Postheroismus in Zeiten des Terrors

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Von Gastautor Parviz Amoghli

Nach dem jüngsten islamistischen Anschlag in Wien ist die Bestürzung innerhalb der veröffentlichten Meinung mal wieder groß. In den Amts- und Redaktionsstuben der Republik wird die alte, abgegriffene Rhetorik hervorgekramt, die entweder von dem unbedingten Willen schwafelt, sich nicht vom Terror die Lebensweise vorschreiben zu lassen, oder davon, nun erst recht zusammenzustehen. Um das Gesagte zu unterstreichen, setzen die Sprecher ihre entschlossensten Mienen auf und scheuen nicht vor markigen Sätzen zurück, wobei stets eine Kriegserklärung an den Terror den Höhepunkt bildet. Inzwischen hat die Routine auch das Entsetzen erreicht, die posttraumatischen Verlautbarungen der jeweiligen Sicherheitsbehörden ähneln Sprachleitfäden, bei denen lediglich der Name der betroffenen Stadt ausgetauscht wird.

Tun wir aber dennoch einmal so, als würde der polit-mediale Komplex es ernst meinen, quasi eine koestlersche Sonnenfinsternis durchleben, den hingeworfenen Fehdehandschuh des militanten Islam aufnehmen und diesem entschieden entgegentreten. Nicht nur militärisch, sondern auch politisch und gesellschaftlich. Da stellt sich zwangsläufig die Frage: Wäre die bundesdeutsche Gesellschaft dazu überhaupt in der Lage?

Der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler charakterisiert die bundesdeutsche Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts im Innersten als „postheroisch“. Damit ist eine Gesellschaft beschrieben, die sich zwar daran erinnern kann, dass sie einst heroisch war, die jedoch in Anbetracht der katastrophalen Folgen allem Heldischen abgeschworen hat und sich ganz klar davon abgrenzt. Im postheroischen Kontext wird kein Konflikt als derart tiefgehend angesehen, dass er nicht durch Verhandlungsrunden in beiderseitigem Einvernehmen gelöst werden könnte. Es gibt keinen Feind mehr, nur noch Gegner, Rivalen und Kontrahenten. Das Gespräch ersetzt den Kampf, der Tausch den Gewinn und der Kompromiss den Sieg.

Im zwanzigsten Jahrhundert treten postheroische Gesellschaften erstmals in der Zwischenkriegszeit auf. Und zwar auf Seiten der Sieger. In England und Frankreich ist man aufgrund der Realität des Ersten Weltkrieges und seiner Folgen ernüchtert. Der politische Ertrag scheint die gebrachten Opfer nicht mehr zu rechtfertigen. Deshalb gilt es unter allen Umständen ein neuerliches Völkerschlachten zu verhindern. Bis zu Churchills Machtantritt lautet deshalb das Gebot der Stunde: Appeasement. Die Folgen sind bekannt.

In den ausgehenden 1960er Jahren wird in einem Akt nachgeholten Widerstandes gegen die NS Herrschaft in Frankfurt, Hamburg und Berlin jener postheroische Zeitgeist geboren, der dreißig Jahre oder einen „Marsch durch die Institutionen“ später auf den heutigen Regierungsbänken Platz nimmt. Mit dem zweiten Kabinett Merkel avanciert ein verhängnisvoller moralischer und humanitärer Imperativ schließlich zum Leitmotiv deutscher Politik, der keine deutschen Interessen mehr kennt, sondern nur noch „gleiche Menschen“, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.

In der Berliner Republik hat dieser postheroische, moralische Imperativ zwei vollkommen entgegengesetzte Auswirkungen: nach Außen und nach Innen. Nach Außen führt er zu einer Militarisierung der bundesdeutschen Politik. Hier hat der damalige Außenminister Joschka Fischer mit seiner Begründung für die deutsche Beteiligung am Krieg der NATO gegen Serbien 1999 die Richtung vorgegeben. Seither stehen deutsche Soldaten und Soldatinnen weltweit im Einsatz, wenn auch nicht mehr unbedingt mit dem Anspruch ein Menschheitsverbrechen wie Auschwitz zu verhindern. Stattdessen werden sie nun im Rahmen von moralisch nicht weniger motivierten und aufgeladenen „Friedensmissionen“, „humanitären Interventionen“ oder „Polizeiaktionen“ entsendet.

