Essen ist eine von den angebliche Woken erfundene neue Sünde. Wer nicht zu den ca 1.5 % Veganern in Deutschland gehört, lebt verkehrt. Dabei ist es mit dem Veganismus so wie mit der wirklichen und gefühlten Temperatur. Laut Propaganda müsste mindestens die Hälfte der Bevölkerung dem Veganismus zuneigen. Firmen, die darauf reingefallen sind und ihr Angebot darauf eingestellt haben, bleiben allerdings auf ihren Produkten sitzen. In meiner Stamm-Kaufhalle begegne ich ihnen im „Nein zur Tonne“ – Regal, kann mich allerdings nicht dazu durchringen, vegane Wurst oder ebensolchen Käse zu „retten“.
Was die Propaganda allerdings bewirkt, ist ein schlechtes Gewissen, das sie auch bei jenen erzeugt, die dem Fleischgenuss nicht abgeneigt sind.
Schon vor Jahren hat Walter Krämer verdienstvolle Bücher geschrieben („Die Panikmacher“, „Warum dick nicht doof macht“) in denen er gegen die Angstmache im Ernährungsbereich kämpft. Das war poulärwissenschaftlich und hat zum Beispiel mir sehr geholfen. Aber Spass hat die Lektüre nicht gemacht, auch wenn Krämer nicht ohne Humor ist.
Anders das Buch von Georg Etscheid: „Kochen für Unbeugsame – Genuss ohne Zeigefinger“. Es kommt frech daher, nicht nur mit seinen Bemerkungen, wie der woke Zeitgeist den Genuss killt. Wer Kaffee und Speisen „to go“ zu sich nimmt, weiß gar nicht mehr, was Genuss ist. Wie heruntergekommen die Eßkultur ist, belegt folgendes Beispiel: Als Heinrich Mann nach seiner Ankunft im Exil in den USA sein künftiges Haus gezeigt wurde, fragte er: „Und wo speist man?“ Vor noch nicht allzu langer Zeit war speisen eine kulturelle Handlung in extra-Umgebung. Selbst die Armen jener Tage, zu denen meine Großeltern gehörten, hatten dafür einen Esstisch in der Küche und einen im Wohnzimmer für sonntags. Es gab feste Essenszeiten und Regeln. Meinen Großeltern wäre nie eingefallen, ihr Essen im Laufschritt zu verschlingen. Heute ist das Gang und gäbe.
Etscheid begründet nicht nur, das erlaubt ist, was schmeckt, sondern er liefert mir seinen undogmatischen Genussrezepten gleich den Beweis mit. Es handelt sich mehrheitlich nicht um die undefinierbare „Cross-over-Küche“ , sondern um traditionelle Rezepte aus den verschiedensten Gegenden. Illustriert ist das jeweilige Rezept mit lustigen Bildern. Vorsicht! Da begegnet man auch Politikern wie Josef Fischer ( Frankfurter Grüne Soße), der Ex-Kanzlerin Merkel (Kartoffelsuppe) und dem notorischen Markus Söder ( Bayrisches Strohschwein). Ich empfehle Nachkochen!
Ob Merkels Kartoffelsuppe wirklich so gut schmeckt, wie Etscheids Rezept, weiß ich nicht. Bei Fischers Grüner Soße bin ich mir sicher, denn seine Kochkünste waren schon in Bonn legendär, als er noch Oppositionsführer war. Fischer verdanke ich mein Wissen, wann Bananen wirklich genussreif sind.
Aber mein absolutes Lieblingsrezept ist mit einem anderen Politiker verbunden: Rosenkohl-Gratin mit Helmut Kohl. Kohl hat sich nicht nur um die Deutsche Einheit verdient gemacht. Von ihm stammten Tipps für die besten Restaurants in Bonn und in Washington. Er wachte bei den traditionellen Spargelessen der Unions-Bundestagsfraktion über die Qualität des servierten Edelgemüses und er war ein unterhaltsamer Tischherr: „ Wissen Sie, Frau Abgeordnete, meine selige Mutter hat mir eine wichtige Lehre fürs Leben mitgegeben: „Benimm Dich beim ersten Mal so, dass Du immer ein zweites Mal kommen kannst.“
Das ist das Gegenteil von Arroganz der Macht, in der heute die politische Kaste gefangen ist.
Zurück zum Rosenkohl-Gratin: Speckwürfel und Walnusskerne machen den Unterschied. Und die handgemachte Béchamelsauce! Himmlisch!
Georg Etscheid: Kochen für Unbeugsame, achgut, 2025
