Der Virus COVID-19 und seine wirtschaftlichen Implikationen

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Von Gastautor Michael Wolski

  1. Zum Stand der medizinischen Erkenntnisse zum Coronavirus

Am 13. Februar führte der Berliner Tagesspiegel ein Interview mit dem Direktor des Instituts für Virologie der Charité, Prof. Dr. Drosten. Die Überschrift lautete: Wir müssen uns auf eine Pandemie einstellen.

„Im Moment ist es fast unmöglich, aus den Daten schlau zu werden, die aus China kommen … Ein Virus, das von Lunge zu Lunge springt, hat einen weiten Weg von Mensch zu Mensch. Eines aber, das von Hals zu Hals springt, wird in der U-Bahn übertragen“, sagte Drosten. “Die Chance, den Ausbruch in China einzudämmen, wird jeden Tag kleiner”.

Auf dieser Website kann aktuell nachverfolgt werden, in welchen Ländern Infektionen mit COVID-19 gemeldet wurden, wie viele Neuerkrankungen es gibt und wie viele Tote. Die Statistik beginnt mit dem 22. Januar. Der erste Todesfall in China war 4 Wochen vorher gemeldet worden.

Zur Übertragbarkeit äußerte sich in diesem Interview Prof. Jelinek, Infektologe: Es werden weniger Fälle gemeldet. Allerdings sitzt der Virus im Rachen und ist damit leicht übertragbar beim Aus-und Einatmen. In dieser Grippesaison gibt es bereits etwa 100 Tote in Deutschland durch übliche Grippeviren. So sollte man die bisherigen Todesfälle in China nicht überbewerten.

In diesem Artikel der WELT gibt ein deutscher Ingenieur, der in Shanghai als Betriebsleiter arbeitet, einen sehr umfassenden Einblick, wie das System der Quarantäne in China funktioniert.

„Verdutzt habe ich ein Paket Masken der Schutzklasse FFP3 entgegengenommen mit dem Kommentar: Die musst du am Flughafen tragen. Ich bekomme einen Geschmack von den Maßnahmen, die in diesem Land möglich sind. Wir sprechen von einer pauschalen Isolierung von Millionen von Menschen…

… Im öffentlichen Raum wird mit schier unendlichen Ressourcen die Stirntemperatur kontrolliert, und Bereiche werden desinfiziert…

Aber eigentlich bleiben alle daheim. Statt zehn Millionen Fahrgästen transportiert die U-Bahn nur noch 800.000 Fahrgäste pro Tag. Zudem scheint mehr oder weniger ganz Shanghai komplett geschlossen, auch die Schulen für mindestens einen Monat…

… Es gibt fest zugewiesene Kantinenzeitfenster. Die Tische werden wie bei einer Schulprüfung vereinzelt aufgestellt und besetzt, um Gespräche zu unterbinden. Die Anweisung: Haltet 1,5 Meter Abstand voneinander, wascht immer wieder die Hände. Und natürlich wird vor Arbeitsbeginn immer die Stirntemperatur gemessen…

… Eine Region mit 25 Millionen Menschen wird isoliert und das öffentliche Leben vollständig lahmgelegt. Das ist spannend, aber auch beängstigend…“

Diese Beschreibung trifft wohl aktuell auf mehrere Millionenstädte in China zu und vermittelt einen Eindruck, mit welchen wirtschaftlichen Folgen wir auch hier in Europa bald zu rechnen haben.

Mittlerweile hat auch in Vietnam die Regierung einen Ort unter Quarantäne gestellt, so die NZZ.

Der Philosoph Slavoj Žižek schreibt in der WELT:

„Hongkongs führendem Epidemiologen Gabriel Leung zufolge könnte sich die Coronavirus-Epidemie auf zwei Drittel der Weltbevölkerung ausbreiten, wenn sie nicht unter Kontrolle gebracht wird. Die Menschen müssten ihrer Regierung glauben und vertrauen können, solange die Wissenschaftsgemeinde die neu ausgebrochene Krankheit mit all ihren Ungewissheiten erforsche, sagt er, und wenn noch die sozialen Medien da hineinspielen, Falschmeldungen und echte Meldungen durcheinanderwirbeln und keinerlei Vertrauen da ist, wie soll man so eine Epidemie dann bekämpfen?

