Der Energietraum der Realisten

Veröffentlicht am Kategorien Allgemein

Von Dipl. Physiker Dr. Werner Huber, 2.9.2026

„Die Energiewende wird ohne Kernkraft finanziell untragbar.“ So fasst die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) das Ergebnis einer aktuellen Studie zusammen. Und interessanterweise kommt sie zum Schluss: In Deutschland könnten die zwischen 2019 und 2023 stillgelegten Atomkraftwerke (AKW) wieder instandgesetzt werden. Ein realistischer Energietraum?

Wohl kaum. Weniger der Milliardenkosten wegen: Sie wären angesichts jahrzehntelanger kostengünstiger AKW-Stromproduktion eine lohnende Investition. Ganz im Gegensatz zu den horrenden Dauersubventionen für Wind-/Sonne-Strom: von jetzt jährlich 30 Milliarden auf 90 Milliarden bis 2035 explodierend. Was übrigens nicht einmal sicherstellt, dass der laufende massive Windkraft-Zubau – als geplante Hauptsäule der Energiewende – eine entsprechende Steigerung der Stromerzeugung zeitigt: So brachte der starke Zubau zwischen 2020 und 2025 (+69 Prozent Nennleistung) nur eine minimal höhere Stromproduktion von 2,7 Prozent. Ursachen: Netzengpässe, Windenergie-Absorption in Windparks, Kannibalisierung Windkraft/Solarkraft.

Weitere Pferdefüße der Windkraft – belegte höhere Erkrankungsraten von Anwohnern durch weitreichenden Infraschall, ein nötiges redundantes, milliardenteures Reserve-Stromsystem aus Dutzenden Gaskraftwerken zur Blackout-Überbrückung („Backup“) – pervertieren den grünen Energiewende-Traum zu einem Albtraum: eskalierende Energieverteuerung, Wirtschaftsniedergang, Arbeitsplatzabbau.

Zurück zur AKW-Instandsetzung und warum sie unrealistisch ist: hauptsächlich wegen des breiten öffentlichen Widerstands bis hin zu den inzwischen üblichen Anschlagsexzessen und die – geschürten – Ängste vor Verstrahlung. Hinzu kommen die gesetzlich-administrativen Blockaden sowohl auf Bundes- wie Länderebene, für deren Überwindung keine Mehrheit absehbar ist, auch nicht bei eventueller Erdrutsch-Bundestagswahl 2029.

Schwenk von der Kernspaltung, „Fission“, zur Kernverschmelzung, „Fusion“. Die Zähmung des Sonnenfeuers für irdische Zwecke ist der hundertjährige Traum von der idealen, unerschöpflichen Energie: Bei extremer Aufheizung verschmelzen Wasserstoffatome zu Helium, was eine enorme Energiemenge freisetzt. So wie in der Sonne, in deren Mitte ein 15 Millionen Grad heißer Fusionsofen brennt und sie zum Energiegiganten und unserem Lebensquell macht. Eine Kernreaktion wie im Prinzip auch in der Wasserstoffbombe: Die unkontrollierte Fusion hat der Mensch schnell geschafft, mit der kontrollierten allerdings tut er sich schwer. Denn schon seit Jahrzehnten wird daran geforscht und gearbeitet, in den letzten Jahrzehnten mit Milliardenaufwand in aller Welt von West bis Ost.

Die Fusionsreaktorentwicklung begann mit der sogenannten Magnetfusion: Einschließung eines Wasserstoffplasmas mittels gewaltiger Magnetkräfte und Aufheizung durch Mikrowellen bis zur Zündtemperatur von typisch 100 Millionen Grad – die Sonne braucht viel weniger wegen des ungeheuren Drucks im Zentrum. Wegen der gewaltigen Magnetkräfte sind die Magnete ebenso gewaltig. Gleiches gilt für die Stromstärke von bis zu 80 000 Ampere – geführt in tiefgekühlten Supraleitern. Gefordert ist auch eine extreme Präzision von Komponenten und Gesamtanlage.

Ergänzend zur Magnetfusion kam die Laserfusion auf: Eine kleine, hochkomplex aufgebaute Wasserstoff-Brennstoffkugel wird von Super-Lasern beschossen. Im Vergleich zur Magnetfusion ist der Bauaufwand viel geringer, dafür erfolgt die Fusion nur gepulst – also mit schlechterer Energiebilanz.

Mit dem vor Jahren einsetzenden weltweiten Wettlauf – angesichts KI-Stromhunger – haben sich die Akteure vervielfacht: Neben staatlichen Fusionsprojekten sind weltweit inzwischen Dutzende private Fusionsunternehmen am Werk. Mit Kapital bestens ausgestattet: Das von Google unterstützte US-Unternehmen TAE Technologies führt mit 1,8 Milliarden Dollar. Vielleicht auch, weil es einen kommerziellen Reaktor schon für 2030 verspricht? Der (Zweck-)Optimismus auch der anderen Fusionsakteure haben in den USA einen gold rush ausgelöst. Allerdings kenne ich aus eigener Zusammenarbeit mit US-Kollegen deren über-ambitionierte und selten gehaltene Zielsetzungen.

