Tod einer Reuelosen

Sie war die eiserne Lady der DDR. Die Frau mit der eleganten Figur und den lila Haaren war keine Modepuppe, für die man sie hätte halten können, sondern eine knallharte Ideologin. Wäre ihre Amtszeit nicht in die schon etwas mildere DDR- Zeit gefallen, Frau Honecker wäre , hätte sie als geistige Schwester der berüchtigten Richterin Hilde Benjamin gelten können. Keine Gnade für den Klassenfeind und seine Handlanger! Diesem Grundsatz ist sie bis zu ihrem Ende treu geblieben. Ihr Haar wurde weiß, die Gesichtszüge härterer, von Altersmilde keine Spur. Dass man über diese Tote so wenig Gutes sagen kann, hat sie selbst verschuldet. Noch 2011 hat sie in einem Interview die Mauertoten verhöhnt. Sie hätten es sich ihren Tod selbst zuzuschreiben, da sie gewusst haben, dass geschossen werden würde.

Margot Feist wurde 1927 in Halle als Tochter kommunistischer Eltern geboren. Ihr Vater leistete während der Nazidiktatur illegale Kurierdienste, wofür er in den dreißiger Jahren mehrere Jahre im KZ saß. Nach dem Krieg trat sie sofort in die Kommunistische Partei ein und machte nach Gründung der SED schnell Karriere.

Mit 22 Jahren war sie bereits Leiterin der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“. In dieser Funktion reiste sie 1948 zu den Jubelfeiern anlässlich Stalins 70. Geburtstag nach Moskau, wo sie mit dem damaligen FDJ- Chef Erich Honecker ein Verhältnis begann, das erst nach der Geburt ihrer Tochter Sonja 1952 legalisiert wurde.

Schon unter dem Staatsratsvorsitzenden Ulbricht wurde sie zunächst Stellvertretende –, später Ministerin für Volksbildung. Ihre fast absolute Macht erlangte sie aber erst, nachdem ihr Mann Parteichef und Staatsratsvorsitzender geworden war. Sie war verantwortlich für das „Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem“, in dem die politische Indoktrination von Kindern und Jugendlichen festgeschrieben wurde.

Abgesehen davon war der Einheitsbildungsplan der DDR sehr solide, besonders was die naturwissenschaftlichen Fächer betraf. Auch der Kunst- Musik- und Sportunterricht war vorbildlich. Mit Sprachen sah es schlechter aus. Abgesehen vom Pflichtfach Russisch und in den Erweiterten Oberschulen Englisch, wurde nur in Spezialschulen Französisch, Latein und Griechisch unterrichtet.

Christliche Schüler hatten es besonders schwer. Religionsunterricht gab es selbstverständlich nicht. Der Staatsbürgerkunde- Unterricht zeichnete sich durch Religionsfeindlichkeit aus. Wer sich konfirmieren ließ oder die Kommunion nahm, dem waren bis Mitte der 70er Jahre höhere Bildungswege verschlossen. Die Kirche reagierte mit der Einrichtung einiger weniger konfessioneller Schulen und Hochschulen.

Gespräche mit Bischöfen über den Zwang zur Jugendweihe lehnte Margot Honecker strikt ab. Erst mit der Einführung des Wehrkundeunterrichts für die oberen Klassen, der eine paramilitärische Ausbildung an Waffen beinhaltete, gab es andauernden Widerstand. Schließlich setzten die Kirchen durch, dass christliche Eltern ihre Kinder vom Wehrkundeunterricht befreien konnten. Das brachte den Gemeinden einigen Zulauf an Mitgliedern. Die aufmüpfigen Eltern hatten sich in Gemeinderäumen getroffen und damit einen Freiraum geschaffen, der von der kurz darauf entstehenden Friedensbewegung, die sich gegen die Stationierung sowjetischer Atomraketen in der DDR aussprach, genutzt wurde. Aus diesen Anfängen entwickelte sich Anfang der 80er Jahre die „Unabhängige Friedens- Umwelt und Menschenrechtsbewegung“ der DDR, die heute Bürgerrechtsbewegung genannte Opposition der 80er Jahre, die schließlich die DDR zu Fall brachte.

