Ist Wokismus weiblich? (Teil 2.)

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Von Christoph Ernst

Lange bevor Wort ‚woke‘ auftauchte, geisterte das Mantra von DEI bereits durch Universitäten. Kulturrelativismus, Postkolonialismus und Identitätspolitik erstickten alle positiven Bindungen an die eigene Herkunft.

Für fortschrittliche Zeitgenossen ist Selbstgeißelung de rigueur. Es gilt, die letzten Echos von Aufklärung und Liberalismus auszutreiben. Im Auge des Zorns stehen Israel, die USA und alle osteuropäischen Länder, die noch einen Hauch Selbstbewusstsein gegenüber Brüssel an den Tag legen, weil sie sich zu gut ans das Sowjetimperium erinnern. In Westeuropa ist man weiter. Bei uns tobt die Endschlacht gegen Kapitalismus, Rassismus und Imperialismus in Unis, Medien und Museen. Die klimakatastrophal erhitzte Empörung über kindermordende Zionisten marschiert Hand in Hand mit ‚Queers for Palestine‘ und dem Bekenntnis zur Hamas.

Wen das als Hirnerweichung besticht, liegt nicht falsch. Aber das Abgleiten in sinnfreie Polit-Pornografie hat System. In seiner Kunst des Krieges sagt Sunzi, die klügsten Strategen besiegten ihre Gegner ohne Kampf. Sie verwirrten ihren Geist und untergrüben ihre Moral. Früher oder später zerfleische der Feind sich selbst. Im Idealfall könne man am Ende sogar als sein Retter auftreten. „Ist Wokismus weiblich? (Teil 2.)“ weiterlesen

Ist Wokismus weiblich? (Teil 1.)

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Von Christoph Ernst

Kürzlich schrieb Jan H. Rosenkranz in der ‚Welt‘ über ‚die erstaunlich konservative Generation Z‘. Doch die drifte vielen in Ländern politisch auseinander. Frauen tendierten nach links, Männer nach rechts. Rosenkranz erklärt das soziologisch: Laut der Internationalen Arbeitsorganisation arbeiten junge Männer in handwerklichen und technisch-industriellen Berufen. ‚Rechtspopulistische‘ Parteien adressieren ihre Sorgen, versprächen Schutz vor Globalisierungsdruck und sozialem Abstieg. Frauen seien häufiger in der Verwaltung und im öffentlichen Dienst tätig. Sie befürworten staatliche Eingriffe und Umverteilung. Gleichstellungsfragen linksgerichteter Parteien sprächen sie deutlich mehr an.

Stimmt zwar alles, aber es greift zu kurz. Meines Erachtens geht die aktuelle Spaltung im ewigen Geschlechterkrieg eher auf verzerrte Selbstbilder und kontrafaktische Genderpropaganda zurück. Viele Frauen sehen Männer nicht mehr als Partner. Sie glauben, was man ihnen über den ‚Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats‘ erzählt hat. Denn irgendwann begannen Feministinnen Friedrich Engels mit Hedwig Dohm zu verwechseln. Sie verliebten sich in Simone de Beauvoir und die Idee, das bessere, stärkere Geschlecht zu sein, von Natur aus berufen, die Spezies vor sich selbst zu retten. Hauptfeinde dieses noblen Projekts waren Männer, Patriarchat, Kapitalismus und der Fluch der Mutterschaft. „Ist Wokismus weiblich? (Teil 1.)“ weiterlesen

Können uns Speicher bei einer Dunkelflaute retten?

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Von Gastautor B.B.

Die Bundesnetzagentur „bereitet sich auf mögliche Stromengpässe vor und entwickelt dafür eine digitale Krisenplattform. Im Ernstfall sollen große Stromverbraucher zentral erfasst und bei Bedarf zu Einsparungen oder vorübergehenden Abschaltungen verpflichtet werden. Die Behörde betont, dass es sich um eine reine Vorsorgemaßnahme handelt.“

https://www1.wdr.de/wirtschaft/bundesnetzagentur-plan-notfall-stromkrise-100.html

Das ist nicht sehr beruhigend. Vielen fehlt die Vorstellung davon, was das praktisch bedeutet.

