Grandiose Spielzeiteröffnung: Operngala und Werther

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Kann auch eine verhältnismäßig kleine Truppe über außergewöhnliche Stimmen verfügen? Sie kann, das bewies das Theater Nordhausen zum Spielzeitauftakt.

Die Operngala, die an drei Tagen aufgeführt wurde, war ein Triumph der Sopranistin Julia Ermakowa. Unterstützt vom Opernchor, stellte sie ihr außerordentliches Können unter Beweis. Ob Beethoven, Mozart oder Verdi – sie meisterte die schwierigsten Arien scheinbar mühelos. Zu Höchstform aber lief sie bei Vincenzo Bellini auf. Beim Chor der Druiden schien ein Augenblick die Zeit stillzustehen.

„Wo nimmt diese zierliche Person eine so große Stimme her?”, fragte eine Besucherin nach der Veranstaltung. Ermakowa ist seit 24/25 Ensemblemitglied und bleibt uns hoffentlich noch lange erhalten.

Die erste Premiere der Saison war „Werther”, eine Oper des französischen Komponisten Jules Massenet, nach Motiven des berühmten Briefromans von Johann Wolfgang Goethe. Allerdings nimmt Massenet entscheidende Veränderungen vor. Bei ihm ist Charlotte keine bloße Projektionsfigur, sondern aktiv Handelnde. Auch ihre Schwester Sophie, bei Goethe nur eine Nebenfigur, wird zum Gegenentwurf der tragischen Helden. Alle Figuren sind Opfer, was im Pathos der Musik voll unterstrichen wird. Nur Sophie ist ein Lichtblick.

Inszeniert hat den schweren Stoff Mathias Kitter, der bei den vergangenen Schlossfestspielen mit dem heiteren Singspiel „Abu Hassan” einen wohltuenden Kontrast zu den blutigen Dramen auf der Hauptbühne geliefert hat. Diesmal inszeniert er Drama. Auch das Bühnenbild (Birte Wallbaum) unterstreicht das.
Die Schauplätze, das Amtshaus, die Kirche und das Wohnzimmer von Charlotte und Albert, sind eingebettet in eine „Seelenlandschaft”, die aus den handgeschriebenen Briefen Werthers gebaut wurde. Auf der rechten Seite ist ziemlich deutlich „Grab” zu lesen. Natürlich kennen alle Zuschauer Werther, aber auch Unkundige könnten hier einen Hinweis auf das Ende der Tragödie entnehmen.

Zunächst geht es heiter los.
Werther (Kyounghan Seo) spaziert staunend durch die Natur, macht sich fortwährend Notizen über immer neue Wunder. „Eine wunderbare Heiterkeit” hat seine „ganze Seele eingenommen”. Auch die Begegnung mit Charlotte (Rina Hirayama) ist zunächst glücklich. Das ändert sich, als sie Werthers Avancen abweist, denn sie ist zwar noch frei, hat aber ihrer Mutter auf dem Sterbebett versprochen, ihren Verlobten Albert zu heiraten.
Das Verhältnis Werther–Charlotte entwickelt sich in vier großen Duetten, die Seo und Hirayama alles abverlangen. Sie meistern beide die schwierigen Partien souverän. Dabei wird deutlich, dass Werther nicht eigentlich Charlotte liebt, sondern das Bild, das er sich von ihr gemacht hat. Erst auf seinem Sterbebett, als sie ihm gesteht, dass sie ihn von der ersten Begegnung an geliebt hat, scheint er sie endlich als das, was sie ist, wahrzunehmen.

Auch die Figur des Albert (Florian Tavic) ist bei Massenet anders angelegt als bei Goethe.
Er hat zwar anfangs Mitleid mit dem unglücklich verliebten Werther, zwingt aber später seine Frau Charlotte, dem Boten die Pistole zu übergeben, die Werther von ihm erbeten hat. Tavic muss nicht nur mit einer Zigarre auftreten, seine Partie ist extrem knapp gehalten, im starken Kontrast zum gefühlsschwangeren Werther.

Zeitweise fühlt man sich von der Musik überrollt.
Mir ging es so im 2. Akt, der in der Kirche spielt und in dem Charlotte Werther fortschickt. Er solle an Weihnachten wiederkommen. Im Programmheft steht, die drei Kreuze stünden für Werther, Charlotte und Albert. Ich fühlte mich etwas irritiert an die Richtstätte Jesu erinnert und fragte mich, ob es nicht ein wenig kleiner geht. Aber natürlich setzt jeder unglücklich Liebende seinen Schmerz absolut. Juliane Hirschmann schreibt in ihrem wie immer hervorragenden Programmheft, heute würde man Werther „eine schwere narzisstische Störung in Verbindung mit einer ausgeprägten Autoaggression” diagnostizieren. Damit hat sie sicherlich recht.

Ein absoluter Lichtblick ist Sophie (Yuval Oren), die mit ihren Versuchen, Werther aufzuheitern und ihn davon zu überzeugen, dass es andere Frauen gibt, die es wert sind, geliebt zu werden, leider keinen Erfolg hat. Mit Hirayama liefert Oren den emotionalen Höhepunkt und die gesangliche Meisterleistung des Stückes, als sie versucht, die verzweifelte Charlotte zu trösten, die eben Werthers Briefe noch einmal gelesen hat und bereut, ihn weggeschickt zu haben.

Es ist die hohe musikalische Qualität von Sängern und Orchester, die das Stück unbedingt sehenswert machen.

Nächste Aufführungen: 2., 17., 25.10., 1.11., 22.11.

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