Bagdad, 1960: Die „Sieben Schwestern“, Ölrebellen und der Sturz einer Oligarchie

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Der Iran-Krieg hat einen der schwersten Energieschocks seit Jahrzehnten ausgelöst. Die fünfteilige Serie des Autors Shoumjit Banerjee beleuchtet entscheidende historische Momente, in denen Turbulenzen der Energiewelt den Verlauf der Geopolitik beeinflusst haben. Banerjee ist ein geschichtlich und kulturhistorisch außergewöhnlich versierter indischer Journalist, dessen Texte in ‚The Perfect Voice‘ (Mumbai) erscheinen. Wir danken ihm für die freundliche Genehmigung zur Übersetzung und zum Abdruck.
Ölfässer und Macht – Teil 3

Enrico Mattei

Jahrzehntelang beherrschte ein bemerkenswert kleiner Kreis den weltweit wichtigsten Rohstoff. Öl floss aus den Wüsten des Nahen Ostens und den Ebenen Lateinamerikas, doch die Regeln des Handels schrieben andere anderswo – in den Vorstandsetagen von London, New York und Den Haag.
Die sogenannten „Sieben Schwestern“ dominierten die Branche. Dazu zählten Standard Oil of New Jersey, Royal Dutch Shell, die Anglo-Iranian Oil Company, Standard Oil of California und Gulf Oil. Diese Unternehmen kontrollierten Exploration, Förderung, Raffination und Transport in riesigen Konzessionsgebieten, die sich vom Persischen Golf bis nach Venezuela erstreckten.

Abdullah al-Tariki

Diese Konstellation hatte sich nach dem ersten Ölboom im Nahen Osten in den 1930er Jahren allmählich herausgebildet und erwies sich durch Krieg und Wiederaufbau als bemerkenswert stabil. In den 1950er Jahren war billiges Öl der Treibstoff des globalen Wachstums. Westeuropa baute seine Wirtschaft darauf auf. Amerika versorgte seine Autobahnen und Vororte damit. Japans industrielles Nachkriegswunder hing davon ab.
Doch diese Struktur ruhte auf fragilem politischem Boden. Das Öl gehörte souveränen Staaten, von denen viele erst kürzlich unabhängig geworden waren, zunehmend nationalistisch waren und oft unter Einnahmenmangel litten.

Der Mailänder Disruptor

Die ersten Risse in der Nachkriegsölordnung kamen nicht aus dem Nahen Osten, sondern aus einer unerwarteten Richtung: Italien.
Enrico Mattei, der rastlose und kämpferische Chef des italienischen staatlichen Energiekonzerns ENI, verabscheute die „Erdölaristokratie“. Mattei sollte sich als erster ernsthafter Störenfried der von den „Sieben Schwestern“ auferlegten Ordnung erweisen.

Als ehemaliger Partisan aus Kriegszeiten, der innerhalb des christdemokratischen Establishments Italiens aufstieg, war Mattei ursprünglich 1945 damit beauftragt worden, den bescheidenen staatlichen Ölkonzern des Landes, AGIP, aufzulösen. Stattdessen baute er ihn wieder auf und gliederte ihn 1953 in einen neuen staatlichen Petrokonzern ein – die Ente Nazionale Idrocarburi oder ENI.

Das energieknappe Italien industrialisierte sich rasch. Mattei wollte billiges Öl und Unabhängigkeit vom Oligopol der „Sieben Schwestern“, die weltweit Konzessionen und Preisgestaltung beherrschten. Darum brach er mit deren Regeln und bot den Förderländern Bedingungen an, die für die damalige Zeit revolutionär waren: Mitunter flossen 75 Prozent der Gewinne ans Gastland, wobei die ENI die Explorationsrisiken trug, zudem eine gemeinsame Produktionsverwaltung statt der im Nahen Osten üblichen 50:50-Gewinnbeteiligungsformel.

Für Regierungen, die der in ausländischen Hauptstädten ausgearbeiteten Konzessionsverträge überdrüssig waren, war das elektrisierend. Mattei reiste zügig durch die Ölprovinzen der aufstrebenden postkolonialen Welt und bot Ägypten, dem Iran, Tunesien und Marokko Partnerschaften anstelle von Konzessionen an.

