Der Iran-Krieg hat einen der schwersten Energieschocks seit Jahrzehnten ausgelöst. Die fünfteilige Serie des Autors Shoumjit Banerjee beleuchtet entscheidende historische Momente, in denen Turbulenzen der Energiewelt den Verlauf der Geopolitik beeinflusst haben. Banerjee ist ein geschichtlich und kulturhistorisch außergewöhnlich versierter indischer Journalist, dessen Texte in „The Perfect Voice“ (Mumbai) erscheinen. Wir danken ihm für die freundliche Genehmigung zur Übersetzung und zum Abdruck.
Ölfässer und Macht – Teil 5
Bevor er den Iran angriff, schockte Donald Trump die Welt. Amerikanische Streitkräfte griffen Caracas an, nahmen den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro gefangen und schmuggelten ihn außer Landes. Innerhalb weniger Stunden ging Trump noch weiter, als er verkündete, er werde Venezuela führen, amerikanische Ölkonzerne würden beim Wiederaufbau der zerschlagenen Erdölindustrie des Landes helfen – und davon profitieren.
Trumps dreiste Erklärung war aufschlussreich. Venezuela, Heimat der weltweit größten nachgewiesenen Ölreserven, war nun nicht mehr nur ein gescheiterter Ölstaat, sondern ein „Vermögenswert“ unter amerikanischer Verwaltung. Die Macht ging an Delcy Rodríguez über, deren Autorität seither auf dem empfindlichen Gleichgewicht innerstaatlicher Kontrolle und amerikanischer Unterstützung fußt.
Der Zeitpunkt war kaum zufällig. Da der täglich eskalierende Konflikt mit dem Iran die Versorgungswege durch die Straße von Hormus bedroht, haben Venezuelas brachliegende Reserven neuen strategischen Wert. Doch es ist nicht das erste Mal, dass Venezuela als geopolitisches Faustpfand dient.
Juan Vicente Gómez
Nach dem Ersten Weltkrieg war Öl nicht mehr nur ein Rohstoff, sondern wurde zu einem Machtinstrument. Als die Nachfrage stieg, breiteten sich Ängste vor einer Verknappung aus, und der strategische Wert des Erdöls (wie auf den Schlachtfeldern Europas demonstriert) ordnete die Prioritäten in Vorstandsetagen und Kanzleien gleichermaßen neu.
Ganz oben auf der Prioritätenliste stand Venezuela. Attraktiv wurde es durch seine Politik. Während Mexiko, erschüttert von der Revolution, für ausländisches Kapital unwirtlich geworden war, bot Venezuela im Gegensatz dazu „Stabilität“ – wenn auch von eher brutaler Art. Diese war das Werk von Juan Vicente Gómez, der von 1908 bis 1935 regierte. Gómez, ein durch und durch unaufgeklärter Despot, regierte Venezuela wie sein Lehen. Analphabet, aber gerissen, zentralisierte er die Macht, unterwarf Rivalen rücksichtslos und ersetzte sie durch ein persönliches Netzwerk von Speichelleckern.
Während er für ausländische Beobachter ein Tyrann im dürftig demokratisch verschleierten Gewand war, galt er bei den Ölbaronen als zuverlässig. Für Gómez bildete Öl sowohl das Vermögen als auch das Fundament Venezuelas. Es bereicherte ihn persönlich und finanzierte zugleich den Staatsapparat. Immerhin hinterließ er 1935 neben einem ausgebauten Straßennetz den einzigen ausgeglichenen Staatshaushalt Lateinamerikas und eine stabile Währung.
Bis 1913 hatte Royal Dutch Shell Erkundungen rund um den Maracaibo-See durchgeführt. Nach dem Ersten Weltkrieg folgte Standard Oil of New Jersey. Obwohl die Bedingungen in dem unerforschten Gebiet entsetzlich waren – Überschwemmungen und Moskitos waren an der Tagesordnung – erwies sich die Ausbeute als unwiderstehlich.
Der Durchbruch gelang 1922 mit der Quelle Barroso Nr. 2 in der Nähe von Cabimas, aus der täglich Zehntausende Barrel Öl sprudelten. Das signalisierte der Welt, dass Venezuela in die erste Reihe der Ölproduzenten aufgestiegen war. Bis Ende der 1920er Jahre war das Land global der zweitgrößte Exporteur.
Das Ringen um Venezuela markierte das Entstehen einer neuen Ordnung, in der Öl, Kapital und Staatsmacht miteinander verschmolzen waren. Gómez’ Tod im Jahr 1935 hinterließ ein Land, das in seiner Entwicklung zwar rückständig, aber reich war. Ende der 1930er Jahre machte das Öl über 90 Prozent der Exporte aus. Doch ein Großteil des Reichtums floss ins Ausland ab, während der Staat nur zuschaute.
