Wie eine Kirche unter die Reeder kommt

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Von Gastautor Pfarrer Achijah Zorn

„Man lässt keinen Menschen ertrinken. Punkt.“ Dieser Satz wird in der ev. Kirche mantraartig von unzähligen Kirchenvertretern in unzähligen Statements wiederholt.

Das Gefährliche an diesem Satz ist: Allgemein gesprochen ist dieser Satz 100% wahr. Ich kenne keinen einzigen Menschen und keinen einzigen Staat, der gegen Seenotrettung ist.

Allerdings im Kontext der Migrationskrise gesprochen, ist dieser Satz 100% eine Katastrophe:

Erstens: Im Kontext der Migration gesprochen ist dieser Satz VERLOGEN.

Jeder Konfirmand weiß, dass es bei der sogenannten „Seenotrettung“ im Mittelmeer um Migration geht. Wenn aber etwas klar und eindeutig ist, sollte man es auch klar und eindeutig mit Namen nennen. „Du sollst nicht lügen!“

Zweitens: Im Kontext der Migration gesprochen ist dieser Satz UNSOZIAL.

Die Flüchtlinge und Migranten werden von Schlauchbooten übernommen, um sie dann nach Europa zu bringen. Die immensen Kosten, die vielleicht über Generationen dadurch Europa aufgebürdet werden, werden dagegen nicht von den „Seenotrettern“ übernommen.

Der barmherzige Samariter in der Bibel gibt den unter die Räuber Gefallenen in einer Herberge ab, aber mit dem Unterschied: „Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme“ (Lukas 10,36).

Eine Kirche, die sich mit rigoristischen moralischen Forderungen als Avantgarde der Gesellschaft aufspielt, aber die Rechnung dafür großzügig anderen aufbürdet und vielleicht dann sogar noch über ihre Diakonie von den gesellschaftlichen „Herbergskosten“ profitiert, handelt unsozial, selbst wenn sie sich noch so sehr als „Gutchrist“ fühlt.

Drittens: Im Kontext der Migration gesprochen ist dieser Satz AUTORITÄR.

Die Migrationskrise braucht vorbehaltlose gesellschaftliche Diskussionen, weil jede Entscheidung auf diesem Gebiet über Generationen hinweg folgenschwere Konsequenzen hat. Darum kommen wir nicht um den gesellschaftlichen Streit herum: „Wen wollen wir aufnehmen – gut darwinistisch nur die Starken und die Mittelschicht, die es schon bis aufs Mittelmeer geschafft haben? Wie viele wollen (und können) wir aufnehmen? Und wie lange wollen wir diese Menschen aufnehmen?“

Wer solche immer wieder notwendigen Fragen mit sechs Wörtern (siehe oben) inklusive einem expliziten „Punkt“ abwürgt, der bringt seine undemokratische Gesinnung damit für alle sichtbar auf den Punkt. Statt den gesellschaftlichen Diskurs für das hochkomplexe Thema Migration zu fördern, nimmt die Kirche selbstsicher-anmaßend die Position einer moralischen Überlegenheit ein. Von da aus ist es nicht mehr weit, andere Meinungen innerhalb (und außerhalb) der Kirche zu ächten und einzuschüchtern. Kirche wird so fatal und unevangelisch zum Protagonisten der Gesprächsverweigerung.

So weit so schlecht. Doch es kommt noch dicker.

Dieser im Kontext der Migration katastrophale Satz wird zur Basis einer Reederei-Aktion der deutschen evangelischen Kirchen. So unterstützen (u. a. finanziell) EKD, diverse Landeskirchen und Kirchengemeinden eine Spendenaktion für ein „Seenotretterschiff“ im Mittelmeer.

Aus Worten werden Taten. Aus verlogenen, unsozialen und autoritären Worten leider auch. Natürlich alles im Namen des Guten und der Wahrheit unter dem klerikalen Segen Gottes.

Und mir drängt sich in Anlehnung an Friedrich Schleiermacher (1768-1834) die Frage auf: „Soll denn der Knoten der Migrationspolitik so aufgehen, die Vernunft mit dem Unglauben und die Religion mit der Unvernunft?“



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