30 Jahre Friedliche Revolution

Veröffentlicht am

Vierter Dezember 1989

Kaum sind sie gestürzt, werden mehrere Politbüromitglieder auf Anweisung der Regierung Modrow verhaftet. Es trifft unter anderem Erich Mielke, der in die von ihm mit konzipierte Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen eingeliefert wird. Obwohl er zu keinem Zeitpunkt den üblichen Härten ausgesetzt ist – er bekommt Zeitungen, Bücher, darf fernsehen, in seiner Zelle werden sofort die Glasbausteine gegen normales Fensterglas ausgetauscht, seine Freigänge muss er nicht in der Frischluftzelle absolvieren, sondern darf sie im so genannten „Rosenhof“ verbringen, eine Grünanlage für die Stasioffiziere, beschwert sich Mielke bei erster Gelegenheit über die „unmenschlichen Haftbedingungen“. Wo er Recht hat, wollen wir dem Ex-Stasichef nicht widersprechen, müssen aber hinzufügen, dass Mielke sich niemals eingestanden hat, dass die Haftbedingungen etwas mit seiner politischen Verantwortung zu tun haben.

Während ihr langjähriger oberster Befehlsgeber hinter Gittern sitzt, sind die Stasimitarbeiter auf allen Ebenen fieberhaft damit beschäftigt, Akten zu vernichten. Der DDR-Hörfunk kommt seinem Versprechen nach, unabhängig zu berichten. Er bringt als erster Sender ein Stück über die Aktenvernichtung. Es wird schon am frühen Morgen ausgestrahlt und hat Folgen.

In Erfurt beschließen die Frauen der Bürgerinitiative „Frauen für Veränderung“ umgehend, gegen die Aktenvernichtung vorzugehen. Es gelang ihnen ohne Mühe, Mitstreiter unter den Oppositionellen, Kirchenleuten, rebellischen Betriebsbelegschaften und Angestellten zu mobilisieren. Die Menge umstellte das MfS-Gebäude. Autofahrer, unter anderem die städtische Müllabfuhr, blockierten die Auffahrt. Es dauert nicht lange und die Stasi gibt nach. Sie lässt erst einige Frauen ins Gebäude, dann weitere Demonstranten. Sie finden Beweise für eine umfangreiche Aktenvernichtung. Sofort werden die Archive versiegelt und eine Bürgerwache eingesetzt, um weitere Vernichtungen zu verhindern. Noch am gleichen Tag werden weitere Stasiobjekte in der Stadt
aufgespürt und besetzt.
In Rostock können sich die Oppositionellen noch nicht zu einer Besetzung der Stasizentrale durchringen. Sie organisieren eine Mahnwache vor den Toren: „Mahnwache gegen Vernichtung von Beweismitteln“. Die Stasi ist wenig beeindruckt. So lange sie kann, vernichtet sie weiter.


1989: Tagebuch der Friedlichen Revolution
1. Januar bis 31. Dezember
Vera Lengsfeld



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