Cora Stephan ist für mich neben Monika Maron die wichtigste Autorin in Deutschland. Ich halte es für hochsymbolisch, dass die eine aus der alten Bundesrepublik, die andere aus der DDR stammt. Beide eint das Bestreben, die deutsche Geschichte möglichst genau zu erzählen und dem Vergessen zu entreißen, was vom Mainstream als unbequeme Wahrheit unterdrückt wird. Davon gibt es viel mehr, als man glaubt.
„Ab heute heiße ich Margo“ ist der erste von drei Romanen, in denen sich Stephan der deutschen Geschichte widmet.
Die Handlung beginnt in Stendal, einer Stadt, die so schön war, dass sich ein französischer Schriftsteller nach ihr benannte.
Margarete entstammt der Familie eines niederen Finanzbeamten, der hofft, mit Hilfe der NSDAP endlich Karriere machen zu können. Seine Tochter will so schnell wie möglich selbständig werden und hat sich deshalb erfolgreich für eine Buchhalterlehre beim besten Fotografen der Stadt beworben. Dort trifft sie auf die geheimnisvolle Helene, die schon im Spanischen Bürgerkrieg war, dem sie nur mit Hilfe eines jungen Beamten des Auswärtigen Amtes entkam.
Alard von Sedlitz spielt im Leben beider Frauen eine entscheidende Rolle. Er ist Margaretes erster Schwarm und der Grund, warum sie sich fortan Margo nennt. Alard liebt Helene, meint aber, sie gehöre seinem englischen Freund Brodie, und merkt nicht, dass er wiedergeliebt wird.
Stephan verfolgt die Geschicke ihrer Protagonisten von 1938 bis zu ihrem Tod im neuen Jahrtausend.
Margo wird durch die Kriegswirren nach Schlesien verschlagen, trifft dort auf Alard und wird von der einzigen Nacht mit ihm schwanger. Sie verliert ihre Tochter, als das Gut der Sedlitzens, auf dem sie Zuflucht gesucht hat, von rachsüchtigen Polen überfallen wird. Sie überlebt eine grausame Massenvergewaltigung, kehrt nach Stendal zurück, wartet auf ihren Verlobten Henri und geht wegen ihm in den Westen. Dort macht sie Karriere in einem erfolgreichen Unternehmen, das sich auf Datenverarbeitung spezialisiert hat und deshalb ins Visier der Hauptabteilung A der Staatssicherheit gerät.
Auf Helene war die Gestapo aufmerksam geworden, weil sie unter die Rassengesetze der Nazis fiel. Ihr Chef, der auf den Chef der Gestapo von Stendal Einfluss hatte, erreicht, dass sie nicht als Jüdin oder als Politische wegen Wehrkraftzersetzung, sondern als angebliche Lesbe ins KZ Ravensbrück kam. Nach der perversen NS-Logik hatte man als Asoziale mit dem schwarzen Winkel die besten Überlebenschancen. Als die SS in Ravensbrück nach Insassinnen für ihr Häftlingsbordell im KZ Buchenwald sucht, wird auch Helene ausgewählt. Sie trifft hier auf die Roten Kapos und ihre Methoden der KZ-Verwaltung.
Nach ihrer Befreiung macht sie sich auf zum Gut Mondsee der von Sedlitzens. Hier trifft sie auf Alard, und die beiden verleben endlich ein paar glückliche Tage. Da taucht, als Alard gerade abwesend ist, Margo mit seiner Tochter auf. Während des Überfalls ist Helene mit dem Baby in der Küche, die sie ungesehen durch einen Hintereingang verlassen kann, sodass nur Alards Vater und Margo in die Hände der Polen fallen.
Helene schlägt sich mit dem Kind, das sie als ihr eigenes ausgibt, in die sowjetisch besetzte Zone durch und wird später für zwanzig Jahre Mitarbeiterin der Hauptverwaltung A, der Westspionage der Stasi. Von ihrem Führungsoffizier wird sie gegen Margo und ihre Firma eingesetzt. Ihr letzter Auftrag ist, Margo zu überreden, eine junge Frau, ehemalige Insassin des Frauengefängnisses Hoheneck, mit Kind bei sich aufzunehmen, von der sie ihr suggeriert, es handle sich um ihre Tochter. Dass dies der Wahrheit entspricht, erfährt Helene viel später, Margo nie.
Stephan hat unter dem Pseudonym Anne Chaplet zahllose Krimis geschrieben. Ihr Geschick, komplizierte Plots zu schmieden, kommt ihr hier zugute. Die Glaubwürdigkeit leidet bei aller Kompliziertheit nicht. Das ist besonders wichtig, weil Stephan immer wieder historische heiße Eisen wie das Häftlingsbordell im KZ Buchenwald anfasst.
Bürgerkriegsspanien, das mir als kommunistische Heldengeschichte indoktriniert wurde, war ein Ort, an dem sich die Bürgerkriegsparteien an Grausamkeit nichts nachstanden. Die Kommunisten bekämpften auf Geheiß Stalins neben den Franco-Leuten auch die Anarchisten und die Antistalinisten in ihren Reihen. Als Schülerin sang ich begeistert das Lied von Hans Beimler, dem Kameraden, den eine Kugel aus einem deutschen Schießgewehr vor Madrid auf der Barrikade fällte. Heute wissen wir, dass Beimler vom späteren Stasichef Erich Mielke erschossen wurde, der den Auftrag hatte, mit Anarchisten und Abweichlern aufzuräumen.
Nach dem Krieg waren übrigens die Roten Kapos von Buchenwald dran, denen in der DDR der Prozess gemacht wurde.
Besonders dicht ist Stephans Schilderung der Atmosphäre in Stendal während der Nazizeit. Die Deutschen waren eben kein Tätervolk, wie heute von den Nachkommen der Täter und der Antifa behauptet wird. Es gab viele Menschen wie den Fotografen, der nie flaggte und sich für seine Mitarbeiterin bei der Gestapo einsetzte.
Stephans Geschichtssicht ist nicht mainstreamgerecht. Deshalb hat sich ihr früherer Verlag Kiepenheuer & Witsch entschlossen, ihre Bücher nicht zu bewerben.
Es ist der Verlegerin Susanne Dagen zu verdanken, sie noch einmal herausgegeben zu haben. Ich hoffe, sie finden jetzt ein bereites Publikum, denn sie sind spannend und für Geschichtsinteressierte ein Muss.
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