Gleichzeitig führt der Postheroismus als Effekt einer radikalen politischen und gesellschaftlichen Abwendung vom Heroischen im Innern zu einer Entmilitarisierung des Militärs. Das betrifft zunächst die zentralen Begriffe des Heldentums, „Ehre“ und „Opferbereitschaft.“ Sie werden in postheroischen Gesellschaften belächelt, verlacht und verspottet. Umso mehr, je weiter die alten Sinngebungssysteme, wie Religionen oder ihre säkularen Gegenstücke, utopische Ideologien, erodieren. Deren Symbole und Rituale sind in der Lage Kollektive zu stiften und den Tod für die gemeinsame Sache heroisch aufzuladen. In symbolischen Ordnungen ist daher der Weg vom Helden zum Märtyrer nicht allzu weit.

Wo ein solcher, metaphysischer Kern aber fehlt, oder wo er wie in der Berliner Republik zunehmend zerfällt, verschwindet der Märtyrer und der Tod im Kampf wird nur mehr als schieres Abschlachten verstanden und behandelt. Diese Neubewertung des Krieges geht mit der Überzeugung einher, aus der Vergangenheit gelernt, diese überwunden und sich moralisch weiterentwickelt zu haben. Helden werden nicht mehr gebraucht, oder um es in den Worten von Bertold Brecht zu sagen: „Unglücklich das Land, das keine Helden hat! (…) Nein. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“

Erschwerend für die Stellung des Helden in einer postheroischen Gesellschaft kommt hinzu, dass er ganz grundsätzlich eine Gefahr für eine zivile Demokratie darstellt. Indem er für andere kämpft, leidet und eventuell stirbt, setzt er sich von der Masse in nicht zu akzeptierender Weise ab. Die Figur des Helden widerspricht fundamental der Idee von Gleichheit und Gerechtigkeit. Daher ist für ihn kein Platz in einer Zivilgesellschaft. Wie wenig, verdeutlichen die in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen Verleihungen des Ehrenkreuzes der Bundeswehr für Tapferkeit. Dabei handelt es sich bei den Ausgezeichneten um Menschen, deren Taten sich durchaus auch als Vorbild fürs Zivile eignen. Die meisten von ihnen retteten unter Einsatz ihres eigenen Lebens oftmals verletzte deutsche und afghanische Kameraden sowie einheimische Zivilisten aus scheinbar hoffnungslosen Situationen.

Untrennbar mit der Ablehnung des Heroischen verbunden, ist die des Militärischen, da jede Armee, wie auch jede Polizei, eine heroische Gemeinschaft bildet. Ohne die entsprechenden Ideale wie Patriotismus, Uniformität, Kameradschaft, Tradition, Tapferkeit, Disziplin, die ja auch professionelle Notwendigkeit sind, können Soldaten ihrem prinzipiell heroischen Auftrag nicht nachkommen: dem Schutz des Landes und dessen Bevölkerung bis hin zum Opfer des eigenen Lebens. Alles Dinge, mit denen eine zivile Demokratie nichts anzufangen weiß. Ein Begriff wie soldatische Tapferkeit gilt per se als pervertiert und vergiftet, „denn er schließt die weihevolle Überhöhung des Tötens wie des Getötetwerdens auf dem Feld der Ehre ein.“ So schreibt Christian Selmer in der taz am 06.07.2009 http://www.taz.de/!5160244/ . Ihr gegenüber steht die Tapferkeit im zivilen Bereich als republikanische Tugend: „Sie lebt vom Mut des Einzelnen in schwierigen Situationen, wo es cleverer wäre, abzuwarten, zu schweigen oder wegzuschauen. Wir bezeichnen diese Tugend als Zivilcourage. Zivilen Mut beweist, wer dem Opfer einer Gewalttat zu Hilfe eilt, selbst wenn er oder sie allein bleibt. Zivil mutig handelt auch, wer trotz überwältigenden Konformitätsdrucks auf seinen Ansichten und Prinzipien beharrt. Zivilcourage wünscht sich Anerkennung, wer sie übt, ist allerdings in der Regel allergisch gegenüber dem Heldenstatus, gegenüber Podesten und Denkmälern. Auch hier im Unterschied zur soldatischen Tapferkeit.“ (Christian Selmer)

Der Philosoph Peter Sloterdijk bemerkt übrigens in „Zorn und Zeit“ durchaus polemisch in Bezug auf die Deutschen an: „…sie bringen nach 1945 eine Sonderausgabe von Beherztheit heraus – die vielgelobte Zivilcourage, die Magerstufe des Muts für Verlierer…“

Nun ist das Verhältnis der bundesdeutschen Zivilgesellschaft zu ihrer bewaffneten Macht seit jeher schwierig gewesen. Als heroische Insel im zivilen Gefüge der Republik war sie im Kalten Krieg als notwendiges Übel, bestenfalls als „Eintrittskarte“ ins westliche Bündnis, geduldet. Ansonsten aber repräsentierte sie das Ewiggestrige und mit ihm eine Welt, von der man glaubte, sie hinter sich gelassen zu haben.