Folgendes Szenario soll keine technische Lösung für das Flautenproblem aufzeigen. Es dient vielmehr dazu, die Größenordnung des Problems anschaulich zu machen.

Ich ziehe jede Woche unsere Standuhr auf. Das Gewicht beträgt 2 kg, der Hub 1 m. Das Hubgewicht speichert daher Energie, die im Laufe von sieben Tagen nach und nach abgegeben wird und das Uhrwerk antreibt. Prinzipiell könnte mit dieser gespeicherten Energie aber auch ein Stromgenerator betrieben werden. Ich habe mich gefragt, wie viele solche Uhren jeder Haushalt in Deutschland aufstellen müsste, um den Stromausfall während einer Dunkelflaute von 7 Tagen zu überbrücken.

Die folgende Abschätzung beruht auf einigen Annahmen über den Strombedarf während der Dunkelflaute. Der elektrische Leistungsbedarf Deutschlands beträgt an einem normalen Arbeitstag ca. 75 GW, abends ca. 60 GW, an Sonntagen etwa 55 GW.

Ich betrachte den Fall, die Stromversorgung Deutschlands sei bereits vollständig auf erneuerbare Energien umgestellt und die Bundesnetzagentur habe wegen einer Dunkelflaute die Industrie vollständig vom Netz genommen, sozusagen ein elektrischer Lockdown. Als Arbeitsannahme soll gelten, dass deutschlandweit nur noch 10 GW bereitzustellen sind. Die konkrete Zahl ist für das Gedankenexperiment nicht entscheidend; sie dient lediglich der Größenordnung. Das Ergebnis ist leichter vorstellbar, wenn man es auf die 40 Millionen Haushalte herunterrechnet. Es ist immer noch sehr ernüchternd, denn es werden pro Haushalt fast 7 Millionen solcher Uhren gebraucht, die 2 kg Gewicht, 1 m Hubhöhe und 7 Tage Laufzeit haben. Ein solcher Ansatz scheidet offensichtlich aus. Man kann ihn allerdings noch optimieren: statt 2 kg kann man ein Gewicht von 2 Tonnen vorsehen, wenn man die Kette und die Aufhängung entsprechend auslegt. Das dürfte statisch zwar anspruchsvoll werden, sollte aber noch in eine Wohnung passen. Zusätzlich kann die Hubhöhe von 1 m auf 3 m erhöht werden, auch das passt noch in die Wohnung. Damit sinkt der Bedarf immerhin auf rund 2500 solcher Uhren je Haushalt. Leider scheitert auch diese Variante am Platzbedarf: bei nur einem Quadratmeter Grundfläche je Uhr wären dafür 2500 Quadratmeter Wohnfläche erforderlich.

Nebenbei sei erwähnt, dass der Stromsektor nur ca. 20% des Energiebedarfs ausmacht.

Das Gedankenexperiment liefert keine technische Lösung. Es macht jedoch deutlich, welche Größenordnungen bei der Speicherung elektrischer Energie während einer mehrtägigen Dunkelflaute überhaupt zu bewältigen wären.

Wer hat die Neugier getötet? – Das Paradoxon der politischen Relevanz

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Von Sven Lingreen

Seit Monaten wird in Deutschland und jetzt erst recht in Sachsen-Anhalt darüber diskutiert, welche Folgen eine Alleinregierung der AfD hätte. Flankiert wird diese Debatte von Berichten über ein mögliches AfD-Verbotsverfahren. Weit weniger journalistische Aufmerksamkeit erhält dagegen die Frage, welche politischen Konstellationen eine Alleinregierung verhindern könnten, ohne erneut eine Brandmauer-Koalition zu erzwingen.

Vielleicht liegt das auch am Haltungsjournalismus, den man vielerorts antreffen muss. Die Brandmauer selbst und die politischen Fehler, die den Aufstieg der AfD erst ermöglicht haben, werden erstaunlich selten grundsätzlich hinterfragt. Noch weniger wird nach politischen Ideen gesucht, die den Landtag in Magdeburg aus den Schützengräben der Lager herausführen könnten.

