Gastautor
Von Lothar W. Pawliczak
Linke, Grüne, Woke meinen, Rechte würden gegen sie einen Kulturkampf betreiben. Gleichzeitig bestreiten sie, daß es das, was da bekämpft wird, überhaupt gibt, obwohl sie doch in den USA Wokeness selbst erfunden haben und … – nein, nein, sie hätten niemals irgendwen, der irgendwo eine Rede halten wollte oder wer als Weißer ein Gedicht einer Afroamerikanerin übersetzen wollte gecancelt, niemals Faschingsfeiern verhindert, wo Kinder als Indianer kommen wollten, niemals das Umschreiben von Büchern gefordert. Und nie hat jemand jemandem vorgeworfen, auf einer Veranstaltung gewesen zu sein, auf der ein Vertreter böser Leute gewesen sei. Man kann die Leugnung dessen, was sie tun, wohl nur als zynische Selbstironie auffassen. Ihre Gegner halten ihnen entgegen: „Dieselben Parteien, die die Gesellschaft mit einer umfassenden Indoktrinierung vergiftet haben, wollen den Kulturkampf jetzt abblasen – weil sie spüren, dass sie ihn verlieren werden.“ (Ulf Poschardt)
Aber ist es wirklich Kulturkampf? Hier streiten Rechte und Linke. Konservative und Liberale einerseits gegen selbsternannte Progressive desselben Kulturkreises. Beiden Seiten stehen dieselben Mittel der Auseinandersetzung zur Verfügung. Einige Mittel, vor allem Mord, sind dabei nach christlichem Verständnis – anders im Islam – verboten. Auch Beleidigung, Drohung, Mobbing, Gewaltanwendung wird bei uns bestraft, allerdings gilt nicht mehr gleiches Recht für jeden.
Wer wissen will, was das Wort Kulturkampf eigentlich meint, lese bei Rudolf Virchow nach (Rede im Preußischen Abgeordnetenhaus am 17. Januar 1873) oder bei Samuel P. Huntington (The Clash of Civilizations, 1996).
Wurde für das, was heute umkämpft ist, wirklich und wie lange gekämpft? Und wer, wenn es ein Kampf gewesen sei, kämpfte dagegen?
Ja, das Civil Rights Movement hat für Gleichberechtigung aller Amerikaner gekämpft und mit dem Civil Rights Act von 1964 durchgesetzt. Ja, die 68er sind gegen den Vietnamkrieg aufgestanden und gegen den „Muff von tausend Jahren unter den Talaren“ machte man sich einen Spaß. Aber schon damals war es mit dem linken Humor nicht weither und einen fairen Diskurs zu führen, war damals wie heute der Linken Sache nicht. Man lief dann doch lieber mit Ho-Ho-Ho-Chi-Min-Rufen durch die Straßen und randalierte in Hörsälen. In Deutschland haben die 68er schließlich den Marsch durch die Institutionen angekündigt und realisiert. In den USA kam der linke Erfolg juristisch daher. Wie das geschah, hat Harry Lehmann in seinem Buch Ideologiemaschinen. Warum Cancel Culture funktioniert Seite 70-85 (Heidelberg 2024) zusammenfassend, gestützt auf die Analyse von Richard Hanania (The Origins of Woke, 2023), dargelegt: Die gesetzlichen Vorgaben waren unscharf formuliert und schufen „große Interpretationsspielräume – und damit auch ein Geschäftsfeld – für jene berühmt-berüchtigten amerikanischen Anwaltskanzleien, die sich jeder noch so absurden Klage annehmen, um daraus Profit zu schlagen.“ (Lehmann S. 73)
In Deutschland haben sich die 68er, die Boomer-Generation des Wirtschaftswunders, und deren Kinder, auf natürliche Weise in Politik, Staatsanwaltschaft, Gerichten, Journalismus, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst ausgebreitet und 1989/90 boomte es bei ihnen nochmal und sie belegten alle Führungspositionen in Ostdeutschland und beherrschen die bis heute. In Westdeutschland rückten dann die beiden Boomer-Generationen auf die frei gewordenen Stellen nach. Internet und Digitalisierung kamen als Werkzeuge hinzu, um Cancel Culture überall, auch in den wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen, in Vereinen und bis ins Private durchzusetzen. Heutzutage lässt sich „jeder gesprochene Satz, jede Geste, jedes Lachen, jedes Symbol und jede Interaktion mit einem Smartphone speichern und über die sozialen Medien verbreiten. Politische Aktivisten gewinnen damit unendlich viele Empörungsanlässe und Interventionsmöglichkeiten“ (Lehmann S. 35). Es gab kaum Widerstand gegen den geistigen Wandel, der sich damit vollzog. Freilich, man mag sich an harschen Reden etwa von Franz Joseph Strauß gegen Linke und Grüne delektieren, aber Reden hilft nicht gegen den Generationswandel. Und wenn dann noch eine 68erin des Geistes – sie gehört zu dieser Alterskohorte, obwohl man im Osten nicht von Boomern sprechen kann, wenn man „Boomer“ soziologisch und nicht rein biologisch versteht – Bundeskanzlerin wird …
Der neue Zeitgeist, den die 68er und ihre Kinder durchsetzten, heißt Neudeutsch Mainstream. Die Boomer, die 1968 um die 20 waren, und deren Kinder kann man auch als „Generation Golf“ zusammenfassen: Die einen fuhren bald den Golf, die anderen wurden schon als Kinder im Golf gefahren. Habeck und Baerbock können als typische Vertreter letzterer gelten: In Selbstsuggestion überwältigt von ihrer Überzeugung, großartig zu sein. Ihre Eltern sind schon Rentner. Sie selbst haben sich, da man in Deutschland ihre Genialität nicht erkannt habe, auf Altersruheposten verzogen. Wir erleben einen Generationswechsel! Freilich: Die haben auch unter den Jüngeren willige Helfer, denen so leichte Karriere winkt.
