Von Peter Schewe
Die Deutschen arbeiten zu wenig und machen zu viel krank, so die Debatten der letzten Tage. Wobei zwischen krank ‚machen‘ und krank ‚sein‘ ja ein feiner und nicht nur sprachlicher Unterschied besteht. Es geht auch um die gesetzlich vorgeschriebene bzw. tariflich vereinbarte Arbeitszeit und die hohe Quote der Teilbeschäftigung.
Natürlich folgte sogleich der Ruf nach Abschaffung von Feier- und Reduzierung des Urlaubsanspruches, der telefonischen Krankschreibung sowie des Rechtsanspruchs auf Teilbeschäftigung. Auch die Rückkehr zur 40-Stundenwoche wird diskutiert. All das würde der Wirtschaft helfen. Aber ist die Arbeitszeit wirklich das Problem?
Entscheidend ist doch viel mehr, was in diesen Stunden geleistet wird, welcher Effekt dabei herauskommt.
Bei einem Fließbandarbeiter hängt die aufgewendete Zeit mit dem Ergebnis seiner Arbeit noch zusammen, aber wie sieht es bei einem Angestellten im öffentlichen Dienst oder in einem Institut aus, wie wird dort die Effizienz einer Leistung gemessen? Wie im gesamten Verwaltungsapparat des Bundes, der Länder, der Kommunen oder etwa im Beschaffungsamt der Bundeswehr mit seinen 15.000 Beschäftigten oder den 100.000 Beschäftigten in den Jobcentern, früher Arbeitsämter genannt.
Ebenfalls beklagt wird der hohe Anteil an Teilzeitbeschäftigung, was vor allem die Frauen betrifft. Gefordert wird mehr Vollzeitbeschäftigung bei gleichzeitigem Ausbau der öffentlich finanzierten und organisierten Ganztagsbetreuung in Schulen und Kindergärten.
Abgesehen davon, dass eine Teilzeitbeschäftigte oft das gleiche leistet, wie eine Vollzeitbeschäftigte, macht es volkswirtschaftlich doch wenig Sinn, Frauen in die Vollbeschäftigung zu zwingen und gleichzeitig Steuern dafür auszugeben, deren Kinder zu betreuen.
Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass eine teilzeitbeschäftigte Bauzeichnerin in fünf Stunden das Gleiche leistet, wie die drei Stunden länger anwesende Vollbeschäftigte. Die drei Stunden wurden mit Kaffeetrinken, Bürotratsch und ‚innerer Einkehr‘ verbraucht. Für eine Verkäuferin oder eine Fließbandarbeiterin sieht es natürlich anders aus, da zählt allein die Präsenz.
Was aber unsere Wirtschaft lähmt, ist nicht die Frage der Arbeitszeit, sondern der hohe Anteil an unproduktiver Beschäftigung in Ämtern, unzähligen Instituten, den NGO‘s und sonstigen Einrichtungen.
Laut Statistischem Bundesamt waren 2024 von 46 Mio Beschäftigten 11,2 Mio im produzierenden Gewerbe einschl. Landwirtschaft und Baugewerbe und 34,8 Mio im Dienstleistungsgewerbe tätig, davon allein 15,2 Mio, also ein Drittel aller Beschäftigten im öffentlichen Dienst.
Allein die Datenschutzverordnung führt zu einem sinnlosen Aufwand selbst in kleinen Unternehmen und Praxen. Jeder Arzt muss sich schriftlich von seinem Patienten die Einwilligung bestätigen lassen, dessen Daten speichern zu dürfen. Oder nehmen wir die unzähligen Studien, mit denen wir täglich zu allen möglichen Themen konfrontiert werden, eine jagt die nächste. Die Stadt Regensburg z.B. lässt, seitdem ich hier lebe, die gefühlt zehnte Studie zur Verkehrssituation in und um Regensburg erstellen, das neueste in Auftrag gegebenen Mobilitätskonzept kostet 350.000,- €. Dazu gibt es natürlich Fördergelder, der Stadt alleine fehle das Geld dazu. Erneut werden Daten erhoben die sich schneller ändern als ihre Auswertung dauert.
