR- Geschichte verspricht noch heute einen beachtlichen Stellungsvorteil im Ringen um die geistige Hegemonie im vereinten Deutschland.“ (Krampitz)

Krampitz zählt sich weder zur einen, noch zur anderen Seite. Er betrachtet Geschichte nicht durch eine ideologische Brille, sondern lässt sich von seinen Funden in Archiven, Bibliotheken, Nachlässen und Zeitzeugenberichten leiten. Seine Ergebnisse sind erfrischend differenziert, manchmal überraschend, je nach Temperament auch verstörend, immer aber originell. Krampitz untersucht die Leerstellen, die von der bisherigen Forschung gelassen wurden. Wie sich im Laufe des Abends herausstellte, gibt es davon noch jede Menge.

Das Jahr 1976 war ein Schicksalsjahr für die DDR. Anfang der siebziger Jahre, nach dem Machtwechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker herrschte so etwas wie Aufbruchstimmung. Die Kulturpolitik war immer ein Lackmustest für die SED. Als Honecker verkündete: „Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet der Kunst und Kultur keine Tabus geben“, wirkte das wie ein Befreiungsschlag. Der erste Teil des Satzes wurde über dem zweiten vergessen. Als Honecker persönlich nach langem Ringen mit dem ZK den Film „Die Legende von Paul und Paula“ für die Kinos freigab, schien der ideologische Bann gebrochen. „Ein Hauch freier Liebe und freier Gedanken“ (Krampitz) durchwehte das ganze Land.

In den Buchläden lagen bisher unterdrückte Bücher von Stefan Heym, Ulrich Plenzdorf und Rainer Kunze, die innerhalb weniger Tage zu tausenden über den Ladentisch gingen. Die Kultband von Klaus Renft durfte Filmmusik machen: „Irgendwann will jedermann raus aus seiner Haut…“ Das wurde wörtlich genommen. Die Jungen häuteten sich und begannen, eine Gesellschaft nach ihrem Geschmack aufzubauen. Die Diskutierclubs, freien Bühnen, Veranstaltungen mit kritischen Liedermachern und Dichtern schossen wie Pilze aus dem Boden und platzen sofort aus allen Nähten.

Wenn der leider zu früh verstorbene Schriftsteller Klaus Schlesinger schreibt, er hätte in den frühen Siebzigern das Gefühl gehabt, an keinem Ort der Welt so frei zu sein wie in der DDR, so beschreibt dieses heute absurd anmutende Statement nur das Lebensgefühl der meiner Generation. Die Gedanken waren frei. Sie wurden nicht nur in nächtelangen, leidenschaftlichen Diskussionen im kleinen Kreis geäußert, sondern in den öffentlichen Veranstaltungen. Unsere geistigen Mentoren, hauptsächlich alte Kommunisten und Sozialdemokraten, waren, darauf hat der Schriftsteller Chaim Noll hingewiesen, von einer geistigen Kühnheit, die in heutigen politisch korrekten Zeiten undenkbar ist.

Diese Zeit war, wie Krampitz richtig bemerkt, „eine kurze Schneeschmelze“, der kein Frühling folgte.

Aber nicht nur in der DDR schien sich einiges zu bewegen, auch im Westen sah es aus, als ob sich die Zeiten zu änderten. Die Linke war stark wie nie zuvor und seither nie wieder. In Italien hatten die Kommunisten bei den Parlamentswahlen 1976 sensationelle 34,37 % gewonnen und wähnten sich kurz vor der Machtübernahme. Der Eurokommunismus war in aller Linken Munde. Niemand beachtete den alten Leonid Breshnew in Moskau, Santiago Carillo, der spanische Kommunistenführer, war der Held des Jahres: „Die Zukunft hat schon immer den Ketzern gehört…Ich bin ein Ketzer, und ich bin froh, einer zu sein.“

Die SED- Führung merkte bald, dass sie sich ein Eigentor geschossen hatte, als sie die Kommunistenführer der Welt nach Berlin einlud. Ihr hatte viel an dieser Showveranstaltung gelegen und sie war bereit gewesen, einen hohen Preis dafür zu bezahlen. Alle Reden sollten ungekürzt im „Neuen Deutschland“ abgedruckt werden.“

„All diese eurokommunistischen Frechheiten schwarz auf weiß in der Parteipresse“, spottete Wolf Biermann, „Solche Ketzerworte kosteten plötzlich 15 DDR- Pfennig statt den Hals“.

Aber dem eurokommunistischen Aufbruch folgte nur der lange Abstieg. In Italien scheiterte die Machtbeteilung der Kommunisten, die einst so mächtigen Parteien Italiens, Frankreichs und Spaniens verloren bei jeder Wahl an Zustimmung. Außer der Theorie hatten die Eurokommunisten nichts zu bieten. Der Prager Frühling in der Tschechoslowakei hätte sein praktisches Modell sein können, war von der westlichen Linken aber unbeachtet geblieben. Rudi Dutschke war einer der Wenigen, die diesen Fehler erkannt hatten.

Es war der Tod eines italienischen Kommunisten Anfang August, der das politische Zwischenhoch in der DDR beendete. Der Lastwagenfahrer Benito Corghi wurde an der DDR- Grenze erschossen. Als KP- Chef Enrico Berlinguer dazu schwieg, war es mit seiner Glaubwürdigkeit als Erneuerer vorbei. Mitte August folgte der Flammentod des Pfarrers Oskar Brüsewitz.

Kampitz geht in seinem Buch der Frage nach, warum der politische Selbstmord des Pastors nicht zu einer bleibenden Erinnerung an ihn führte. Seine Tat ist heute fast vergessen. Kampitz kommt auch hier zu überraschenden Ergebnissen. Brüsewitz war ein schwieriger Mensch, der in seiner Gemeinde wegen seiner unkonventionellen, manchmal grenzwertigen, Aktionen einen schweren Stand hatte. Weniger die Tat von Brüsewitz, als die unverhältnismäßige Reaktion der SED darauf, führte zu Massenprotesten und einem nie wieder gut zu machenden Prestigeverlust der Partei.

Mit der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann im November, dem Hausarrest für Robert Havemann und der Verhaftung von Kritikern dieser beiden Entscheidungen, starben endgültig die Hoffnungen auf Veränderungen im Land durch die Partei.

Viele Schriftsteller und Künstler folgten Biermann in den Westen. Die aufmüpfigen Clubs und Bühnen wurden umfunktioniert oder geschlossen. Bands und Liedermacher verboten. Es folgte eine Eiszeit.

Aber die Kirche hatte sich durch ihren massiven Protest gegen die Verleumdung ihres Amtsbruders Brüsewitz ein neues Prestige geschaffen. Plötzlich verhandelte der Staat mit der Kirchenleitung auf Augenhöhe. Die Kirche erkannte an, Kirche im Sozialismus zu sein, legitimierte damit die Regierung Honecker und bekam dafür zugesichert, dass staatliche Institutionen nicht in kirchlichen Räumen intervenieren dürften. Damit war unerwartet ein Freiraum entstanden, in dem sich diejenigen wiederfanden, die in der DDR bleiben und sie nach wie vor verändern wollten.

Das ist ein anderes Kapitel, denn 1976 lag die Bürgerbewegung der Achtziger noch in der Zukunft.

Das Buch von Krampitz zu lesen ist ein Gewinn, besonders für alle, die glauben, Bescheid zu wissen. Geschichte ist niemals zu Ende. Jeder neue Blick darauf eröffnet neue Horizonte. Das ist es, was wir heute dringend brauchen können.

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