Am 27. Februar gab es am Theater Nordhausen eine ganz besondere Premiere. Mit „Die vier Jahreszeiten“ verabschiedete sich Ballettdirektor Ivan Alboresi nach zehn erfolgreichen Jahren von Nordhausen. Unter seiner Leitung wurde das Ballett 2023 von der Zeitschrift „Tanz“ als „Kompanie des Jahres“ ausgezeichnet. Kein Wunder, dass die Intendantin des Landestheaters Detmold „hoch erfreut“ ist, dass Alboresi in ihr Haus wechselt, um „neue Herausforderungen zu suchen“. Sie kann sicher sein, dass mit dem mehrfach preisgekrönten Alboresi das Detmolder Ballett stark aufgewertet wird. Für Alboresi mag eine Rolle gespielt haben, dass Detmold das größte Reisetheater Deutschlands ist. Es verfügt selbst über fünf Spielstätten und die Hälfte seiner Vorstellungen geht auf Tour.
Damit ihn das Nordhäuser Publikum auch recht stark vermisst, lieferte Alboresi mit den „Jahreszeiten“ ein absolutes Meisterwerk. Wer in der Pause im Saal sitzen blieb, hörte zartes Vogelgezwitscher. Hinter dem Vorhang zeichnete sich erst zart, dann immer deutlicher werdend der Titel des Stücks ab.
Auf der weißen Bühne, die von einem Vorhang in zwei Ebenen geteilt wird, werden zwei Geschichten erzählt: die Wandlungen der menschlichen Liebesbeziehungen parallel zum Wechsel der Jahreszeiten. Wer hier an Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ denkt, liegt richtig. Die Musik liefert die vom Komponisten Max Richter bearbeitete berühmte Komposition des italienischen Meisters. Richters Bearbeitung diente Choreografen schon mehrfach als Vorlage.
Es beginnt mit der Geburt des Frühlings aus dem Schoß des Winters. Im Frühling erwachen die starken Gefühle, die Sehnsucht ist unendlich, die Möglichkeiten scheinen unbegrenzt.
Die Jahreszeiten werden von vier Tänzern in weißen Gewändern gegeben, die sich nur in Details unterscheiden. Lag es daran, dass in diesem Jahr die Sehnsucht nach dem Frühling besonders stark war, dass die Auseinandersetzung zwischen Winter und Frühling so stark empfunden wurde? Umso befreiender, als der Lenz endlich siegreich blieb und die Tänzer ein Menschengewimmel bildeten, das an Goethes Osterspaziergang erinnerte.
Im Sommer ließ Alboresi die Leidenschaften noch steigern, so sehr, dass sowohl die Erfüllung als auch die mögliche Überforderung sichtbar wurde.
Im Herbst lässt Alboresi die Brüche durch enttäuschte Erwartungen und aufkommende Konflikte sichtbar werden. Ich schwöre, dass ich das Programmheft erst danach gelesen habe, aber genau das gefühlt habe. Von meinem Sitznachbarn, der ebenso gefesselt wie ich das Geschehen auf der Bühne verfolgte, vermute ich Ähnliches. Von ihm kam später der erste Bravo-Ruf.
Im Winter, wenn die Strukturen befreit von allem Schmuck sind, der zum Ballast geworden ist, kommt langsam Klarheit auf. Der weiße Vorhang fällt, hinter ihm wird die zweite Ebene klar sichtbar, und ein Gefühl der ewigen Wiederkehr des Gleichen stellt sich ein. Zwar folgt die Natur ihren eigenen Gesetzen, aber die Menschen sind unlösbar mit ihr verbunden, ob sie es wissen oder nicht, was heute eher der Fall ist.
Am Schluss werden Alboresi und die Kompanie so gefeiert, dass sie es kaum vergessen werden.
Mit „Das Glühen“ hat sich gleichzeitig die Israelitin Adi Salant als Nachfolgerin von Alboresi vorgestellt. Nach jahrelanger Arbeit im wunderbaren Tel Aviv ist ihr Wechsel ins kühle Nordhausen erstaunlich. Die hervorragende Kompanie wird ein guter Grund gewesen sein. Man darf auf Adi Salants Impulse und Inszenierungen gespannt sein.