Sein Ansatz passte perfekt zur politischen Stimmung der Zeit. Führende Politiker wie der nationalistische Präsident Ägyptens, Gamal Abdel Nasser, waren bestrebt, nach der Demütigung durch die Kolonialherrschaft wirtschaftliche Souveränität zu erlangen.

Mattei verstand diesen Impuls gut und präsentierte ENI nicht als ein weiteres westliches Ölunternehmen, sondern als Verbündeten neu unabhängiger Staaten. Doch seine Ambitionen reichten weiter. 1959 schloss er einen umstrittenen Deal über den Import von sowjetischem Rohöl nach Italien – ein gewagter Schritt auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, der Washington und die NATO-Strategen alarmierte.

Er wagte sich auch in die turbulente Politik Nordafrikas vor. Während des Algerienkrieges finanzierte er insgeheim den nationalen Widerstand, der gegen die französische Herrschaft kämpfte, mit dem Kalkül, ein unabhängiges Algerien werde ENI eines Tages privilegierten Zugang zu seinen Ölressourcen gewähren.

Für die „Sieben Schwestern“ wirkte dieses Verhalten gefährlich subversiv. Das sorgfältig geführte Kartell, das seit den 1930er Jahren die Ölmärkte beherrschte, fußte unter anderem darauf, dass die Unternehmen die Territorien der anderen respektierten. Mattei tat das Gegenteil, indem er Regierungen bessere Konditionen anbot und die Logik des Konzessionssystems untergrub.

Anfang der 1960er Jahre hatte er sich in verschiedenen Hauptstädten Feinde gemacht. Amerikanische Politiker betrachteten ihn als Störfaktor für die westliche Ölordnung; französische Beamte waren wütend über seine Kontakte zu algerischen Nationalisten; und konkurrierende Ölmanager sahen sein Preismodell als direkte Bedrohung für ihre Gewinne an.
Mattei selbst genoss die Rolle des Rebellen. Er verglich Italien gern mit einer kleinen Katze, die versucht, aus einem Topf zu fressen, der von großen Hunden (d. h. den globalen Ölkonzernen) bewacht wird. Das war erheblich geschönt, weil Mattei durchaus auch bereit war zu bestechen und zu korrumpieren und nicht überall die gleichen großzügigen Maßstäbe anlegte, aber die Konfrontation endete abrupt am 27. Oktober 1962, als Matteis Flugzeug bei einem Nachtflug von Sizilien nach Mailand in der Nähe des Dorfes Bascapè in Norditalien abstürzte. Außer Mattei kamen sein Pilot Irnerio Bertuzzi sowie der Time-Journalist William McHale ums Leben.

Der Absturz wurde offiziell als Unfall behandelt, obwohl sofort gemutmaßt wurde, Mattei sei einem Anschlag zum Opfer gefallen. Dafür kam eine ganze Reihe möglicher Täter und Drahtzieher in Frage. Neugierige Journalisten verschwanden spurlos, und über die Jahre gab es zahlreiche durchaus schlüssige Theorien zu Hintergrund und Verlauf des möglichen Mordes.
Was auch immer die Wahrheit sein mag: Als Mattei starb, war der Schaden für die alte Ölordnung bereits angerichtet. Indem er den Förderländern bessere Konditionen anbot, bewies er, dass die „Sieben Schwestern“ herausgefordert und umgangen werden konnten. Er ermutigte Regierungen, die Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, und ebnete so den Weg Richtung OPEC.

Die Suez-Krise

Forderte Mattei die alte Ölordnung wirtschaftspolitisch heraus, kam die geopolitische Herausforderung in Form der Suez-Krise von 1956.
Im Juli jenes Jahres schockierte Nasser die westlichen Hauptstädte mit der Verstaatlichung der Suezkanal-Gesellschaft, einer Wasserstraße, durch die damals etwa zwei Drittel der europäischen Öllieferungen flossen. Dieser Schritt provozierte im Oktober–November 1956 die unausgegorene militärische Intervention durch Großbritannien, Frankreich und Israel.
Während die israelischen Streitkräfte die Oberhand über die ägyptische Armee gewannen und die britischen und französischen Streitkräfte Luftangriffe auf Ägypten flogen, die zu mehreren zivilen Opfern führten, scheiterte die Invasion letztlich innerhalb weniger Wochen unter dem intensiven diplomatischen Druck sowohl der Vereinigten Staaten als auch der Sowjetunion. Für Großbritannien und Frankreich markierte dies das Ende ihres imperialen Einflusses im Nahen Osten. Für den arabischen Nationalismus war es ein Triumph. Und für die Ölindustrie war es die Offenbarung, wie geopolitische Schocks strategische Lebensadern über

Nacht lahmlegen können.

