Mein persönlicher Mauerfall

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Am Morgen des 9. November 1989 stand ich nach anderthalbjähriger Abwesenheit aus der DDR morgens auf der Westseite vor der Passkontrolle des Grenzübergangs Berlin-Friedrichstraße. Der Posten schaute abwechselnd ratlos in meinen DDR-Pass und auf den Computerbildschirm. Vielleicht erinnerte er sich an die so genannte Liebknecht-Luxemburg-Affäre im Januar 1988, in deren Verlauf führende Bürgerrechtler der DDR direkt aus dem Stasiknast Hohenschönhausen in den Westen abgeschoben worden sind. Einige davon mit DDR-Pass und der Zusicherung, nach einer bestimmten Zeit wieder in die DDR zurückkehren zu dürfen. Nun war ich wieder da, aber man wollte mich nicht zurück haben.

Schließlich forderte der Posten mich auf, in einen Nebenraum zu kommen, damit mein komplizierter Fall geklärt werden könnte, ohne den weiteren Grenzverkehr zu behindern. Ich weigerte mich, meinen Platz vor dem Schalter zu verlassen. Ich würde nur in eine Richtung gehen – nach Ostberlin.

Hinter mir hatte sich eine lange Schlange von Rentnern gebildet. Einige fingen laut an zu murren. Als der Unmut einen vorläufigen Höhepunkt erreichte, drehte ich mich um und hielt eine kurze Ansprache. Ich stellte mich vor, sagte, dass meine Papiere in Ordnung seien, dass man mich aber nicht in die DDR einreisen lassen wolle. Da rief eine Stimme ganz hinten: „Reinlassen!“, eine zweite: „Reinlassen!“ Beim dritten Mal, waren es schon alle: „Reinlassen, Reinlassen!“

Der Posten hämmerte immer hektischer auf seine Tastatur. Gleichzeitig hatte er den Telefonhörer ans Ohr geklemmt und sprach ununterbrochen hinein. Schließlich knallte er mir meinen Pass hin und sagte: „Geh’n se, geh’n se!“

Als ich auf der anderen Seite stand und die berüchtigte eiserne Tür hinter mir zuknallte, bekam ich einen Schreck. Was hatte ich getan? Warum war ich freiwillig ins Gefängnis zurückgekehrt? Der Bahnhof sah so trist aus, sah aus wie immer, es roch nach Braunkohlensmog, wie immer. Von den aufregenden Montagsdemonstrationen, den angeblichen Veränderungen, war hier nichts zu spüren.

Ich schüttelte mein Unbehagen ab und machte mich auf den Weg zum Polizeipräsidium am Alexanderplatz, um ein Ausreisevisum zu bekommen. Schließlich waren meine Kinder noch in Cambridge, wohin ich zurückkehren wollte, wenn ich geklärt hatte, ob mein vor einem Jahr wegen „pazifistischer Plattformbildung“ aus der Berliner Carl-von-Ossietzky-Schule relegierter Sohn wieder die Schule besuchen dürfte.

Im Polizeipräsidium hielten sie mich bis zum späten Nachmittag fest.

Immerhin las ich in der Berliner Zeitung, dass es in der Stadt Smog gab. Das war neu. Jahrelang hieß Smog „Inversionswetterlage“ oder „Hochnebel“. Es hatte sich doch etwas geändert. Schließlich bekam ich mein Visum.

Als ich endlich in meiner Wohnung am Pankower Amalienpark ankam, erkannte ich mein Zuhause nicht wieder. Meine Bücher lagen zerrissen auf dem Boden, die Bettwäsche war zerfetzt, das Geschirr zerschlagen, die Möbel zerbrochen. Ich stand bis zu den Knien in den Trümmern meiner früheren Existenz.

Ich hielt das nicht aus und ging zu Bekannten, die in der Nähe wohnten. Hier sah ich beim Abendbrot die Pressekonferenz mit dem neu ernannten „Mediensekretär“ Schabowski. Wir sahen, wie ihm von links ein Zettel gereicht wurde, den er stirnrunzelnd studierte, ehe er verkündete, dass ab sofort allen DDR-Bürgern ein Pass mitsamt Ausreisevisum zu gewähren sei.