Ölsouveränität und Juan Pablo Pérez Alfonzo
Mit einer neuen politischen Generation begann sich das allerdings zu ändern. Der Diplomat und Politiker Juan Pablo Pérez Alfonzo definierte das Verhältnis zwischen Staat und Öl neu.
Der Zweite Weltkrieg verstärkte Venezuelas Bedeutung für die Vereinigten Staaten und schuf den Raum für Reformen. Das Ergebnis war das Erdölgesetz von 1943, das das „Halbe-Halbe“-Prinzip einführte. Nun strich der Staat die Hälfte der Gewinne ein. Das war revolutionär. Zum ersten Mal behauptete ein Förderland die Gleichberechtigung mit den Unternehmen, die seine Ressourcen ausbeuteten.
Rómulo Betancourt vertiefte dieses Prinzip, da Venezuela nun nicht nur das Öl besteuerte, sondern selbst in den Markt eintrat und Rohöl direkt verkaufte. Pérez Alfonzo jedoch, der der Volatilität der Ölmärkte zutiefst misstraute, sah Erdöl sowohl als Segen als auch als Fluch an. Er bezeichnete es als „Teufelskot“.
Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit der Übermacht der westlichen Großkonzerne und seiner Exilstudien der Texas Railroad Commission gründete er 1960 mit dem Saudis Abdullah Tariki die OPEC. Venezuelas Schlüsselrolle war dabei entscheidend, und es sollte nicht vergessen werden, dass eine lateinamerikanische Demokratie maßgeblich das Kartell gestaltete, das später zum Synonym für die Macht des Nahen Ostens wurde.
Leistete Venezuela Pionierarbeit bei der Ölsouveränität, so tat es dies zunächst mit Vorsicht. Betancourt war sich der Risiken bewusst. Das Öl bildete das Fundament der Wirtschaft. Eine Verstaatlichung, warnte er, wäre leichtsinnig. Stattdessen verschärfte der Staat die Kontrolle über das Konzessionsmodell, ohne es zu demontieren. Das geschah Anfang der 1970er Jahre jedoch trotzdem, und die alten Strukturen begannen zu erodieren. 1971 stellte ein Gesetz zur Rückübertragung sicher, dass die Ölvermögenswerte an den Staat zurückfielen. In der Folge stockten die Investitionen.
Der letzte Schritt erfolgte unter Carlos Andrés Pérez. Im Januar 1976 verstaatlichte Venezuela seine Ölindustrie offiziell und gründete die Petróleos de Venezuela S.A. (PDVSA). Dies war der Höhepunkt der venezolanischen „Petro-Power“. Die Verstaatlichung zeichnete sich jedoch durch Pragmatismus aus. Im Gegensatz zu abrupten Beschlagnahmungen anderswo blieb das Humankapital erhalten. Bis 1976 waren bereits rund 95 Prozent der Belegschaft der Branche, einschließlich der Führungskräfte, Venezolaner. Die PDVSA war als Holding strukturiert, die ein Netzwerk von operativen Tochtergesellschaften beaufsichtigte, und funktionierte eine Zeit lang mit technokratischer Disziplin und unternehmerischer Autonomie. Auf ihrem Höhepunkt produzierte die PDVSA über drei Millionen Barrel pro Tag und expandierte weltweit, wobei sie Raffinerieanlagen im Ausland erwarb, darunter das CITGO-Netzwerk in den Vereinigten Staaten mit Sitz in Houston, Texas, das landesweit mehrere große Raffinerien und über 6.000 Tankstellen betreibt. (Das Unternehmen wurde 2019 von der US-Regierung im Rahmen der Wirtschaftssanktionen gegen Venezuela beschlagnahmt und 2025 für 5,9 Milliarden Dollar an eine Tochtergesellschaft des Hedgefonds Elliott Investment Management verkauft.)
So wie das Öl Venezuela groß gemacht hatte, brachte es das Land auch zu Fall. Pérez’ erste Präsidentschaft fiel mit den unerwarteten Gewinnen der Ölkrise von 1973 zusammen, durch die Venezuela als einer der Hauptnutznießer seine Einnahmen vervierfachen konnte. Damit wuchs auch Pérez’ Ehrgeiz.
„Wir werden die Welt verändern“, erklärte er.