Da der Kanal vorübergehend blockiert und Pipelines durch Syrien sabotiert waren, mussten Tanker, die Rohöl aus dem Persischen Golf transportierten, die lange Route um das Kap der Guten Hoffnung nehmen, was die Reise nach Europa um Tausende Meilen verlängerte. Energiesicherheit, ein Begriff, der vor der Krise kaum üblich war, hielt plötzlich Einzug in das Vokabular westlicher Politiker.
Zugleich begriffen die Regierungen von Bagdad bis Riad: Konnte die Kontrolle über einen Kanal das Kräfteverhältnis derart verschieben, konnte die Kontrolle über das Öl noch weitaus folgenreicher sein.

Diplomatie der Produzenten

Dieser Denkansatz war die nachhaltigste Folge der Krise unter den Ölstrategen der produzierenden Welt. Im Mittelpunkt stand dabei Juan Pablo Pérez Alfonzo. Venezuelas strenger und analytischer Minister für Bergbau und Petrowirtschaft hatte seine Jahre im US-Exil damit verbracht, die Regulierungsrahmen der Texas Railroad Commission zu studieren, die den Ölpreis in den USA durch Förderquoten stabilisierte. Für Pérez Alfonzo standen die Exportländer vor einem ähnlichen Dilemma: Ein unkoordiniertes Überangebot trieb die Preise nach unten und die

Produzenten in die Armut.

In Abdullah Tariki, Saudi-Arabiens erstem formal ausgebildeten Erdölgeologen, fand Pérez Alfonzo auf der anderen Seite des Atlantiks einen Gleichgesinnten. Tariki war ein zunehmend lautstarker Kritiker der multinationalen Ölkonzerne, die im Königreich Konzessionen hatten, wie Standard Oil of California und Texaco.

Tariki hatte an der University of Texas und in Princeton Geologie und Chemie studiert. Er vertrat die Ansicht, dass die Förderländer des Nahen Ostens zu viel Autorität an ausländische Firmen abgetreten hätten. Öl, so argumentierte er, sei nicht einfach nur eine Handelsware, sondern die wirtschaftliche Grundlage nationaler Souveränität.

Pérez Alfonzo und Tariki trafen sich Ende der 1950er Jahre wiederholt auf internationalen Erdölkonferenzen und entwarfen nach und nach die Grundzüge einer ständigen Organisation der Exportländer, die deren Förderpolitik koordinieren sollte, um die Preise zu verteidigen.
Zunächst schien der Vorschlag ehrgeizig, da die Ölexporteure über verschiedene Kontinente verstreut waren, sich in ihren politischen Systemen stark unterschieden und miteinander um Marktanteile konkurrierten. Doch schon bald sollten die Ereignisse ihnen einen gemeinsamen Grund zur Klage liefern.

Die japanische Herausforderung

Weiterer subtiler Druck auf die etablierte Ölordnung kam aus Asien. Ende der 1950er Jahre verwandelte Japans erstaunlicher industrieller Nachkriegsaufschwung das Land in einen der am raschesten wachsenden Ölverbraucher der Welt. Japanische Handelshäuser und Energieunternehmen waren darauf bedacht, sich unabhängig von westlichen Großkonzernen Lieferungen zu sichern. Sie begannen, direkte Geschäfte mit den Förderländern einzufädeln.

Eines der bedeutendsten Vorhaben betraf das japanische Konsortium Arabian Oil Company, das 1957 Explorationsrechte in der neutralen Zone zwischen Saudi-Arabien und Kuwait erlangte – eine Vereinbarung, die die traditionellen Konzessionsinhaber umging und signalisierte, dass die „Seven Sisters“ den Zugang zu Rohöl aus dem Nahen Osten nicht mehr monopolisierten. Für die exportierenden Regierungen waren die Auswirkungen offensichtlich: Es tauchten alternative Partner auf, der Wettbewerb unter den Käufern nahm zu. Langsam lockerte sich die Struktur des Ölmarkts. Das alte Kartell fing an, durchlässiger zu wirken. Der entscheidende Auslöser kam 1960.