Wir sahen die Journalisten zu den Telefonen rennen, dachten aber nicht an bevorstehende dramatische Veränderungen. Uns beschäftigte die Frage, wie es in der DDR weitergehen sollte. Wir machten uns auf zu der Schriftstellerin Christa Wolf, die in der Nähe wohnte, um sie zu fragen, ob sie nicht Präsidentin der DDR werden wolle. Gerhard Wolf öffnete uns, übermittelte unser Anliegen an seine Frau und kam bald darauf mit der Antwort zurück. Christa Wolf fühle sich nicht in der Lage, mehr zu tun. Sie hätte vor zwei Tagen einen Herzanfall erlitten und müsse sich schonen.

Wieder auf der Straße, sahen wir zwei junge Männer jubelnd herumtanzen. Als sie uns sahen, riefen sie uns zu, eben sei die Mauer an der Bornholmer Straße gefallen. Wir fuhren sofort hin, es war keine zwei Kilometer entfernt. Als wir an der Bornholmer Brücke ankamen, wälzte sich schon ein dicker Strom Menschen über die eben noch tödliche Grenze.

Die Grenzsoldaten standen zu Salzsäulen erstarrt an die Wand gedrückt. In ihren Knopflöchern und unter den Schulterstücken steckten Blumen. Jeder hatte eine Flasche Wein, Sekt oder Bier in der Hand, aus denen sie aber nicht tranken.

Ich stellte mich vor den Ranghöchsten, sah ihm ins versteinerte Gesicht und fragte ihn, wie er sich jetzt fühle. Als ich keine Antwort bekam, ließ ich mich im Menschenstrom über die Brücke treiben. Der erste klare Gedanke war: Mist, du hast den besten Teil des Tages auf dem Polizeipräsidium verbracht, um ein Visum zu bekommen, das du nicht mehr brauchst. Auf der anderen Seite der Brücke hielt ein Linienbus. Der Fahrer ließ so viele einsteigen, wie der Bus fasste, und fuhr seine Gäste zum Sightseeing durch ganz Westberlin.

Trotz durchwachter Nacht stand ich am anderen Morgen vor dem Volksbildungsministerium. Ich hatte meinem Sohn, der vor einem Jahr mit seinen Freunden wegen „pazifistischer Plattformbildung“ von der Schule mit dem Namen des größten deutschen Pazifisten relegiert worden war, versprochen, in Erfahrung zu bringen, ob die Schüler wieder an die Schule zurückkehren dürften.

Die Ministerin sei heute nicht zur Arbeit erschienen, erklärte mir der Pförtner, bevor ich ihn etwas gefragt hatte. Aber Frau Honeckers Staatssekretär sei doch da? Ich wurde ohne Umschweife in das Büro der Volksbildungsministerin vorgelassen. Man war devot, denn in mir vermutete man die neue Macht. Man versicherte mir, das Ministerium hätte von den Vorgängen an der Ossietzky-Schule nichts gewusst. Wenn man es gewusst hätte, wäre die Relegierung verhindert worden. Das ganze sei eine Entscheidung auf Berliner Ebene gewesen.

Ich ging zum Roten Rathaus, wo man mich schon erwartete. Man hätte von der Ossietzky-Affäre nichts gewusst, sonst hätte man sie verhindert. Die Entscheidung sei im Stadtbezirk gefallen, dahin müsste ich mich wenden. Ich hatte nicht vor, noch eine Behörde aufzusuchen. Ich forderte, dass alle relegierten Ossietzky-Schüler am nächsten Tag wieder in die Schule gehen dürften und dass die Wiederaufnahme dort erfolgt, wo die Relegierung im Oktober 1988 stattgefunden hatte: in der Aula der Schule, vor der Schulvollversammlung. Ich würde das Rote Rathaus nicht eher verlassen, bis meine Forderung erfüllt worden sei. Es dauerte nicht lang, da versicherte man mir, es würde alles so geschehen, wie ich es wünschte.

Am nächsten Tag saßen die relegierten Schüler mit ihren Eltern in der ersten Reihe der Aula der Ossietzky-Schule und wurden von dem Direktor, der sie gefeuert hatte, feierlich wieder aufgenommen.

Erst da war das Glücksgefühl überwältigend. Ich wusste, wir hatten das Regime besiegt.



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