Teil II: Bücher, Lesen und Sozialstruktur

Veröffentlicht am

von Gastautor Michael Wolski

Stationärer Buchhandel – ein Indikator der Sozialstruktur

Nachdem in Teil I über die Anzahl von Buch-Neuerscheinungen, Leseverhalten und sich herausbildende neue soziale Unterschichten berichtet wurde, steht in Teil II die Situation im stationären Buchhandel in Berlin im Mittelpunkt.

Wo gibt es Buchhandlungen, wo nicht?

Berlin ist nicht nur deutsche Hauptstadt und größte Stadt mit 12 Bezirken, wo 11 Bezirke zwischen 250.000 und 400.000 Einwohner haben. Man könnte auch von einem Konglomerat von 12 Großstädten sprechen, mit all den Herausforderungen, die Großstädte mit hohem Migrantenanteil – insbesondere aus Entwicklungsländern – haben.

Berlin ist Universitätsstadt mit 4 Universitäten, 4 Kunsthochschulen, 7 Fachhochschulen und 24 staatlich anerkannten privaten Hochschulen und fast 200.000 Studenten.
Berlin ist Machtzentrum und Wissensmetropole, aber auch die Hauptstadt der Armut.

Am Sitz der Bundesregierung gilt:
 „Ein Viertel der Berlinerinnen und Berliner (25,9%) […] lebt also unter oder knapp oberhalb der berlinspezifischen Armutsgefährdungsschwelle. Die höchste Quote weist die Gruppe der Personen im Ausbildungsalter von 18 bis unter 25 Jahren auf (45,8%). Von den Kindern unter 18 Jahren ist etwas mehr als ein Drittel (35,3%) betroffen.“ (Regionaler Sozialbericht Berlin und Brandenburg 2017)

Ich möchte mit meinen weiteren Ausführungen auf den Zusammenhang Armut und Buchhandel eingehen.

1990 – im Jahr der deutschen Einheit – beschloss die US National Science Foundation das Internet kommerziell nutzbar zu machen. Amazon wurde 1994 gegründet.
Seither verlagert sich auch der Buchhandel zunehmend ins Internet und 2017 wurden 19 % aller Bücher in Deutschland über den Online-Handel abgesetzt, Tendenz steigend. Gleichzeitig reduzierte sich die Anzahl von Erstauflagen und Neuauflagen und eine immer größer werdende Anzahl junger Menschen liest weniger Bücher. Bücher muss man kaufen oder umständlich in Bibliotheken ausleihen. Das Internet ist überwiegend kostenlos. Filme und Spiele sind in Hülle und Fülle für kleines Geld verfügbar.
Damit sinken auch Lese- und Schreibkompetenz – die Arbeitgeber beklagen diesen Zustand bei Neueinstellungen von Azubis.

Aber auch Hochschullehrer verzweifeln an den sprachlichen Kompetenzen von Abiturienten. Das Lesen und Erfassen von längeren Texten – Grundlage für wissenschaftliches Arbeiten – fällt ihnen immer schwerer. Fast jeder 10. Berliner Schüler verlässt ohne Abschluss die Schule, weitere 10 % sind trotz Abschluss nicht in der Lage, zusammenhängende, längere Texte zu verstehen und wiederzugeben und deshalb für eine Ausbildung in den meisten Berufen ungeeignet.

Wie sind im 30. Jahr des Mauerfalls die etwa 250 verbliebenen Buchhandlungen über die Stadt verteilt?
 Was spiegelt die Verteilung wider?
 Hatten in den 90er Jahren die großen Filialisten den inhabergeführten Buchläden das Leben schwer gemacht, war es dann ab 2000 Amazon, welcher den großen Filialisten zusetzte und diese zwang, Filialen zu schließen. Das eröffnete dann nach 2010 im Innenstadtring vielen kleinen Buchhändlern die Möglichkeit, Nischen neu zu besetzen. Fremdsprachige Buchhandlungen und Buchhandlungen mit angeschlossenen Lese-Cafés öffneten ihre Türen.