Wenn in den Medien immer hektischer und panischer reagiert wird, weil die Werte der AfD steigen, kann man sich nur wundern, weshalb nicht die Optionen geprüft werden, wirklich ein Gegenmodell zu benennen. Will man etwa nicht? „Wer hat die Neugier getötet? – Das Paradoxon der politischen Relevanz“ weiterlesen

Das Klima muss ins Grundgesetz

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Von Hans Hofmann-Reinecke

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und ein heißer Sommer macht noch keinen Klimawandel – aber egal. Die grünen Zauberer haben sich die hohen Juli-Temperaturen nicht als Gelegenheit entgehen lassen, um vorzuschlagen, Absatz 1 Nummer 3 des Grundgesetzes um Artikel 91a zu erweitern: „Klimaanpassung und Naturschutz“.

Wird es wirklich wärmer?

Klimawandel bezeichnet primär den Anstieg der mittleren globalen Temperatur, also den jährlichen Mittelwert von Tag und Nacht, Sommer und Winter, Arktis und Sahara, Land und See. Dieser ist in den vergangenen 50 Jahren um ziemlich genau 1,0 Grad von ca. 14 °C auf ca. 15 °C gestiegen. Das heißt aber nicht, dass es an jedem Fleck der Erde um ein Grad wärmer geworden wäre. Während in Deutschland Cooling-Center etabliert wurden, hat die Concordia Research Station in der östlichen Antarktis am 18. Juli 2026 die niedrigste Temperatur ihrer Geschichte gemessen: −84,1 °C; da war es also 125 °C kälter als im Breisgau. Trotzdem scheint die „Globale Temperatur“ gestiegen zu sein. „Das Klima muss ins Grundgesetz“ weiterlesen

Die Windkraft wankt. Und mit ihr die Energiewende

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Von Dipl. Physiker Dr. Werner Huber, 8.6.26, wernerhuber.consult@t-online.de

Für den geplanten 300 Gigawatt-Mega-Windpark in der Nordsee schien den beteiligten Ländern kein Superlativ zu hoch: die Nordsee werde zum „Energie-Powerhouse“, zum „grünen Kraftwerk Europas“, zum „größten Energie-Hub der Welt“. So tönte es bombastisch zuletzt beim Nordsee-Gipfel Ende Januar dieses Jahres in Hamburg.

Dann aber, Ende Mai, fuhr die Realität dazwischen wie ein Sturm der Stärke 12: Die Energieriesen TotalEnergies und BP wollen aus dem Projekt aussteigen und sich wieder auf ihr fossiles Kerngeschäft konzentrieren. Die Konzerne nennen Gründe wie gestiegene Kosten, Exportbeschränkungen Chinas, verzögerten Netzausbau. Ein weiterer Grund dürfte eine aktuelle Studie des Fraunhofer-Instituts sein, laut der der Stromertrag bei der hohen Windparkdichte markant unter Plan ausfallen wird aufgrund von Abschattungseffekten.

Der Rückzug der beiden Energiemultis aus dem Prestigeprojekt schreckte die Berliner Politakteure auf. Denn ein gewaltiger Ausbau der Offshore-Windkraft ist für die deutsche Energiewende von zentraler Bedeutung: geplant ist eine Versiebenfachung von derzeit 10 GW-Nennleistung auf 70 GW mittels tausender Groß-Windtürme. Die Lage ist umso kritischer, als auch andernorts wichtige Player ihre Offshore-Projekte zurückfahren, darunter der dänische Weltmarktführer Oersted oder der französische Energieriese EDF. Und auch die deutsche EnBW, die den Steuerzahlern dabei über eine Milliarde Verlust aufhalste. „Die Windkraft wankt. Und mit ihr die Energiewende“ weiterlesen

Die Hauptstadtpresse denunziert ihr Volk (und seine Vertreter) – ein offener Wutleserbrief an Martin-Jochen Gutsch, Spiegel

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Von Philipp Lengsfeld

In dieser Woche gibt es im Spiegel einen für mich unsäglichen Text: „Im Blauland“ von Jochen-Martin Gutsch. Journalist Gutsch und ich sind Ost-Berliner eines Schuljahrgangs (Mitte 71-72) und uns schon mal begegnet (siehe Transparenzhinweis am Ende des Textes).

