Von Christoph Ernst
Der Philosoph Alexander Ulfig lud mich ein, seine Essaysammlung ‚Woke Kulturpolitik – Ursprünge, Erscheinungsformen und Auswirkungen‘ zu besprechen. Zusammen mit zwölf Mitstreitern beschreibt er die verheerenden Folgen ‚woker‘ Gesinnung auf den deutschen Kulturbetrieb. Das Buch schildert, wie die schein-emanzipatorische Doktrin das Kulturleben zerstört. Anhand konkreter Beispiele aus Musik, Literatur, bildender Kunst, Theater, Film und Sport zeigen Till Kinzel, Michael Esfeld, Tom Sora, Adorján Kovács, Gunnar Kunz, Anna Diouf, Lukas Katzmann, Uwe Jochum, Ronald G. Asch, Birgit Kelle, Sabine Böppler-Spahl und Bruno Köhler, wie eine invasive Ideologie sich unter Vortäuschung hehrer Ziele in neutrale Zonen drängt und sie so lange mit ‚Gender‘, ‚Entitlement‘ und ‚kritischer Rassentheorie‘ verpestet, bis sie agitatorisch ‚transformiert‘ sind und gleichgeschaltet auf woker Wellenlänge liegen.
Eingangs beleuchten Ulfig, Kinzel und Esfeld die historischen Hintergründe des Phänomens. Ab den 1960ern verschmolzen an US-Universitäten aus Frankreich importiert die Ideen neo-marxistischer Dekonstruktivisten mit der ‚kritischen Theorie‘ und amalgamierten mit der damals aufkeimenden Identitätspolitik. Daraus entstand das ideologische Gebräu, das uns heute als ‚Diversity, Equity and Inclusion‘ (DEI) Sodbrennen bereitet und uns seit gut zehn Jahren das ‚große Erwachen‘ beschert. ‚Alles ist politisch‘, lautete ein Slogan der 68er. Das hieß, dass nichts mehr heilig sein sollte. Es durfte keine spirituellen Rückzugsräume mehr geben. Die Trennung zwischen innen und außen, privat und öffentlich, eigen und fremd war aufzuheben. Kunst und Kultur hatten auf so einem Spielplatz nur noch Daseinsberechtigung als ‚Agitprop‘. Denn zugleich machten Antonio Gramscis ‚Gefängnishefte‘ Furore und die Linke setzte an, sich auch ihrem langen Marsch durch die Institutionen systematisch die kulturelle Hegemonie zu sichern. Ihr Feldzug war erfolgreich, und ähnlich wie der ‚Große Vorsitzende‘ Mao Tse-tung einst seinen langen Marsch mit der ‚Kulturrevolution‘ krönte, so ernten wir nun die Früchte ihres Sieges in Form triumphaler ‚Erweckung‘.
Das illustrieren die Autoren, und sie veranschaulichen den atmosphärischen Wandel, dem Kreative und Kulturschaffende dadurch ausgesetzt sind, die Verunsicherung, die Furcht vor Missfallen und etwaiger Denunziation, den Druck, der ihrer ‚Unterwerfung‘ vorausgeht und Fügsamkeit angezeigt scheinen lässt. Denn wer sich sträubt und nicht brav mitspielt, wird zwar noch nicht erschossen, aber riskiert Gelder, Gage, Karriere und Zukunft. So wird Selbstzensur zur Norm und Anpassung zur Tugend. Parallel tritt dabei auch der penetrante Antisemitismus der politisch Erweckten zutage, den Sabine Beppler-Spahl so bissig wie treffend aufdröselt. Sie erläutert, wieso sich angebliche ‚Antifaschist*innen‘ für die Hamas begeistern, obwohl oder weil deren Judenhass wesentlich auf deutsche Nationalsozialisten und Adolf Hitlers Dschihad-Agitator Muhammed Amin-al-Husseini zurückgeht, der bekanntlich nach 1945 als Mentor von Jassir Arafat die ‚Fatah‘ aufzubauen half und diversen NS-Kriegsverbrechern lukrative Jobs bei nahöstlichen Regimes vermittelte.