In Zeiten von Epidemien wird ein starker Staat gebraucht, weil weitreichende Maßnahmen (etwa Quarantäne) mit militärischer Disziplin durchgeführt werden müssen. China war in der Lage, zig Millionen Menschen unter Quarantäne zu stellen, und wir sollten uns eine solche massive Epidemie einmal in den USA ausmalen – wäre der Staat dort in der Lage, die gleichen Maßnahmen durchzusetzen? Man kann darauf wetten, dass Tausende von Verfechtern des freien Willens, die im Besitz einer Waffe sind, die Quarantäne für eine staatliche Verschwörung halten und sich ihren Weg freikämpfen würden.“

Diese wenigen Stimmen illustrieren, wie schwer die Lage des tödlichen Verlaufs des COVID-19 weltweit einzuschätzen ist. Wenn in der o.g. Statistik bisher als einziges afrikanisches Land nur Ägypten auftaucht, so versteht man die Sorgen der Virologen. Es erfolgt – im Gegensatz zu Europa, Russland und Nordamerika – keine Erfassung von Infizierten in Afrika, weil kein Gesundheitssystem existiert.

Dass in der Stadt Wuhan wegen des COVID-19 binnen zehn Tagen ein Tausend-Betten-Krankenhaus gebaut worden sei, imponiert weltweit. Ein weiteres, mit 1.600 Betten ist im Bau.

  1. Aktuelle wirtschaftliche Auswirkungen

Die Produktionsausfälle in China können aktuell nicht erfasst werden, aber aus dem oben Gesagten wird klar, dass viele Betriebe nicht arbeiten bzw. nur mit stark verminderter Kapazität. Die chinesischen Fluggesellschaften nutzen aktuell ihre Kapazität nur noch zu etwa 20 %, das führt auch in den Nachbarländern zum Einbruch des Tourismus.

Auch Australien ist schon davon betroffen, der Tourismus aus China ist zum Erliegen gekommen, da die Regierung ein Einreiseverbot verhängt hat.

„China makes up 25 per cent of the tourism dollar nationally, but in Victoria that jumps to 39 per cent, with $3.4 billion coming from Chinese visitors.“

Das hat dramatische Umsatzeinbußen für Einzelhandel und Restaurants zur Folge.

Auch die weltweit wichtigste Mobilfunkmesse MWC in Barcelona findet dieses Jahr wegen der Coronavirus-Gefahr nicht statt.

Da viele Medikamente bzw. deren Komponenten und auch die Schutzkleidung bzw. Atemmasken in China produziert werden, stehen wir in Europa ziemlich hilflos da.

DER SPIEGEL schreibt “Wir sorgen uns um die Lieferbarkeit von Wirkstoffen für Medikamente”, sagte der kroatische Gesundheitsminister Vili Beros, dessen Land derzeit die rotierende EU-Ratspräsidentschaft innehat. Ähnliches gilt für Schutzausrüstung: “Fast die Hälfte davon wird in China produziert”, sagte EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides. Man sei derzeit dabei, mit den Mitgliedsländern eine gemeinsame Beschaffung und eine Vergrößerung der Vorräte zu organisieren.“

Nach Angaben der französischen Akademie für Pharmazie werden 80 Prozent der wichtigsten pharmazeutischen Wirkstoffe außerhalb Europas produziert, der Großteil davon in Asien.

Der Ausnahmezustand in Teilen Chinas hat viele Branchen und Lieferketten schwer getroffen, inzwischen werden Notkredite ausgegeben. Erstmals seit 2009 wird zudem mit einem weltweiten Rückgang der Nachfrage nach Öl gerechnet. Der Ölpreis ging innerhalb von drei Wochen von 65 auf 55 $ zurück.

Die deutsche Post liefert seit einigen Tagen keine Pakete mehr nach China, da dort aktuell keine Zustellung erfolgt.

Achgut.com fragt, ob der Coronavirus ein „schwarzer Schwan“ sei – also ein Ereignis womit niemand rechnete und das deshalb besonders wirkungsvoll zuschlägt.

