Pauschalierungen

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Von Christoph Ernst

In einem Artikel der WELT fragt die 1998 in Belarus geborene Hanna Veiter, deren Familie 2005 nach Deutschland kam, wieso die Menschen in Deutschland und die Medien immer so dringend wissen wollen, ob sie Angst habe. Sie werde nie gefragt, ob sie sich von dem Land, das ihr Zuhause sein solle, verraten fühle.

Der in der WELT abgedruckte Text ist ein Auszug aus Veiters Buch Jung, jüdisch, wütend, welches im Oktober beim Piper-Verlag erscheint. Der woke-klingende Titel spricht mich nicht an, und mir missfällt die gegenderte Sprache, aber die Indolenz und Gefühlskälte, die die junge Frau schildert, sind mir bestens vertraut, und viele der Kommentare, die sich unter ihrem Textauszug finden, bestätigen in krassester Weise, was sie beschreibt.

Also ließ ich mich zu einem Leserkommentar hinreißen, der sofort abgelehnt wurde, weil er zu ‚pauschalierend‘ sei. Geschrieben hatte ich:

Juden in Deutschland sollen für Israel verantwortlich sein? Wenn Erdogan Kurden und Christen quält, verprügelt irgendwer hier lebende Türken? Nimmt irgendwer die Araber, die jetzt in Berlin die Linke gewählt haben, für die Verbrechen der Hamas in Sippenhaft? Grund genug dafür gäbe es: Schließlich haben sie jubelnd auf der Straße getanzt und Fahnen schwenkende Autokorsos gebildet, als über 1200 Menschen im Süden Israels abgeschlachtet wurden.

Judenhass ist zutiefst krank, und dieses Land hat seine nach 1945 zurückgedrängte Krankheit mutwillig wiederbelebt, indem es fanatisierte Islamisten importierte und linksradikalen Israelhassern eine Bühne bot. Im Namen gesteigerter Humanität. Als angebliche ‘Wiedergutmachung’ für Auschwitz.

Hinter dem Irrsinn dieser Dummheit steckte die deutsche Sehnsucht nach Erlösung aus der Erbschuld. Zunächst zahlen den Preis dafür die deutschen Juden. Danach, bald, sind die Christen und alle übrigen ‘Ungläubigen’ dran.

Noch behängen die Verantwortlichen sich gegenseitig dafür mit Orden. Andere kokettieren mit dem ‘Linksbündnis’.

Nein, nicht nur die junge Jüdin fühlt sich davon verraten, ist sauer und zutiefst angewidert. Mir geht es genauso. Nur leider gibt es für mich kein Land mehr, wohin ich flüchten kann, weil Frau Merkel mein Land an die Judenhasser verschenkt hat.

Der jungen Frau wünsche ich alles Gute und viel Glück. Ich bin ihr dankbar, dass sie hier noch den Mund aufmacht, aber an ihrer Stelle würde ich vermutlich auch gehen, wenn ich es könnte.

Eigentlich wollte ich nur zart auf Ursache und Wirkung hinweisen. Das war der WELT zu viel.

Barbaren sind Barbaren und Islamisten tun nun mal, was sie seit jeher überall tun. Das braucht ihnen keiner übel zu nehmen. Von einem Hamas-Fan zu erwarten, dass er mit Überschreiten der deutschen Grenze seinen Hass auf Juden, Christen und den Westen ablegt, ist Irrsinn. Wer von klein auf an mit Lügen gepäppelt wird und zutiefst verinnerlicht hat, sich selbst als Opfer böser, fremder Mächte zu sehen, wechselt seine Identität nicht, wenn er in der Fremde andere Erfahrungen macht. Stattdessen begreift er jede Geste der Gutartigkeit im Zweifelsfall als Hinterlist. Das ist nicht wirklich überraschend. Mark Twain bemerkte mal: „Liest du einen verhungernden Hund auf und pflegst ihn gesund, wird er dich nicht beißen. Das ist der wahre Unterschied zwischen Hund und Mensch.“

Reflektion setzt nicht nur die Fähigkeit, sondern auch den Mut zu Selbstkritik voraus. Der ist bei den allermeisten überschaubar. Sawsan Chebli, Layma Kaddor und Aydan Özoğuz sind wandelnde Beispiele dafür, dass die integrativen Offerten des nicht-muslimischen Umfelds bei gläubigen Muslimas nicht immer Dankbarkeit auslösen und gewürdigt werden.

Man kann Pferde zum Wasser führen. Trinken müssen sie selbst. Aber wenn von vornherein klar ist, dass manche Pferde das Wasser grundsätzlich verweigern, braucht man sie gar nicht erst zur Tränke zu führen. Die Übung ist müßig. Wer sich dieser Einsicht verschließt, sollte nicht auf das Pferd schimpfen.

Damit sind wir bei den eigentlichen Verantwortlichen, also denen, die die Tragödie eingetütet haben, weil sie sich Wunsch über Wirklichkeit stellen und sich einbilden, sie könnten Pferde zum Trinken zwingen und Islamisten in Demokraten verwandeln. Die wollten sich selbst und dem Rest der Welt dringend beweisen, dass sie nun auf der Seite der Guten stünden. Also ließen sie sich begierig von jenen instrumentalisieren, die die Sozialsysteme immer schon abwickeln wollten, und nur auf den passenden Anlass warteten, um die Operation adrett zu verpacken. Beim Wort ‚Enteignung‘ schreckt das Publikum auf. Gegen ‚Hilfe für Syrer‘ haben die wenigsten etwas. Wer trotzdem zuckt, attackiert edelsten Großmut und hat die Tugendgarden auf dem Hals.

So nahm das Drama seinen Lauf. Doch Wünsche triumphieren selten über Wirklichkeit, und natürlich wusste Angela Merkel spätestens nach Sylvester 2015/2016, was sie Mädchen und Frauen mit ihrer Grenzöffnung antat, und zwar nicht bloß den jüdischen. Dasselbe gilt für die ‚Feministinnen‘ Nancy Faeser und Annalena Baerbock, die sich die famose Luftbrücke nach Kabul ausdachten.

Jetzt droht eine türkische Doppelpassinhaberin ins Rote Rathaus einzuziehen, gewählt von eben denen, die vor drei Jahren in Neukölln jauchzten, als die Bilder der geschändeten Shani Louk über die Flachbildschirme flimmerten. Louk wurde nach dem Pogrom vom 7. Oktober als Trophäe leblos und halbnackt auf der Ladefläche eines Pickups durch Gaza gekutscht und von der johlenden Menge bespuckt.

Sie war genauso deutsch wie Elif Eralp, die nun behauptet, sie sei keine Antisemitin, um sich zugleich von gestandenen Judenhassern und korrupten Clanchefs dazu ermächtigen zu lassen, in Berlin ein irrwitziges Enteignungs- und Islamisierungsregime zu installieren, was nicht nur die letzten deutschen Juden aus der Stadt vertreibt, sondern auch der Coup de Grace für die Reste von Lebensqualität und zivilisierter Ordnung dort sein dürfte. Die Streichhölzer zu der Aktion reichen ihr die Biederfrauen von den Sozialdemokraten und den Grünen an.

Derweil glänzt Angela Merkel im Hintergrund mit zig Dienstorden geschmückt wie eine Mischung aus Weihnachtsbaum und geflügelter Jahresendfigur.

Aber ich pauschaliere.



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