In der beigefügten Tabelle sehen Sie die quantitative Verteilung der Buchläden in den Bezirken.
Innerhalb des Berliner S-Bahn Rings sind etwa 150 der 250 Buchhandlungen angesiedelt. Sie bedienen auch viele der etwa 13 Mio. Touristen, die jährlich Berlin besuchen und sich nur selten in die Peripherie verirren.

In den Schlafstädten sowie den Eigenheimsiedlungen im Osten und im Westen gibt es naturgemäß nur wenige Buchhandlungen.

Spannend aber ist die Beantwortung der Frage, warum es in der Innenstadt Regionen mit hohem Anteil an Buchhandlungen und einige, mit sehr geringem gibt. Paradebeispiel ist Berlin Mitte.

Das wird in Teil III noch genauer am Beispiel der Brunnenstraße Nord und Süd im Bezirk Mitte untersucht. Dann versteht man auch besser den Sarkasmus vieler Anwohner der Brunnenstraße Süd, die von „Nord- und Südkorea“ sprechen, mit der Demarkationslinie in der Bernauer Straße, da, wo noch letzte Reste der Mauer stehen und eine Gedenkstätte an die politische Teilung erinnert.

Die Sozialstatistik, das Adressverzeichnis der Buchhändler und die Lagebeschreibungen der Makler zeigen jedoch die fortbestehende Teilung im Bezirk Mitte.
Wenn Sie eine Wohnung suchen, dann zeichnet die Bernauer Straße ebenfalls die Grenze zwischen A-Lagen im Süden (Alt-Mitte, Ex-Osten) und „sonstigen Lagen“ im Norden (Wedding, Ex-Westen). In der Praxis sind das bei der Kaltmiete bis zu 130 % Unterschied.
Deshalb ziehen jene, die es sich leisten können, in den Süden der Brunnenstraße.

Ausländer und Deutsche mit Migrationshintergrund in Berlin Mitte (gerundete Zahlen) nach den größten 6 Gruppen im Jahr 2017

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Bezirk_Mitte

Um Unterschiede in der Sozialisierung muslimischer Jugendlicher, insbesondere das Bildungsverhalten besser zu verstehen, hier zwei Leseempfehlungen: Sie sind noch vor der Migrationswelle 2015 erschienen und sprechen Themen an, die heute der Political Correctness zum Opfer gefallen sind.

BMFSFJ: Gewaltphänomene bei männlichen, muslimischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund und Präventionsstrategien, 2010

https://www.bmfsfj.de/blob/74636/98ae887759a6e22eef9eff0cead54454/gewaltphaenomene-maennliche- muslimischen-jugendliche-data.pdf

Konrad Adenauer Stiftung: Muslimische Kinder und Jugendliche in Deutschland Lebenswelten – Denkmuster – Herausforderungen, 2011 https://www.kas.de/c/document_library/get_file?uuid=db25b34c-1fa9-18ca-8880- e6dc8e997ed6&groupId=252038

Das grundsätzlich andere Verständnis von Bildung, Schule und Karriere in muslimischen Familien führt letztlich dazu, dass nicht-muslimische Eltern es vermeiden, sich im Wedding anzusiedeln.

Zwei Zahlen machen das Problem deutlich:

    • Anteil Schüler/-innen nicht deutscher Herkunftssprache an den Schüler/- innen der öffentlichen Grundschulen
      91 %
    • Anzahl Buchhandlungen in einem Bezirk mit 180.000 Einwohnern
      2 Geschäfte

12 Berliner Bezirke, Anzahl Einwohner und Buchhandlungen

Die in der Tabelle genannten Buchhandlungen sind zum überwiegenden Teil inhabergeführte Geschäfte. Die großen Filialisten Hugendubel sind mit 11 Filialen, Thalia mit 15 Filialen überwiegend in Berliner Shopping-Centren vertreten.



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