Dieser offene Leserbrief ist der Versuch meine Verärgerung über den Text zu verarbeiten: Und dabei geht es mir nicht mal so sehr um dreisteste kulturelle Aneignung („Wenn es nicht so pathetisch klänge, würde ich sagen: Blauland – das ist meine Heimat“) – Jochen-Martin Gutsch, Abitur 1990 in (Ost-)Berlin Lichtenberg und journalistische Bilderbuchkarriere im Berlin der Wiedervereinigung hat von der Ostprovinz keine Ahnung.

Nein, ich halte Jochen Gutsch sicher nicht seine Herkunftsumgebung vor, das darf und kann man nicht tun, aber ich kann schon feststellen, dass er als Hauptstädter auf der Sonnenseite zweier deutscher Systeme stand und steht. Und insbesondere die SED-DDR, das schwarze Herz dieses System, Mielkes Stasiimperium, schlug in Berlin Lichtenberg unweit von Gutschs Abiturschule, hat ihm den Gefallen getan genau im richtigen Moment zu verschwinden: So konnte er politisch unkompromittiert ein Jurastudium an der Humboldtuni und eine schöne mediale Karriere in Berlin hinlegen – in unserer Heimatstadt Berlin (ich habe die Stadt auch nie verlassen), das jetzt schon länger wieder Hauptstadt ist, aber diesen Titel natürlich nicht mehr anmaßend-verkniffen im Namen führt, wie es zu DDR-Zeiten der Fall war.

Was mich nervt ist der Blick auf Ostdeutschland – der Mann tourt durch die Provinz wie auf einer Safari, legt geschickte rhetorische Fallen („mein Dorf in Brandenburg“) und interpretiert, aber vor allem framt, als ob es kein Morgen gibt. „Die Hauptstadtpresse denunziert ihr Volk (und seine Vertreter) – ein offener Wutleserbrief an Martin-Jochen Gutsch, Spiegel“ weiterlesen

Straßennamen

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Von Peter Schewe

In Regensburg fordern die Angehörigen des vor acht Jahren in Hanau erschossenen Fatih Saracoglu, einen Platz nach ihm zu benennen. Sie liegen damit voll im Trend der Zeit, Opfern rassistischer Gewalt zu gedenken.

Die Anwohner wird‘s freuen, wenn sie ihre neue Anschrift schreiben oder am Telefon buchstabieren müssen. Wie sinnvoll ist es, Straßen und Plätze nach Personen, egal ob Opfer oder Täter, zu benennen? Hier einige Beispiele:

Mein 1943 errichtetes Elternhaus stand in der Hitlerstraße, die 1945 wieder zurück in Swinemünder Chaussee, jedoch schon 1946 in Stalinstraße umbenannt wurde, nachdem Swinemünde polnisch wurde und fortan Swinousje hieß. Nachdem Stalin 1962 vom Sockel gestoßen wurde, trägt die Straße bis heute den unverfänglichen Namen Bäderstraße.

Während meines Studiums in Dresden wohnte ich erst in der Wiener- dann in der Leningrader- und zuletzt in der Juri-Gagarin-Str. Während erstere immer noch so heißt, gibt es die anderen nicht mehr. Sie heißen jetzt St. Petersburger- bzw. Friedrich-Löffler-Straße.

Meine Anschrift in Bannewitz bei Dresden lautete bis 1990 Ralf- Bernaisch- Straße. Keiner meiner alteingesessenen Nachbarn konnte mir sagen, wer Ralf Bernaisch war. Beim buchstabieren des Straßennamens brach man sich die Zunge und oft genug kam dabei etwas anderes heraus. 1990 wurde die Straße auf unser Betreiben hin in Gartenstraße umbenannt. „Straßennamen“ weiterlesen

Gibbon und die ewige Krise Roms

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Teil 2.