Der Marsch durch die Institutionen ist abgeschlossen. Diese Generationen verteidigen nur noch ihre Positionen – mit Verboten, mit übelsten Verleumdungen, mit Hausdurchsuchungen, mit Rechtfertigung von Mord an Andersdenkenden. Man sagt, „die Revolution frißt ihre Kinder“. Wichtiger ist: Jede Entwicklung, eine Revolution ist dazu nicht nötig, bringt mit den Enkeln den entgegengesetzten Trend hervor.
Man schaue in die Geschichte: Der Aufklärung und dem Aufstand gegen die absolute Monarchie folgte die Restauration mit Pressezensur und konstitutionellem Königtum. Dann gab es eine liberale Periode, abgelöst durch konservativen Staatssozialismus, Keynesianismus, Stalinismus, Faschismus und schließlich Wohlstandsboom gepaart mit übertriebenem Sozialstaat. Solche Wechsel spiegeln sich auch in Architektur, Kunst, Literatur: Klassik und Klassizismus, Sturm und Drang, Romantik und Biedermeier, Realismus und Eklektizismus, Naturalismus und Art déco, Impressionismus und Belle Èpoque, Expressionismus und Jugendstil, Funktionalismus und Neue Sachlichkeit, Brutalismus und Minimalismus.
Man schaue sich die Photos von 1989 an! Es war eine Absage an die DDR-Gründergeneration – alles Genossen, die ihre Kämpfe schon in den 1920er Jahren ausgetragen hatten und als Greise einfach nicht abtreten wollten. Auch über die Ideen und Hoffnungen ihrer Kinder, die Ankunft- und Aufbau-Generation, für die vielleicht repräsentativ die ehrenwerte Christa Wolf steht, war 1989 die Zeit schon hinweggegangen. Die meisten Montagsdemonstranten 1989 wie die ab 2015 waren Nachkriegsgeborene, quasi Enkel der sozialistischen Gründer. Das Sowjetsystem konnte sich 73 Jahre nur halten – das sind fast drei Generationsabstände, weil Stalin wirkliche und vermeintliche Andersdenkende umbringen ließ und die Zahlen auf den Erschießungslisten zusätzlich noch erhöhte, was immer wieder freie Karrierestellen schuf und jeden, der diesen Terror überlebte, zum Mittäter machte.
Generationenwechsel spiegeln sich in Konjunkturperioden: Nikolai Dmitrijewitsch Kondratjew hat die langen Wellen der Konjunktur entdeckt, Joseph A. Schumpeter die konjunkturellen Entwicklungen umfassend untersucht (Business Cycles. 2 Vols. New York, London 1939) und Fernand Braudel die langen Wellen – im Durchschnitt 55 Jahre – als anthropologisches Phänomen gedeutet, nämlich als Dauer zweier Generationen. Weitere Analysen dazu gibt es z.B. von Peter Ruben.
Man muß – auch ohne theoretische Erklärung – den Zeitgeist zur Kenntnis nehmen und sich dazu verhalten, ihm folgen, sich opportunistisch anpassen oder widerstehen. Von 1947 bis etwa 1956 wurden in der McCarthy-Ära verbissen echte und vermeintliche Kommunisten verfolgt. Die Bundesrepublik rappelte dem nach mit KPD-Verbot und Radikalenerlaß. Seit der Regierung Merkel geht die Verfolgung in die entgegengesetzte Richtung.
Unsere Epoche wird als die der Digitalisierung, des Internet, der KI bezeichnet. Das kann man anders sehen, aber: Ohne das Internet hätte Aufklärung gegen Wokismus und Cancel Culture kaum eine Chance. Alle alternativen Zeitungen und Zeitschriften, alle Autoren gegen den aktuellen Zeitgeist sind auch im Internet präsent. Ohne dies würden sie wenig wahrgenommen werden, weil der Buch- und Zeitschriftenhandel sie weitgehend boykottiert.