Das Buch stillt die Neugierde, wie der zeitgenössische Kulturbetrieb das Oxymoron ‚Cancel Culture‘ buchstabiert. Die im Deutschen-Wissenschafts-Verlag erschienene Anthologie ist klug, geistreich, sachkundig und fundiert. Sie liefert die peinlich gründliche Anamnese des mutwillig herbeigeführten, ideologisch getriebenen ‚Dekonstruktionsprozesses‘, den wir täglich beobachten. Fast alles, was Sie schon immer über ‚Wokeness‘ wissen wollten, aber sich aus Rücksicht auf Ihre Magenschleimhaut nicht zu fragen getrauten, findet sich hier hervorragend lesbar auf 151 Seiten. Ideal für Anfänger und Fortgeschrittene.
So in etwa wäre meine Besprechung gewesen. Vielleicht noch mit der einen oder anderen zart hochgezogenen Braue, doch nur, um beim stürmischen Klatschen nicht hintenüber zu fallen und damit potentielle Kunden zu verschrecken. Denn das Buch ist hervorragend.
Dann stolperte ich über einen Text der US-Publizistin Helen Andrews, betitelt mit ‚The Great Feminization‘. Der stürzte mich in ein Dilemma. Denn Andrews Aufsatz ergänzt alle in der ‚woken Kulturpolitik‘ skizzierten Phänomene kongenial. Es einen Aha-Effekt, den man bei der Lektüre des Ulfigs Buchs mitbedenken sollte. Andrews beschäftigt sich mit Geschlechterdynamiken und sozialen Umbrüchen. Nachdem sie 2021 Boomers: The Men and Women Who Promised Freedom and Delivered Disaster publiziert hatte, erschien im Herbst 2025 The Great Feminization. Der Artikel findet sich im englischsprachigen ‚Compact-Magazine‘ online.
Laut Andrews ist der Siegeszug von ‚Wokeness‘ die Folge der geänderten gesellschaftlichen Rolle von Frauen, das Symptom für einen Prozess, der die gesamte westliche Welt umwälzt, aber bisher kaum thematisiert wird, was wiederum vermutlich daran liegt, dass er selbst das direkte Ergebnis von DEI und ‚Feminine-Empowerment‘ ist.
Nie zuvor in der Geschichte hätten Frauen durch gezielte Förderung und Quoten in so vielen Bereichen beherrschende Stellungen erobern können. Im Bildungswesen, in den Medien und sogar in der Justiz zögen sie mit Männern nicht bloß gleich, sondern begännen sie vielerorts zu verdrängen. Ganze Fächersparten an US-Universitäten wechselten in weibliche Hand, nicht nur in DEI-beherrschten Klagestudien, Gesellschaftswissenschaften und klassisch weibliche Domänen wie Literatur und Sprachen, sondern auch in Psychologie, Medizin und Jura.
Die Feminisierung habe gravierende Auswirkungen auf die Atmosphäre an Universitäten und im Bildungswesen, aber auch aufs Leben insgesamt, weil Frauen als tonangebende Gruppe sich signifikant von Männern unterschieden. Sie legten größeren Wert auf Konformität und gingen weniger tolerant mit Dissens um. Sie setzen andere Prioritäten und nutzten andere Strategien, um Streit zu vermeiden und Konflikte zu lösen. Sie achteten deutlich mehr auf stimmungstechnische Befindlichkeiten und die spezifische Gruppenharmonie, was sich auf ihre Debattenkultur auswirke, ihren Umgang mit erkenntnistheoretischen Fragen und die Schärfe, mit der sie wissenschaftlichen Kontroversen austrügen. Ihre sozialere Sicht auf die Dinge beschere dem klassischen Verständnis evidenzbasierter Wissenschaftlichkeit einen potentiell fatalen Paradigmenwechsel.
