30 Jahre Friedliche Revolution

Veröffentlicht am

Fünfzehnter September 1989

Während die DDR bereits in allen Fugen kracht und tiefe Risse im Alltag aufweist, gibt es noch Ereignisse, die Normalität vortäuschen. Zwischen Fürstenwalde und dem hessischen Reinheim wird eine Städtepartnerschaft vereinbart. Es ist die letzte Städtepartnerschaft zu DDR-Zeiten.

In der Sowjetunion wird wieder ein Massengrab aus der Stalinzeit gefunden. Es enthält 300 000 Skelette, mit Einschusslöchern im Schädel.

In der DDR herrscht Aufbruchstimmung. Die verschiedenen Gruppen präsentieren ihre Aufrufe in der bislang einzigen Öffentlichkeit, die ihr zur Verfügung steht, den Kirchen. SED und Staatssicherheit nehmen das inzwischen sehr ernst.

Von westdeutschen Politikern wird nach wie vor unterschätzt, was sich im Ostteil Deutschlands tut. Ein bundesdeutscher Staatssekretär besucht eine Veranstaltung des Neuen Forums in der Gethsemanekirche und findet alles schrecklich unprofessionell. Er konnte sich nicht einmal vorstellen, welche Schwierigkeit es allein bedeutete, Papier zu beschaffen, geschweige denn, an Vervielfältigungstechnik heranzukommen. So mäkelt er, dass nicht mal allen Besuchern der Veranstaltung der Aufruf des NF zur Verfügung gestellt wurde. Er bemerkt einen „Mangel an politischen Talenten“. Selbst Bärbel Bohley, die längst zur Symbolfigur geworden ist, wirke „amateurhaft“. Dass er es mit Leuten zu tun hatte, die nie Gelegenheit gehabt hatten, politisches Auftreten zu üben, kam dem Berufspolitiker nicht in den Sinn. Seine Depesche an das Bundeskanzleramt enthält daher krasse Fehleinschätzungen. Die Gruppen seien von „effektiver Oppositionsarbeit“ weit entfernt. Die Staatssicherheit würde dafür sorgen, dass die „Aufbruchstimmung nicht zu einem tatsächlichen Aufbruch wird“.
So kann man sich täuschen.


1989: Tagebuch der Friedlichen Revolution
1. Januar bis 31. Dezember
Vera Lengsfeld



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