Der Vortrag von Marie-Luise Vollbrecht, daß es nur zwei Geschlechter gibt, wurde aufgrund von Drohungen abgesagt und ohne Internet wäre das von einer breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen worden. Die öffentliche Meinung kann sich über das Internet artikulieren und erst danach folgen notgedrungen Medien, die sonst Sprachrohre der Allergutesten sind. Veröffentlichungen im Internet war es zu verdanken, daß eine Personalie, die im Bundesverfassungsgericht installiert werden sollte, Gegenstand der öffentlichen Meinungsbildung wurde. So kann die Übermacht linksgrüner Medien gebrochen werden. Daniel Günther hat sich verplappert, daß er NIUS und möglichst alle ihm nicht passenden öffentlichen Äußerungen verbieten will. Er will es tun und gleichzeitig jene als „Delegitimierer des Staates“ verfolgen lassen, die anprangern, daß er dies tun will. Daher behauptet er, nicht das gesagt zu haben, was er gesagt hat. Und er habe nicht als der gesprochen. der er ist. Und gleichzeitig er fühlte er sich mit dem, was er nicht als er selbst gesagt hat, nachträglich voll bestätigt. Ist das Comedy? Übrigens: „Delegitimierung des Staates“ ist nur die Übersetzung von „öffentliche Herabwürdigung“ aus dem Ostdeutschen ins Westdeutsche.
David Engels warnt: „Der Wokismus ist keineswegs im Niedergang begriffen, sondern hat sich dauerhaft in den gesellschaftlichen Strukturen und Denkweisen unserer Zivilisation verankert. Auch wenn er derzeit einen gewissen Rückschlag zu erleiden scheint, hat er Europa dennoch an den Rand des Abgrunds gebracht. Vielleicht schon darüber hinaus.“ (Der stille Sieg des Wokismus. In: Corrigenda, 8. August 2025: https://www.corrigenda.online/kultur/david-engels-europaeische-identitaet-der-stille-sieg-des-wokismus). Es fällt schwer, Prof. Engels zu widersprechen. Die Ermordung von Charlie Kirk hätte eine Wende sein müssen, daß sich endlich alle Anständigen erheben. Zeige mir, wie Du auf einen Mord reagierst, und ich sage Dir, ob Du im Geiste ein Gewalttäter und Mörder bist! Man kann nur hoffen, daß es nicht auch in Deutschland zu Morden an Andersdenkenden kommt. Wenn man aber bedenkt, daß Linksgrüne offen Mordfantasien äußern … „Der Kulturkampf fängt gerade erst an.“ (Ulf Poschardt: https://www.welt.de/debatte/plus6920596052711a01b9dd5272/kas-bpb-bdk-der-kulturkampf-faengt-gerade-erst-an.html)
Einiges aber deutet darauf hin, daß der Cancel-Culture-Zeitgeist schwindet. Uncle Ben und Sarotti Mohr wurden gecancelt, aber wenn Tante Sven mit anderen Diversities für eine Automarke werben, bricht der Absatz um 97,5 Prozent ein. Mit Marotti Sohr und Multikulti verliert man mehr Kunden, als man dazugewinnt. Quietschbunte Diversity-Arrangements goutieren nicht das breite Publikum. Männern, die sich Medaillen erschlichen haben, indem sie sich zu Frauen erklärten, wurden die Siege wieder aberkannt. Die Werbung eines Jeans-Herstellers mit einer attraktiven Schauspielerin war ein voller Erfolg und die Woken tobten dagegen vergeblich. Das gefällt und man lacht über die aufgeblasene Empörung. Die linke Plakatkampagne gegen Müller-Milch, ist faktisch Reklame für die Produkte und Werbung für die AfD. Unternehmen geben Wokismus wieder auf, sobald der politische Druck etwas nachläßt, gar wenn er wie in den USA mit der Wahl von President Trump ins Gegenteil umschlägt. Ihr habt meine Meinungen gecancelt, nun cancel ich Eure, kann aber auch nicht die Lösung sein.
Wenn auch die Dominanz linksgrüner Ideologie ein vorübergehendes Zeitphänomen ist, tröstet das die damit Drangsalierten wenig – zumal man nicht weiß, wer zuerst in die ewigen Jagdgründe eingeht. Der historische Blick macht aber gelassener: Eine Systemtherapie erfolgt durch das Aussterben ihrer Protagonisten – oder das System kollabiert. Wenn die Analyse von Peter Ruben richtig ist, daß der Zusammenbruch des realen Sozialismus 1989/90 das Ende eines langen Konjunkturzyklus markiert , hatte der aktuelle Konjunkturzyklus seinen Höhepunkt um 2016 erreicht und es ist um 2045 der Tiefpunkt zu erwarten. Im Mai 2025 hat Bill Gates mitgeteilt, seine Stiftung werde ihr Vermögen bis 2045 aufbrauchen.
Was wird man um 2100 lesen, um unsere heutige Zeit zu verstehen? Die linksgrünen Texte und die mit Gendersprech und Wortkorrekturen entstellte Literatur oder die Texte, die das analysieren und vor einer verhängnisvollen Entwicklung warnten?