Margot Honecker ist sicher nie bewusst geworden, dass die von ihr verordnete Militarisierung des Unterrichts in der Konsequenz erheblich zum Ende der DDR beigetragen hat.

An dieser Stelle möchte ich ein persönliches Erlebnis meiner Mutter einflechten, die bis zu ihrer vorzeitigen Pensionierung stellvertretende Direktorin einer Schule war.

Damit war sie für den Bau von Stundenplänen zuständig. Da es in der DDR auch sonnabends Schulunterricht gab, bemühte sich meine Mutter, wie offenbar viele andere Kollegen auch, den Plan so zu gestalten, dass Lehrerinnen mit kleinen Kindern am Sonnabend keinen Unterricht hatten. Bis die von Margot Honecker unterzeichnete Anweisung kam, solche Mütter auch am Sonnabend einzusetzen. Diese völlig unnötige Schikane brachte meine linientreue Mutter erstmals erheblich gegen ihre Ministerin auf.

Das düsterste Kapitel ist die Zuständigkeit Honeckers für die Jugendwerkhöfe der DDR und die von ihr geförderten Zwangsadoptionen. Weil dies weitgehend unbekannt ist, möchte ich stellvertretend daran erinnern wie es im „Geschlossenen Jugendwerkhof“ Torgau zuging.

In ihrem letzten Interview behauptete Honecker, dass dort nur „Straftäter“ gewesen wären.

Überwiegend bestand die „Straftat“ darin, mehrfach aus dem „normalen“ Jugendwerkhof oder dem Kinderheim ausgebrochen zu sein. In Torgau sollten die „schwererziehbaren“ Jugendlichen für den Sozialismus abgerichtet werden. Das sah so aus: Bei der Einlieferung wurden allen, auch den Mädchen, die Haare geschoren. Alles Private wurde abgenommen. Männliche Erzieher überzeugten sich in den Körperöffnungen der Mädchen, dass nichts in die Anstalt geschmuggelt wurde. Man gewöhnte sich besser dran, nackt vor diesen Männern stehen zu müssen. Sie überwachten später auch das Duschen.

Es herrschten strengste Disziplin und Kasernenhofdrill. Beliebt bei den „Erziehern“ war der „Torgauer Dreier“, eine Kombination aus Liegestütz, Hockstrecksprüngen und Hocke, die bis zur völligen Erschöpfung ausgeführt werden mussten. Oder „Entengang“ die Treppen hoch und runter, bis zum Liegenbleiben. Es konnte Einzelne oder die Gruppe jederzeit treffen: weil einer die Norm nicht erfüllte beim Zusammenschrauben von Waschmaschinenschaltern für die sozialistische Produktion, für unerlaubte Gespräche während der Arbeitszeit oder der Nachtruhe, wegen unsachgemäß ausgeführter Meldungen oder eines schlecht gebauten Bettes.

Krank werden galt nicht. Wer sein Essen erbrach, wurde gezwungen, das Erbrochene aufzuessen. Die Zellenfenster waren mit Sichtblenden verkleidet. Kein Blick nach draussen sollte Trost spenden.

Der Höhepunkt der Tortour war aber die Dunkelhaft im Keller, der Jugendliche für geringe Vergehen ausgesetzt werden konnten. Die konnte bis zu 14 Tagen dauern.

Nach der Friedlichen Revolution gab es mehrere Strafanträge gegen Honecker, wegen der Zustände in Torgau und ihrer Mitverantwortung für die Zwangsadoptionen. Die Ermittlungen wurden 1994 eingestellt, auch, weil Honecker damals schon in Chile weilte, das ihr politisches Asyl gewährt hatte. Hier lebte sie reuelos bis an ihr Ende.