Von Shoumojit Banerjee

Schottische Aufklärung

David Hume (1711–1776)

Montesquieus Schüler und die schottische Aufklärung brachten diese Art ‚philosophischer Geschichte‘ zu vollendetem Ausdruck. David Humes Geschichte Englands – veröffentlicht zwischen 1754 und 1762 – zeigte, dass Historiografie philosophische Einsicht mit literarischer Eleganz verbinden konnte – was auch Gibbons eigene Prosa später tiefgreifend prägen sollte. Wie Montesquieu behandelte Hume Handel und öffentliche Meinung als historische Kräfte, die ebenso wichtig waren wie Schlachten oder Dynastien, während er nationalen Mythen mit ironischer Distanz begegnete.

William Robertson erweiterte übergreifende historische Fragestellungen sogar noch mehr. In seiner „Geschichte Schottlands“ (1759), „Geschichte der Herrschaft von Kaiser Karl V.“ (1769) und „Geschichte Amerikas“ (1777) reichte die Erzählung über das Hofgeschehen und die Feldzüge hinaus bis hin zu Kolonialismus, Religion und sozialer Entwicklung. Gibbon verehrte Robertson außerordentlich, übernahm dessen Ansatz, und verband ihn mit der Strenge eines Tacitus, seinem größten antiken Vorbild. Für Gibbon war Tacitus der einzige römische Historiker, der verborgenen Mechanismen der Macht klar artikulierte, und so die Furcht und Unterwürfigkeit, Korruption und imperiale Heuchelei, die unter der offiziellen Sprache der römischen Regentschaft lauerten, offenlegte.

Bei der Lektüre zeigt sich Gibbons fulminante Gelehrsamkeit auf fast jeder Seite. Schon in den ersten Kapiteln bewegt er sich mühelos zwischen den antiken Historikern – Tacitus, Polybius, Dion Cassius, Josephus und anderen – während er kirchliche Autoren wie Eusebius und Sozomenos fast wie ein Ankläger ins Kreuzverhör nimmt. Aber auch fachlich scheint er überall gleich souverän, ob bei römischem Recht, militärischer Organisation, kaiserlicher Besteuerung, Provinzverwaltung, Grenzverteidigung, Geografie, Münzwesen, Handel, Demografie oder religiösen Kontroversen. „Gibbon und die ewige Krise Roms“ weiterlesen

Gibbon und die ewige Krise Roms

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Teil 1.

Von Shoumojit Banerjee

250 Jahre nach seiner Veröffentlichung bleibt Edward Gibbons Verfall und Untergang des Römischen Reiches die maßgebliche Abhandlung über die Vergänglichkeit von Zivilisationen.

In den 1980er Jahren versuchte der deutsche Historiker Alexander Demandt, alle jemals vorgebrachten Erklärungen für den Untergang des Weströmischen Reiches im Jahr 476 n. Chr. zu katalogisieren. In „Der Fall Roms“ (1984) führte Demandt mehr als zweihundert Ursachen auf, die zum Zusammenbruch Roms führten, von äußerst plausiblen bis hin zu geradezu skurrilen. Dazu gehörten unter anderem militärische Überdehnung, das Christentum, Bleivergiftung, Rassenvermischung, Besteuerung, Pest, Inflation, sinkende Geburtenraten, Klimawandel und schlichtes Pech. Im Kern besagt Demandts exzentrischem Katalog nichts anderes, als dass Roms Absturz nie aufhört, weil Historiker nie aufgehört haben, darüber zu streiten, wieso es dazu kam.

Kein Werk im westlichen historischen Kanon hat diese Debatte tiefgreifender geprägt als Edward Gibbons erhabene und meisterhafte „Geschichte vom Untergang und Fall des Römischen Reiches“, deren erster Band 1776 erschien – vor genau 250 Jahren. Noch heute überragt Gibbons Magnum Opus die umfangreiche Literatur, die es inspiriert hat. Zwar haben nachfolgende Historiker neue Ursachen vorgeschlagen, alte Erklärungen revidiert und viele von Gibbons Schlussfolgerungen in Frage gestellt, doch bis heute hat ihn keiner aus dem Zentrum der Debatte verdrängt. „Gibbon und die ewige Krise Roms“ weiterlesen