Um Andrews zuzustimmen, dass Appelle an den Herdeninstinkt methodisch nicht unbedingt der Weg zu wissenschaftlicher Wahrheitsfindung sind, braucht man nicht Luisa Neubauers Mantra ‚Just follow the Science!‘ im Ohr zu haben. Aber es illustriert, was sie meint. Sie selbst erklärt ihre Einschätzung entwicklungsgeschichtlich behavioristisch.
Männer dächten und handelten auf der Sachebene entsprechend den Zielen ihrer ‚Horde‘. Sie wären objektbezogen und neigten zu hierarchischer Arbeitsteilung. Konflikte trügen sie direkt aus. Sie störten sich nicht an Unterschieden, duldeten Eigenarten und betrachteten sich als autonom. Frauen definierten sich über den sozialen Verbund. Ihnen läge das Wohl der Gruppe als Gruppe am Herzen, weil deren Zusammenhalt für das Überleben der eigenen Nachkommenschaft essentiell sei. Darum legten sie auch deutlich mehr Wert auf Empathie und Rücksichtnahme, übten Kritik eher indirekt, lösten Konflikte lieber gemeinschaftlich und bevorzugten flache Hierarchien. Gedeihliche Auskommen sei für sie grundsätzlich wichtiger als der Schutz abweichender Positionen. Verlange es das Wohl der Gruppe, neigten sie eher dazu, Widerspruch zu bestrafen und Oppositionelle als Störenfriede zu stigmatisieren.
Sofern sie nicht ausarten, können soziale Tugenden wunderbar sein, aber was den Westen zivilisatorisch auszeichnet, ist nicht friedfertige Konfliktscheu, sondern die Idee der Gewissenfreiheit und die daran gekoppelte Wertschätzung des Einzelnen. Immerhin hat der Respekt für individuelle Neugierde und abweichende Ansichten sich als äußert fruchtbar erwiesen und zig philosophische und technologische Errungenschaften ermöglicht, die den Westen lange zum erfolgreichsten Modell in der Geschichte gemacht haben. Die spirituelle und ethische Grundlage dafür war die Bereitschaft, Dissens nicht als Bedrohung zu sehen und verschiedene Meinungen zuzulassen. Neugierde, Skepsis, Forscherdrang und das Recht auf Kritik bedürfen eines entsprechenden Milieus. Neue Erkenntnisse sind oft kontrovers. Innovation verlangt meist den Mut, sich gegen herrschende Wahrheiten zu stellen. Aber die Chance auf das Entfalten der Phantasie setzt eben auch eine Haltung voraus, die es jedem Vernunftbegabten zubilligt, eigenständig zu denken und anderer Meinung zu sein. Nur dann vermag er als Einzelner die Kräfte des Beharrens herauszufordern und kann sie eventuell widerlegen.
Gruppenzwang, Intoleranz, Intriganz und Kontaktschuld sind keine exklusiv weiblichen Eigenschaften. Die Welt ist voller dummer Männer, die klugen Frauen nicht das Wasser reichen können. Trotzdem leuchtet das, was Andrews beschreibt, ein.
Falls es stimmt, ist ‚Wokeness‘ eben kein Fluch, die uns bloß vorübergehend quält, seine garstigen Volten schlägt, aber sich wieder totläuft und verschwindet. Dann ist die ‚große Erweckung‘ gekommen, um zu bleiben. Sie wird zur neuen Norm. Das wiederum bedeutet nicht nur das Ende des Westens, wie wir ihn kennen, weil die Implikationen für Wirtschaft, Kultur, Justiz und Wissenschaft immens sind, es bedeutet auch das zügige Ende des Westens als eigener Zivilisation.
Schließlich gibt es in Europas Nachbarschaft genügend hungrige, junge Männer, die noch nicht auf transgenderaffin gewaltsam-gewaltfrei geeicht sind. Die träumen davon, in solch einer politisch-erweckten Barbie-Utopie endlich den rebellischen Ken geben zu dürfen.
