Mit dem Wetter hatten die Schlossfestspiele Glück. Keines der von den Wetterdiensten angekündigten denkbaren und undenkbaren Unwetter ging über Sondershausen nieder. Statt dessen erwartete die Besucher ein warmer Sommerabend im schönen Lustgarten des Schlosses. Der Schlosshof konnte diesmal nicht genutzt werden, da es umfangreiche Reparaturarbeiten am Ostflügel gibt. Aber es gibt offenbar jede Menge Lustgarten-Fans, die ohnehin der Meinung sind, er wäre der schönere Aufführungsort. Am vergangenen Freitag, als der Ort in einen betäubenden Lindenduft gehüllt war, wollte man denen recht geben.
Intendant Daniel Klajner begrüßte die Zuschauer, erinnerte an das Jubiläum und fragte, wer von Anfang an dabei gewesen sei und keine Aufführung verpasst hätte. Es standen tatsächlich etwa ein Dutzend Leute auf. Leider erinnerte Klajner nicht an seinen Vorgänger Lars Tietje, der seinerzeit diese Festspiele gegen die üblichen Widerstände durchgeboxt und zum Erfolg geführt hat.
Klajner hat diesen Erfolg fortgeführt.
Auf dem Programm stehen diesmal zwei heute weniger bekannte Opern: Cavalliera Rusticana und Der Bajazzo. Eine Wahl, die nicht nur mich erstaunt hat. Im trotz der leidigen Genderei wie immer hervorragenden Programmheft fand ich zum Teil die Antworten darauf.
Beide Opern, die in der Musikwelt gern als „unzertrennliche Zwillinge“ bezeichnet werden, entstanden Ende des 19.Jahrunderts kurz hintereinander. Pietro Masscagnischuf sein Werk Cavalliera Rusticanamit 25 Jahren für einen Einakter-Wettbewerb, den er gewann. Er begründete damit die veristische Oper, die ganz neue Opernstoffe erschloss – das Leben der einfachen Bevölkerung. Ruggero Leoncavallo folgte wenige Jahre später mit seinem „Bajazzo“. Beide Opern spielen in einem italienischen Dorf. Beide spiegeln den dörflichen Zeitgeist im Italien des ausgehenden 19.Jahrhunderts wider. Beide Komponisten konnten übrigens an ihre Welterfolge mit diesen Opern nie wieder anknüpfen.
Operndirektor Benjamin Prins nahm für seine Inszenierung zum Anlass, die Handlungen beider Opern an denselben Ort zu verlegen. Das Bühnenbild von Wolfgang Kurima Rauschning zeigt ein italienisches Traumdorf, das sofort Sehnsucht nach der nächsten Italienreise weckt.
Cavalliera Rusticana spielt am Karfreitag vor, während und nach der Ostermesse. Santuzza (Veronika Tokareva) sucht ihren Geliebten Turrido (Kyoughan Seo), trifft aber vor der Kirche nur seine Mutter. Der vertraut sie an, dass ihr Sohn sie, statt wie versprochen zum Traualtar zu führen, mit seiner früheren Flamme Lola (Rina Hirayama) betrügt, die aber inzwischen mit dem Fuhrunternehmer Alfio (Florian Tavic) verheiratet ist.
Von da an entfaltet sich ein Drama von Liebe und Verrat, gut inszeniert und mit hervorragenden sängerischen Leistungen. Aber der Funke springt nicht wirklich über. Meine Sitznachbarin konzentriert sich schon nach einer Viertelstunde auf den verdeckten Star das Abends, den leider scheidenden Generalmusikdirektor Gábor Hontvari, der links oben auf der Leinwand zu sehen ist, wie er das Lohorchester im Blauen Saal dirigiert.
Ich bin trotz ihres makellosen Vortrags von Santuzza eher genervt. In der Pause erfahre ich, dass ich damit nicht allein war. Das liegt an dem von Juliane Hirschmann so genannten „kulturhistorischen Geist“des 19.Jahrhunderts, der heute zu fremd ist.
Dieses Frauenbild, das sich so sehr vom Mann abhängig macht, dass es jede Demütigung zu ertragen bereit ist, um nicht verlassen zu werden, gehört zum Glück in unseren Breiten der Vergangenheit an. Der Liebhaber, der erst unter dem Fenster seiner heimlichen Geliebten, dem er gerade entstiegen ist, alles abstreitet, um dann seine Ersatz-Gefährtin als lästig zu verstoßen, worauf sie ihm zu Füßen sinkt und sich anklammert weckt keine positiven Emotionen. Die wie immer zauberhafte Hirayama kann die Sache auch nicht retten. Die Begeisterung beim Publikum lag deutlich unter dem gewohnten Niveau.
Das änderte sich nach der Pause mit dem Bajazzo.
Eine Theatertruppe kommt ins Dorf und kündigt eine sensationelle Aufführung für 23 Uhr an. Der Jubel ist groß, alle freuen sich auf das Ereignis. Canio (Ewandro Stenzwowski) und Nedda (Julia Ermakova) sind verheiratet, aber Canio weiß, dass Julia von seinem Kollegen Tonio (Alik Abdukayumov) begehrt wird und offensichtlich ein Verhältnis mit einem Dorfbewohner hat. Er bedrängt Nedda vor der Vorstellung, ihm den Namen ihres Liebhabers zu verraten – ohne Erfolg. Die Vorstellung beginnt. Ermakova ist ein hinreißende Colombina, die lange nicht bemerkt, dass es dem Canio/Bajazzo längst Ernst ist. Er tötet Nedda vor den Augen des ganzen Dorfes und kurz darauf Silvio (Florian Tavic), der ihr zu Hilfe eilen will. Ermakova und Stenzwowsi sind einfach brillant, Abdukayumov nicht weniger und Tavic, dem in der Vergangenheit eine gewisse Steifheit anhaftete, wird von Rolle zu Rolle besser. Bei diesem Stück sprang der Funke zu allen über. Das Jubiläum war gerettet.