Zu dem Zeitpunkt schien das plausibel, da die Mittelschicht wuchs und der Staat massiv investierte. Venezuela schien auf dem Weg in die Moderne. Doch der Boom verdeckte den strukturellen Mangel: Der Staat weitete seine Verpflichtungen immer mehr aus, blieb aber von Öleinnahmen abhängig. Als die Preise in den 1980er Jahren fielen, brach das System unter seinem eigenen Gewicht zusammen.
Petro-Staat in der Krise und Hugo Chávez
Ende der 1980er Jahre war Venezuela zum archetypischen krisengeplagten Ölstaat geworden – die Einnahmen schrumpften, während seine Verbindlichkeiten anschwollen. Immer mehr Einnahmen flossen in die Tilgung internationaler Schulden, während die soziale und ökonomische Zerrüttung eskalierte. Staatliche Kontrollen nahmen überhand, da Preise für fast alles festgesetzt wurden, von Grundnahrungsmitteln über Kaffee bis hin zu Beerdigungen. Die starre, überregulierte Wirtschaft war unfähig, sich anzupassen. Eine schnell wachsende Bevölkerung verschärfte die Belastung.
Als Pérez 1989 mit einem Reformprogramm zurückkehrte, war die Gegenreaktion heftig. Die Caracazo-Unruhen, bei denen Hunderte von Demonstranten ums Leben kamen, legten die Fragilität des Ölstaates offen. In diese Krise trat Hugo Chávez. Sein Aufstieg war ebenso dramatisch wie unwahrscheinlich. Im Februar 1992 hatte er als junger Oberstleutnant einen gescheiterten Putsch gegen Pérez angeführt. Obwohl der Coup scheiterte, machte ihn seine ruhige und trotzige Fernsehansprache über Nacht zu einer nationalen Persönlichkeit. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Jahr 1994 erfand er sich neu als politischer Rebell, wetterte gegen Korruption und Ungleichheit, nutzte die öffentliche Wut und brachte die PDVSA fest unter staatliche Kontrolle.
Chávez’ Weltanschauung war tief geprägt von seinem Bündnis mit Fidel Castro, den er als Mentor und ideologischen Wegweiser betrachtete. Venezuela wurde zu Kubas Bankier und lieferte stark subventioniertes Öl im Austausch gegen Ärzte, nachrichtendienstliche Unterstützung und politische Beratung. Durch Initiativen wie Petrocaribe dehnte Chávez das Modell auf die gesamte Karibik aus und machte Öl zu einem Instrument regionalen Einflusses und antiamerikanischer Solidarität.
Im Inland hob Chávez die Autonomie der PDVSA auf. Ihre Einnahmen wurden direkt zur Zentralregierung umgeleitet, um Sozialprogramme und politische Projekte zu finanzieren, auf Kosten von Investitionen und langfristigen Kapazitäten. Ein verheerender Streik in den Jahren 2002–03 führte zu Massenentlassungen von Fachkräften und höhlte das technische Know-how des Unternehmens aus.
Als Maduro die Macht übernahm, hatten Misswirtschaft, Korruption und Sanktionen bereits die Produktion zusammenbrechen lassen. Venezuela, einst ein Titan der Ölindustrie, war ein hoffnungsloser Fall.
In den 1990er Jahren hatte sich PDVSA-Chef Luis Giusti unter dem Motto „Apertura“ für eine pragmatische Öffnung für ausländische Investitionen eingesetzt, was die Produktion zeitweise um fast 40 Prozent steigerte. Nun jedoch verkümmerten der Schwerölgürtel des Orinoco und die Zukunft Venezuelas ohne Kapital und Technologie. Bis Ende der 2010er Jahre war die Fördermenge auf unter eine Million Barrel pro Tag gesunken, während die Hyperinflation die Wirtschaft verwüstete. Millionen Menschen flohen aus dem Land, was zu einer der größten Migrationskrisen im modernen Amerika führte.
Dennoch sitzt Venezuela immer noch auf mehr als 300 Milliarden Barrel unerschlossener Reserven; unter dem Orinoco-Gürtel schlummern die weltweit größten Mengen an extra-schwerem Rohöl. So angeschlagen Venezuela als Ölstaat auch sein mag, in Zeiten knapper werdender Vorräte und des sich verschärfenden Machtringens zwischen China und den USA ist das ein viel zu wichtiger Faktor, als dass irgendeine Macht es sich leisten könnte, ihn zu ignorieren.
(Anders gesagt: Maduros wachsende politische und wirtschaftliche Abhängigkeit von China und seine immer engere ideologische Bindung an Iran und dessen „Proxys“ zwangen die USA zum Eingreifen.)