An der Verkehrssituation hier in Regensburg hat sich aber außer einer ins Nirwana führenden Osttangente nichts getan, zehntausende Pendler stehen täglich im Stau. Dafür werden tausende Seiten mit erhobenen Daten und bunten Diagrammen gefüllt, Pläne und Szenarien entworfen, ohne auch nur einen der Vorschläge in die Tat umzusetzen, außer einige Straßen zu Fahrradstraßen zu erklären und den Bahnhofsvorplatz für den PKW-Verkehr zu sperren.
Ein früherer, noch existierender Haltepunkt der Bahn soll seit nunmehr 15 Jahren reaktiviert werden, jetzt ist das Jahr 2032 dafür geplant. Obwohl alles noch vorhanden ist, Bahnsteige, Gleise, Gebäude sei ein Planfeststellungsbeschluss vonnöten und der braucht eben Zeit.
Eine dringend benötigte Brücke über den Regen sollte schon vor 10 Jahren errichtet werden, um eine Umfahrung des dringend sanierungsbedürftigen Tunnels der Autobahn A 93 zu ermöglichen. Durch eine vom Gericht als nicht ausreichend befundene Umweltverträglich-keitsprüfung wurde der Planfeststellungsbeschluss aufgehoben. Nach nunmehr weiteren 10 Jahren liegt dieser vor, jetzt formiert sich Widerstand, ein Bürgerentscheid wird angestrebt. Die Brücke muss weiter warten.
So werden täglich Tonnen von geduldigem Papier mit wohlbedachten und klugen Darlegungen, Bewertungen und Empfehlungen gefüllt, nur umgesetzt wird nichts oder nur wenig
Alle Gemeinden haben inzwischen einen gut bezahlten Energiemanager, der den Ausbau erneuerbarer Energien befördern soll. Außer gelegentlich in der Presse veröffentlichte Appelle an die Hausbesitzer, ihre Dächer mit Fotovoltaik zu bepflastern und der Erfassung, wer wie heizt, ist kein Ergebnis zu vermelden.
Der Landkreis Regensburg gründete schon vor Jahren gemeinsam mit einigen Kommunen eine Tochtergesellschaft (KERL- GmbH), die den Ausbau der Erneuerbaren voranbringen soll. Außer der Anstellung von 3 gut bezahlten Geschäftsführern samt Dienstwagen und der Anschaffung von einigen Elektroautos und Lastenrädern, die man mieten kann, ist nichts passiert. Einige Gemeinden prüfen jetzt, ob sie ihre finanzielle Beteiligung beenden.
15,2 Mio Menschen sind derzeit im öffentlichen Dienst beschäftig, 96 000 mehr als noch im Vorjahr. Das sind 33% aller Erwerbstätigen in Deutschland und die sind alle mehr oder weniger voll beschäftig mit ihren Aufgaben. Nur über deren Auslastung und Effizienz wird leider keine Statistik geführt. Das wäre doch noch eine Aufgabe für eine neue Stabsstelle mit weiteren Beschäftigten. Hier fällt mir der alte DDR-Witz von den Arbeitslosen hinter dem Werktor wieder ein, in dessen Abwandlung man heute sagen könnte, die Arbeitslosen stehen nicht vor, sondern sitzen hinter den Schaltern der Jobcenter.
Nein wir arbeiten nicht zu wenig, eher zu viel. Nur was dabei herauskommt, danach fragt niemand mehr. Solange ein garantiert kündigungssicherer, gut bezahlter Job im klimatisierten Büro winkt, solange werden sich nur noch Idealisten oder Dumme für einen Beruf entscheiden, der körperlich anstrengend, schweißtreibend und schlechter bezahlt ist, der aber echten Mehrwert schafft.
Alle reden von Bürokratieabbau, während der Verwaltungsapparat unaufhaltsam wächst. Dagegen scheint kein Kraut gewachsen zu sein und eine Kettensäge wagt niemand in die Hand zu nehmen. Auch die neue Regierung nicht, trotz vollmundiger Ankündigungen. Im Gegenteil, ein zusätzliches Ministerium und eine neue Stabsstelle mit weiteren 500 Planstellen, die den Geldtransfer ab 10.000 € bundesweit überwachen soll, wurden geschaffen. Der mit dem Bürokratieabbau beauftragte Staatssekretär Phillip Amthor erhält dafür erstmal 200 neue Planstellen.
Bürokratieabbau sieht anders aus.
Regenstauf, den 26.01.2026