In den späten 1950er Jahren wuchs das weltweite Ölangebot rasch. Neue Funde in Libyen und Algerien, steigende Fördermengen in der Sowjetunion und eine erhöhte Produktion im Nahen Osten drückten die Preise. Die multinationalen Ölkonzerne reagierten wie schon so oft zuvor: Sie passten die Notierungspreise an, die Referenzgröße, nach der die staatlichen Lizenzen berechnet wurden. Im August 1960 kündigte Standard Oil of New Jersey die Senkung der Notierungen für Rohöl aus dem Nahen Osten an; kurz darauf folgten ähnliche Anpassungen durch andere große Konzerne, darunter Royal Dutch Shell und British Petroleum.

Für die Unternehmen war das nur eine technische Korrektur, um die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber sowjetischen Exporten aufrechtzuerhalten. Für die Förderländer jedoch war es ein Affront. Da ihre staatlichen Einnahmen direkt an die notierten Preise gekoppelt waren, führte die Senkung unmittelbar zu geringeren Staatseinnahmen. Noch ärgerlicher war die einseitige Art und Weise, die ohne jede Rücksprache mit den betroffenen Regierungen stattfand, deren Finanzen von den Preisen abhingen.

Für Pérez Alfonzo und Tariki bestätigte dieser Vorfall die lang gehegte Befürchtung, dass die multinationalen Unternehmen weiterhin die Bedingungen diktierten, solange die Ölexporteure einzeln handelten. Eine kollektive Reaktion war nun unvermeidlich.
Bagdad ruft

Die Bühne für diese Reaktion entstand aus den sich wandelnden politischen Verhältnissen im Nahen Osten. Ein gewaltsamer Staatsstreich stürzte 1958 die Monarchie im Irak. So kam die nationalistische Regierung von Abdul Karim Qasim an die Macht. Um die Unabhängigkeit des Irak vom westlichen Einfluss zu bekräftigen und sein Ansehen in der arabischen Welt zu stärken, bot Qasims Regierung an, eine Konferenz der ölexportierenden Nationen in Bagdad auszurichten.

Im September 1960 trafen Delegationen aus Saudi-Arabien, dem Iran, Kuwait und Venezuela ein. Sie wollten einen Mechanismus schaffen, der es Ölexporteuren ermöglichte, ihre Politik zu koordinieren und geschlossen auf die Preisänderungen zu reagieren, die ihnen die großen Ölkonzerne auferlegten. Die fünf Länder gründeten in einem epochalen Schritt offiziell die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC).

Zunächst weckte die Entscheidung außerhalb der Branche fast verächtliche Reaktionen. Frühe interne Einschätzungen der Central Intelligence Agency kamen zu dem Schluss, die Organisation werde Schwierigkeiten haben, die konkurrierenden Interessen ihrer Mitglieder zu überwinden. Es sei unwahrscheinlich, dass sie eine ernsthafte Herausforderung für die etablierten Ölkonzerne darstellen würde. Die Geschichte sollte das Gegenteil beweisen.

Zwar führte die Gründung der OPEC nicht sofort zu einer Umwälzung der Ölordnung, weil die „Sieben Schwestern“ mächtig blieben und den Großteil der Produktionsinfrastruktur und Tankerflotten kontrollierten, doch war der psychologische Wandel tiefgreifend. Zum ersten Mal schufen die Staaten, denen das Öl selbst gehörte, eine dauerhafte Institution, über die sie ihre Strategie koordinieren konnten. Im Verlauf des nächsten Jahrzehnts traten weitere Exporteure wie Katar, Libyen und die Vereinigten Arabischen Emirate der Organisation bei. Das stärkte deren Einfluss. Anfang der 1970er Jahre hatte sich das Kräfteverhältnis entscheidend zugunsten der Förderländer verschoben, was in dem dramatischen Preisanstieg der Ölkrise von 1973 gipfelte.

Mehr als sechs Jahrzehnte später ist das weltweite Energiesystem weitaus komplexer. Die USA sind durch die Schieferölförderung zu einem bedeutenden Produzenten geworden, und Russland spielt eine überragende Rolle bei der globalen Versorgung. Doch die Panik um die Straße von Hormus zeigt, dass die strategische Geografie, die aus dem Treffen in Bagdad erwuchs, weitgehend intakt geblieben ist. So zeigt sich, dass Ölpolitik ein langes Gedächtnis hat.



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