Aber, selbst wenn die Bundeswehr in der Bonner Republik wenig geliebt worden ist, hat sich die Wehrpflicht während des Kalten Krieges als durchaus geeignet erwiesen, die Kluft zwischen Armee und Zivilgesellschaft zu überbrücken und die Bundeswehr als Teil der Gesellschaft zu etablieren. Damit ist es seit der Umwandlung der Bundeswehr in eine Berufsarmee allerdings vorbei. Die Armee als ein Verband von Facharbeitern und Spezialisten hat entgegen der alten bundesrepublikanischen Befürchtung zu keinem Staat im Staate geführt, sondern zu einer fortgesetzten Verdrängung der Bundeswehr an den Rand der Gesellschaft.

Es gehört zum Wesenszug der postheroischen Berliner Republik, dass man sich auf Kosten der Armee schnell zeitgeistige Reputation zu verschaffen vermag. Nichts anderes steckt beispielsweise hinter zu Guttenbergs übereilter Aussetzung der Wehrpflicht, die dann so dilettantisch gehandhabt wurde, dass selbst seinem stets besonnen wirkenden Nachfolger de Maiziere der Kragen platzte. Trotzdem ließ auch dieser sich nicht die Chance nehmen, seine Soldaten öffentlich zu maßregeln und sie aufzufordern: „Hört einfach auf, dauernd nach Anerkennung zu gieren. Die Wertschätzung anderer bekommt man nicht dadurch, dass man danach fragt, sondern dass man gute Arbeit leistet.“

Die Ausgrenzung der bewaffneten Staatsmacht aus dem demokratischen Gesellschaftsgefüge ist nur die eine Seite. Auf der anderen Seite zeigt die Berliner Republik eine starke Tendenz, den Fremdkörper Bundeswehr in ihr moralisches Wertesystem zu assimilieren. Der heroisch fundierte sui generis Anspruch der Armee kann, wie bereits angedeutet, seitens der Zivilgesellschaft nicht akzeptiert werden. Also müssen die Exekutoren des postheroischen Zeitgeistes dagegen vorgehen. So zum Beispiel die Verteidigungsministerin Ursula v.d. Leyen. Unter ihrer Ägide hat die Zivilisierung des Militärischen Ausmaße angenommen, die die Wehrfähigkeit der Bundeswehr und damit der Bundesrepublik infrage zu stellen droht. Seither kennt der Reformeifer im Bendlerblock keine Mäßigung: die Bundeswehr soll auf Teufel komm raus zu einem ganz normalen Unternehmen werden und Soldaten zu normalen Arbeitnehmern. Die Schlagworte hierzu lauten: Familientauglichkeit, Gleichstellungsmaßnahmen, Kita-Plätze, Umstandsmode für Soldatinnen, Flachbildfernseher sowie Schützenpanzer, die Hochschwangere zu transportieren in der Lage sind. Dahinter zurückstehen muss das Kriegsgerät der Bundeswehr. Die Mängelliste ist lang, von flugunfähigen Transportflugzeugen über eine nicht einsatzbereite U-Boot Flotte und die Funktionsuntüchtigkeit eines Großteils der Kampfpanzer Leopard 2 bis hin zu schadhaften Sturmgewehren.

Als Ursula v.d. Leyen nach Brüssel weggelobt worden ist, machte sich unter vielen Soldaten Erleichterung und Hoffnung breit. Doch sie kommen vom Regen in die Traufe als Angela Merkel Annegret Kramp Karrenbauer zur neuen Verteidigungsministerin bestimmt. Eine größere Fehlbesetzung ist nur schwerlich vorstellbar. AKK, wie ihr martialisches Kürzel lautet, war und ist als Inhaberin der Befehls- und Kommandogewalt restlos überfordert. Also verfällt die Bundeswehr weiter und Deutschland ist im November 2020 praktisch wehrlos.

Außerdem ist die Armee mehr denn je ein Fremdkörper im postheroischen Deutschland. Sie befindet sich in einer tiefen Existenzkrise. „Wo Opfer und Ehre nur noch innerhalb der Gemeinschaft zirkulieren, erstarrt diese mit der Zeit und zerfällt. Die heroische Gemeinschaft verdorrt. Und wenn die umgebende Gesellschaft sie nicht mehr ehrt und achtet, sondern ignoriert oder gar verachtet, so ist ihr auch das Elixier der periodischen Revitalisierung entzogen“, so steht es im Handbuch Militär und Sozialwissenschaft. Dem ist nichts hinzuzufügen, die heroische Gemeinschaft verdorrt zum Schaden aller.

