Von Peter Schewe
Als ich hörte, dass die mir bis dahin völlig unbekannte Autorin Jenny Erpenbeck für ihren Roman ‚Kairos‘ mit dem ‚International Booker Prize‘, der nach dem Literaturnobelpreis zweithöchsten Auszeichnung für Literatur, geehrt wurde, bin ich umgehend in meine Buchhandlung gegangen und habe das Buch erworben.
Mühsam habe ich mich von Kapitel zu Kapitel durch diese völlig ungleiche Liebesgeschichte zwischen einer jungen Frau und ihrem älteren, verheirateten Liebhaber und deren erotische Eskapaden im Ostberlin der letzten DDR-Jahre gequält immer in der Hoffnung, dass etwas Umwerfendes passieren würde, etwas, was das zuvor Gelesene dieser ewig dahin plätschernden Liebesgeschichte erklären könnte. Nichts geschah, der Zusammenbruch der DDR schien für die Protagonisten und ihrer Beziehung keinen Einfluss zu haben und auch für die Autorin nur eine Randnotiz wert zu sein.
Ziemlich ratlos, was diese hohe Auszeichnung rechtfertigen könnte, legte ich das Buch zur Seite. Auch meine Schwester, der ich das Buch zum Lesen gab, kam zu keinem anderen Ergebnis, während zwei ihrer Freundinnen, die beide in der alten Bundesrepublik sozialisiert wurden, das Buch in den höchsten Tönen lobten. Woher diese unterschiedliche Bewertung, was sehen wir Ostler anders als geborene Westdeutsche? Ich fand keine Antworten darauf.
Bis mir zufällig ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 15.12.25 die Augen öffnete. Unter dem Titel „Die Sieger der Geschichte“ geht der Autor Felix Stephan der Frage nach, wer heute das Bild dessen prägt, was der Osten war und den Diskurs darüber bestimmt. Und er kommt dabei auch auf Fritz Erpenbeck, dem Großvater Jenny Erpenbecks, dem Gründer der Berliner Zeitung und überzeugten Kommunisten zu sprechen, der u.a. Brecht eine „volksfremde Dekadenz“ vorwirft, die der „notwendigen Gesundung der deutschen Dramatik zu einer neuen Volkstümlichkeit“ im Wege steht. Ein Vokabular, dass eher an die Zeit erinnerte, deren konsequenteste Gegner, also Antfaschisten, die Kommunisten waren.
Als ihn Wolfgang Harich dafür kritisierte, soll Erpenbeck ihm mit dem Schicksal des sowjetischen Regisseurs Meyerhold gedroht haben, der für seine Inszenierungen verhaftet, gefoltert und hingerichtet wurde. Wolfgang Harich wurde 1957 zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, Fritz Erpenbeck wurde Chefdramaturg der Volksbühne und mit dem Lessingpreis der DDR ausgezeichnet.
All diese Dinge waren mir bis dahin unbekannt. Nun, vor diesem Hintergrund erschien mir manches an dem Roman ‚Kairos‘ zumindest erklärbar. Die junge Frau, die wohl einiges mit der Autorin gemeinsam hat, um nicht zu sagen sie selber ist, und ihr Liebhaber lebten in einer anderen Welt, in der Ostberliner SED-Nomenklatura. Und diese Welt, heute würde man Blase sagen, hatte wenig mit dem zu tun, was wir in der DDR erfahren und erleben durften. Chaim Noll hat diese Welt in seinem Roman ‚Der Schmuggel über die Zeitgrenze‘ treffend beschrieben, denn auch er, der Sohn des Schriftstellers Dieter Noll, wuchs in dieser privilegierten Welt auf.
Wie sehr Jenny Erpenbeck dadurch geprägt wurde, geht aus ihrem in der Berliner Zeitung veröffentlichten Essay hervor: Dort stellt sie die scheinheilige Frage, ob ihr
Großvater, der SED-Kulturfunktionär nicht doch ein „Karrierist und Betonkopf“ gewesen sei. Und bei Wikipedia wird sie mit dem Satz zitiert: „Die Freiheit war ja nicht geschenkt. Sie hatte einen Preis, und der Preis war mein gesamtes bisheriges Leben”.
Auch dieser Satz lässt mich ratlos zurück. Von welcher Freiheit redet sie?
Kann man sich völlig frei machen von dem, was man als Heranwachsender im familiären Umfeld erfahren hat und einen geprägt hat? Ich denke nein.
Und so wird uns wieder mal eine Autorin als die ‚bedeutendste deutsche Schriftstellerin der Gegenwart‘ präsentiert und geehrt, die über eine Zeit schreibt, die sie in einer völlig anderen Welt erlebt hat, als die Millionen, die unter der Herrschaft derer, die sich in dieser Blase bewegten, litten, bespitzelt, verhört, verhaftet wurden und, auch das darf nicht verschwiegen werden, manchmal auch ihr Leben verloren.
Und so kommt der lesenswerte Artikel in der Süddeutschen dann auch zu dem bitteren Fazit: Das nicht etwa die Insassen des Stasigefängnisses Hohenschönhausen die historische Deutungshoheit über den Osten innehaben, sondern deren Wärter und Verhörer.