Mein Unglauben gegenüber baldiger Verfügbarkeit von bezahlbarem Fusionsstrom speist sich auch aus der beispiellosen Komplexität. Bedingt durch völlig neuartige technisch-physikalische Probleme. An oder gar jenseits der Machbarkeitsgrenze. So etwa der magnetische Einschluss des chaotisch tobenden 100 Millionen Grad-Plasmas. Der europäische Forschungsreaktor ITER ist ein Memento: seit 2010 im Bau soll er nach zahlreichen Verzögerungen um 2035 in Betrieb gehen. Nur für Forschungszwecke …

Was bleibt da Realos noch zum Träumen? Vielleicht die Small Modular Reactors? Das Zauberwort SMR bringt ja viele schon zum Schwärmen. Die EU-Kommission gründete für diese 4. Generation AKWs eigens eine Industrieallianz: 12 EU-Staaten, führend Frankreich, das allein 300 Millionen EU-Entwicklungsgelder dafür kassierte. Deutschland, wiewohl Hauptfinanzier, steht schmollend abseits: Atomkraft ist ja so was von totes Pferd! International führend die USA, wieder getrieben durch die Tech-Konzerne wegen ihrer KI-Rechenzentren. Serienziel: Anfang der 2030er.

Taugen die SMRs zum Traum deutscher Realos? Schwerlich. Jedenfalls die hier zitierten Konzepte, nämlich verkleinerte und dadurch vereinfachte, modulare Klone der konventionellen 3. Generation-Druckwasser-AKWs. Will heißen: radioaktiver Atommüll und Endlagerproblematik wie gehabt. Vorausschauend hat sich schon mal eine Initiative „Mütter gegen Atomkraft“ gegen solche „strahlende Mini-Kraftwerke“ in Stellung gebracht. Fazit wie eingangs bei der AKW-Wiederinstandsetzung: in Deutschland nicht durchsetzbar, zumal angesichts multiplizierter Sicherheitsrisiken bei multiplizierter Zahl solcher Kleinkraftwerke.

Letzte Hoffnung: das revolutionäre 5. Generation AKW-Konzept „Dual Fluid“ des gleichnamigen deutsch-kanadischen Startups, gegründet 2021 in Vancouver. Kanada zeigte sich für das Projekt offen, die deutsche Politik nicht. Grundprinzip: kein fester Kernspaltstoff in Form Uranbrennstäben wie bisher, sondern ein Flüssigmetall-Gemisch: billiges Natururan, Thorium (praktisch unerschöpflich) und sogar Atommüll von konventionellen AKWs.

Der Dual Fluid-Reaktor: ein Allesfresser. Weil er als „Schneller Brüter“ dank energiereicher, „schneller“ Neutronen aus schwer spaltbaren Aktinoiden-Metallen wie Natururan oder Thorium leicht spaltbare „erbrütet“ (Transmutation). Deshalb kann er das Atommüll-Uran aus konventionellen AKWs (dort nur ca. 1 Prozent des Urans gespalten) vollständig spalten. Ein immenser Recycling-Gewinn: Kostensenkung und drastische Entschärfung des Endlagerproblems.

Die enorm hohe Arbeitstemperatur des Spalt-Fluids von typisch 1000 Grad wird abgeführt durch zirkulierendes flüssiges Blei („Dual Fluid“), und außerhalb des Reaktorkerns auf den Stromgeneratorkreislauf übertragen. Der flüssige Spaltstoff ermöglicht intrinsische Eigensicherheit: selbstregulierend durch Negativrückkopplung der Spalteffizienz bei Temperaturanstieg, und zusätzlich bei Grenztemperaturüberschreitung die selbsttätige Entleerung des Fluids in ein Auffangbecken mittels Schmelzsicherung, was die Kernreaktion augenblicklich stoppt.

Die Vorteile zusammengefasst: Eigensicherheit, Recycling Alt-Atommüll, Entschärfung Endlagerproblem, hohe Arbeitstemperatur ermöglicht geringe Baugröße/Baukosten sowie Wärmeauskopplung für Fern- und Prozess-Wärme (Blockkraftwerke), keine Physik-Terra Incognita wie bei Fusion, flexible Skalierbarkeit von Klein- bis zu Großkraftwerk (300 MW – 1500 MW), niedrige Stromkosten erwartbar, geeignet auch für Wasserstoffelektrolyse – was auch Öko-Fundis beeindrucken dürfte. Sehr herausfordernd allerdings die Werkstoffprobleme für die hohen Temperaturen. Geplant ist ein erster Prototyp in 2031 und Serie ab 2033.

Die deutsche Atomkraft-Aversion dürfte dann überwindbar sein – angesichts eskalierter Energiekrise, Arbeitslosigkeit, Armut und sozialer Instabilität. Und besonders auch durch die eklatanten Vorteile und Chancen, die die neue Energiequelle bietet. Jedenfalls ist dies mein Traum und meine Hoffnung. Deutschland sollte sich schnellstens an der Entwicklung beteiligen!

Anmerkung: Einen Überblick über die Gesamtthematik Klima, Energiewende sowie Klima- und Energiezukunft gibt mein Buch „Klima-Wahrheit“ (GHV-Verlag).



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