„Die Ausbreitung der Krankheit und die Bemühungen, sie einzudämmen, sind überdies dabei, große Bereiche der Weltwirtschaft lahm zu legen.„Sie gehören zu den größten kurzfristigen Bedrohungen für das weltweite Wachstum“ sagt Neil Shearing, Chefökonom bei Capital Economics. Der Ausbruch des Corona-Virus trifft Chinas Exportwirtschaft dramatisch und unterbricht die globalen Lieferketten. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist seit zwei Wochen nahezu zum Erliegen gekommen.“

Dieser deutsche Händler für mobile Stromerzeuger meldet bereits ein fast leeres Lager.

Die Stromerzeuger sind aktuell bis auf einige Modelle ausverkauft, vermutlich weil viele Kunden in Erwartung der bald fehlenden Verfügbarkeit den Kauf vorgezogen haben.

  1. Mittelfristige Auswirkungen auf die Weltwirtschaft

Um hier eine vorsichtige Einschätzung abgeben zu können, vergegenwärtigen wir uns, wie lange ein Transport mit dem Container-Schiff von China dauert. Eine Antwort finden wir auf dieser Webseite.

Die Laufzeit der Containerschiffe China-Europa beträgt 21-42 Tage. Antransport zum Hafen in China, Lagerung und Stauen benötigen durchschnittlich 14 Tage. So erreicht eine Ware, die am 24. Januar (vor den chinesischen Neujahrsferien) das Werk des Produzenten in China verlassen hat, etwa zwischen Mitte März und Mitte April einen europäischen Hafen.

Am Beispiel des damals größten Containerschiffs zeigte die WELT 2012, wie lange ein Umlauf (China-Europa-China) dauert:

„Ein sogenannter Umlauf der “Marco Polo” vom chinesischen Ningbo nach Europa und wieder zurück dauert 77 Tage. In Europa läuft das Schiff die Häfen Southampton, Hamburg, Bremerhaven, Rotterdam, Zeebrugge, Le Havre und Malta an. In Asien stoppt die “Marco Polo” unter anderem in Shanghai, Hong Kong und Port Kelang.“

Am Beispiel Hamburg wird beschrieben, wie viel Ladung das Schiff löscht bzw. aufnimmt:

„Die “Marco Polo” bleibt etwa 36 Stunden am Terminal Burchardkai der HHLA. In dieser Zeit werden von sechs Containerbrücken gut 4000 Container ent- und beladen. Das entspricht rund 6500 Containereinheiten (TEU).“ Das Schiff hat eine Kapazität von 16.000 TEU.

Dann dauert es bis zum Endabnehmer nochmals 10-25 Tage (Entladen, Entzollung, Lager, Versand per Binnenschiff oder LkW). Wird die Ladung weiterverschifft nach Basel, so benötigt sie allein acht Tage mit dem Binnenschiff auf dem Rhein.

Das bedeutet, erst ab Mai werden sich ausfallende Lieferungen zunehmend stärker bemerkbar machen. Das hängt individuell auch von der Menge der bestellten Produkte ab. Hat der Besteller seinen Lagerbestand stark reduziert, kann es bereits Anfang Mai Probleme geben.

Fallen also ab 1. Februar Lieferungen aus und beginnen die Lieferungen aus einem chinesischen Werk erst wieder am 1. April, so gibt es eine Lücke von etwa 2-3 Monaten, in der in Europa Bauteile, Zubehörteile, Halbfabrikate, Rohstoffe, Produktionshilfsmittel, Fertigprodukte wie Medikamente und med. Zubehör fehlen.

Das wäre im Zeitraum Mai – Juli. Dieser Zeitraum kann nicht wesentlich verkürzt werden und bedeutet für viele Firmen in Europa Kurzarbeit, eingeschränkte Produktion aber auch Insolvenz.

Jeder Monat mit ausgefallener Lieferung erhöht die Gefahr eines Zusammenbruchs von Firmen, sowohl in China als auch in Europa.

Hinzu kommt eine höhere Mortalität in Europa, begründet in fehlenden Medikamenten bzw. pharmazeutischen Rohstoffen und med. Verbrauchsmaterial.

Zum Schluss noch eine Bemerkung zu den Containerschiffen. Werden sie mehrere Wochen nicht ausgelastet und liegen irgendwo auf Reede, kann es innerhalb der nächsten Monate zu einer neuen Krise der Schifffahrt kommen. Schiffsfonds versenken dann wieder das Geld der Anleger.



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