Schauen wir auf die Gegenseite, hinüber zu den Gotteskriegern, für die der säkulare Westen den ultimativen Feind darstellt. Um für den Kampf gegen selbigen zu mobilisieren geizt der militante Islam nicht mit heroischem Pathos. Man schaue sich nur die Kriegsfahne an, hinter der sich die Gotteskrieger weltweit versammeln. Die Fahne ist schwarz und zeigt im oberen Bereich in weißer Schrift den ersten Teil des islamischen Glaubensbekenntnisses: „La ilaha illallah“ (Es gibt keinen Gott außer Allah). Darunter befindet sich ein weißer Kreis, der den Siegelring des Propheten symbolisiert und den zweiten Teil des Glaubensbekenntnisses in schwarzer Schrift trägt: „Gottes Prophet ist Mohammed“. Die Farbwahl ist ein Tribut an die religiöse und kriegerische Tradition des Islam. Das vorherrschende Schwarz soll zum einen an Mohammed erinnern, der laut Überlieferung auf seinen Feldzügen eine schwarze Flagge mit sich führte. Zum anderen ist es die Farbe der abbasidischen Kalifen, die damit die Trauer um die Märtyrer sowie um die Männer aus der Familie des Propheten auszudrücken versuchten. Im Weiß der dem Stil des 8. Jahrhunderts nachempfundenen Schriftzeichen, artikuliert sich zudem die Frömmigkeit der Krieger. Weiß ist sowohl das Gewand der Pilger nach Mekka als auch das der Toten und steht im Islam für die Einheit aller Farben und der Göttlichkeit.

Demjenigen, der diesem Zeichen zu folgen gewillt ist, verspricht es eine heroische Identität innerhalb einer ebensolchen Gemeinschaft. Die Mitglieder dieser Gemeinschaft eint die Überzeugung Vorkämpfer einer moralischen Erneuerung zu sein und sie sind bereit, dafür ihr Leben zu geben, umso mehr, da sie als Märtyrer direkte Aufnahme im Paradies finden.

Dem kann die Berliner Republik nur das Regenbogenbanner entgegenstellen und mit ihm eine höchst sensible, fragile und fluide Identität, innerhalb einer genauso empfindsamen Gesellschaft, deren autoaggressive Nabelschau jede Selbstgewissheit entsorgt hat. „Proud not to be proud“ (Böhmermann) lautet die Devise einer Republik zu deren Verteidigung sich noch nicht einmal jeder fünfte Bundesbürger bereit erklärt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Gallup Institutes 2015 hinsichtlich der Frage: „Would you be willing to fight for your country?“ Die Bundesrepublik nimmt hier den sechsundsechzigsten von achtundsechzig Plätzen ein, eine niedrigere Bereitschaft zeigen lediglich die Niederlande (15%) und Japan (11%).

All das vor Augen, muss die Antwort auf die Ausgangsfrage pessimistisch ausfallen. In dieser Verfassung ist die postheroische, bundesdeutsche Gesellschaft nicht imstande, der Herausforderung des militanten Islam zu widerstehen. Was aber wäre zu tun?

Ganz gewiss liegt kein Ausweg darin, die Gesellschaft in eine heroische Gemeinschaft umformen zu wollen. Niemand will einen Kriegerstaat. Viel wichtiger wäre es, die Zivilgesellschaft mit dem Militär zu versöhnen. Dazu aber wäre es notwendig, heroische Inseln innerhalb der postheroischen Gesellschaft zuzulassen, wo sich jene Männer und Frauen einfinden, die bereit sind, die freie Gesellschaft potentiell unter Einsatz ihres Lebens zu schützen. Wie so etwas aussehen kann, demonstrieren Israel, Großbritannien und die USA. Alle drei Länder zeigen, dass in einer westlichen Demokratie das Zivile und Militärische nicht zwangsläufig im Widerspruch stehen müssen. Es wäre im Sinne unser aller Sicherhei, würde die postheroische Berliner Republik von ihren engsten Verbündeten diesbezüglich endlich lernen. Allein, viel Hoffnung sollte man sich nicht machen. So leicht legt man keine Lebenslüge ab, und der unbedingte Pazifismus ist eine der zentralen Lebenslügen der Berliner Republik.

Zum Autor:

Parviz Amoghli, Publizist und Autor, lebt und arbeitet in Berlin. Zuletzt erschienen: gemeinsam mit Alexander Meschnig: Siegen oder vom Verlust der Selbstbehauptung, Werkreihe TUMULT (Band 5), 2018 Die hier gemachten Überlegungen finden sind diesem Buch entnommen. :



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